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Fusion

Chemiekonzerne Dow Chemical und DuPont prüfen eine Verbindung

von Christiane Hanna Henkel / 10.12.2015

Eine allfällige Fusion der beiden größten US-Chemiekonzerne mit anschließender Aufspaltung dürfte die Kosten senken und den Fokus stärken. Oder wäre ein allfälliger Merger eine viel zu weit greifende Antwort auf ein nur kurzfristiges Problem?

Die Chemiebranche steht in den nächsten Monaten vor einer grundlegenden Neustrukturierung. Diese von Branchenkennern gewagte Prognose könnte sich schon in den nächsten Tagen bestätigen. Denn offenbar steht mit dem Zusammengehen der amerikanischen Chemieriesen Dow Chemical und DuPont zu einem Konzern mit einem Marktwert von über 120 Milliarden Dollar und einem Umsatz von rund 90 Milliarden Dollar die erste grosse Transaktion in der Branche kurz bevor. Das jedenfalls will das Wall Street Journal erfahren haben. Die beiden Unternehmen haben sich zu den Spekulationen bisher nicht geäußert. Die Aktien der beiden Unternehmen gingen am Mittwoch mit einem Plus von je rund 12 Prozent aus dem Handel.

Kosten und Konzentration

Ein Zusammenschluss, ob als Fusion oder Akquisition gestaltet, würde den beiden Konzernen bei der Bewältigung der derzeitigen Herausforderungen helfen: Beide leiden unter dem Rückgang der Nachfrage nach Pflanzenschutz und Saatgut etwa in großen Agrarstaaten wie Brasilien. Der Zerfall der Rohwarenpreise triff DuPont und Dow Chemical derzeit hart. Zudem heizt der Aufstieg neuer Konkurrenten wie jener in China den Wettbewerbsdruck in der Chemiebranche weltweit weiter an.

Der aus einem allfälligen Merger hervorgehende Konzern könnte seine Kostenbasis über die Zusammenlegung von Zentralfunktionen wohl eindeutig verbessern. Auch würde das neue Unternehmen eine starke Marktposition in bestimmten Teilbereichen des Chemiemarktes erreichen. Beide Unternehmen verfügen etwa über stattliche Aktivitäten im Bereich landwirtschaftlicher Produkte wie Saatgut (Soja, Mais usw.) und Pflanzenschutz sowie im Bereich der «performance materials» (siehe Grafik); Letztgenannter umfasst chemische Stoffe wie Amine, Epoxide oder Polyurethane, die in die Herstellung von Produkten wie Kleber, Farbstoffe oder Dämmungen fließen. Laut Medienberichten ist nach dem Zusammenschluss eine Aufspaltung in drei neue Konzerne geplant, jeweils mit dem Fokus Landwirtschaft, „performance materials“ und Kunststoffe.


Credits: Chemical & Engineering News, Geschäftsberichte, NZZ-Infografik

Beide Unternehmen gehören zu den amerikanischen Traditionskonzernen. DuPont geht zurück auf den französischen Schiesspulverfabrikanten E. I. du Pont und wurde im Jahr 1802 in den USA gegründet; einer breiteren Öffentlichkeit ist das Unternehmer durch seine Herstellung der Teflonbeschichtung für Pfannen bekanntgeworden. Das im Jahr 1897 gegründete Dow Chemical bezieht seinen Namen vom kanadischstämmigen Chemiker Herbert Henry Dow.

Aktivistische Investoren drängen Dow und DuPont dazu, Kosten drastisch zu senken.
Credits: AP Photo/Richard Drew

Die mögliche Fusion der beiden Chemiekonzerne stößt aber schon im Vorfeld auch auf heftige Kritik. Beobachter sehen in dem Schritt eine unverhältnismässig kräftige Reaktion auf ein mehrheitlich zyklisches und damit nur vorübergehendes Problem. Es sei der falsche Weg, mit einer Fusion und anschließender Zerschlagung auf einen Rückgang der Rohwarenpreise und der Nachfrage von Agrarländern zu reagieren. Damit würden zwei Konzernkulturen vernichtet, die in der Vergangenheit auch dank bedeutenden Investitionen in Forschung und Entwicklung eine hohe Innovationskraft bewiesen hätten. Und gerade diese sei im Wettbewerb, auch in Bezug auf neuen Konkurrenten etwa aus China, ausschlaggebend.

Das Drängen der Aktivisten

Als „kurzsichtig“ wird denn auch das Agieren der beiden Hedge-Funds Third Point (Daniel Loeb) und Trian (Nelson Pelz) gesehen; Ersterer hält 2 Prozent der Dow-Chemical-Aktien, Letzterer 3 Prozent der DuPont-Titel. Die beiden Aktivisten-Investoren drängen seit geraumer Zeit auf Kostensenkungen und eine stärkere Fokussierung der Konglomerate. Die Konzerne sind diesen Forderungen in den letzten Monaten bis zu einem gewissen Grad nachgekommen.


Chemie hinkt Pharma in Sachen Konsolidierung hinterher

Im Chemiesektor haben auf Fusionen und Übernahmen spezialisierte Banker und Anwälte in letzter Zeit längst nicht so viel zu tun gehabt wie in der Pharmabranche. Laut Zahlen der Marktforschungsfirma Dealogic wurden 2014 und im bisherigen Verlauf dieses Jahres in der heißlaufenden Pharma- und Biotechnologiebranche Transaktionen im Gesamtwert von je mehr als 300 Milliarden Dollar angekündigt. Im Chemiesektor beschränkten sich diese auf je rund 100 Milliarden Dollar.

Falls die erwartete Fusion zwischen Dow Chemical und DuPont zustande kommt, ergäbe sich auf Basis des jetzigen Börsenwerts der beiden US-Chemiekonzerne ein zusätzlicher Deal mit einem Volumen von gegen 120 Milliarden Dollar. Wegen der anders als im Pharmasektor noch immer stark fragmentierten Struktur der Chemiebranche halten viele Marktbeobachter diese seit längerem reif für eine Konsolidierung. Der bisherige Marktführer BASF kontrolliert mit einem Umsatz von 74 Mrd. € nur gut 2 Prozent der auf über 3000 Milliarden Euro geschätzten branchenweiten Verkäufe. Dow und DuPont würden zusammen als neue Nummer eins indes auch nur 3 Prozent des Weltmarkts auf sich vereinen.


Credits: Chemical & Engineering News, Geschäftsberichte, NZZ-Infografik

Anders als die auf die Medikamentenherstellung spezialisierten und meist global ausgerichteten Pharma- und Biotechfirmen bearbeiten die Chemieproduzenten ein weites Feld, das von Erzeugnissen der Petro-, Agro- und Bauchemie bis hin zu Nahrungsmittelzusätzen, Pigmenten oder Bestandteilen für Kosmetika reicht. Nach wie vor tummelt sich in der Branche eine Vielzahl von sogenannten nationalen Champions, deren Geschichte vor allem in Industrieländern oft weit zurückreicht. Vermehrt machen sich auch größere Unternehmen aus Schwellenländern wie China und Indien bemerkbar.

Trotz der Zersplitterung der Branche in Dutzende milliardenschwere Anbieter und viele hundert mittelgroße Gesellschaften ist umstritten, ob primär das Ausnutzen von Skaleneffekten Firmen einen Zusammenschluss suchen lässt. An der Jahrespressekonferenz des Verbands der chemischen Industrie Deutschlands in Frankfurt sagte der Verbandspräsident und Konzernchef von Bayer, Marijn Dekkers, bei einer möglichen Fusion von Dow und DuPont gehe es in seinen Augen nicht primär um Größe. Vielmehr hätte eine solche Kombination eine stärkere Fokussierung zum Ziel, ein Trend, der schon seit längerem zu beobachten sei. Laut Dekkers ist es für Chemiefirmen zunehmend schwierig, breit tätig zu sein. Wer wettbewerbsfähig bleiben wolle, müsse sich stärker spezialisieren, meinte er.

Dennoch wird die Chemiebranche wohl nicht um eine Konsolidierung herumkommen. Auf dem Sektor lastet ein großes Überangebot, das die Analytiker von Credit Suisse von geschätzten 11 Prozent im laufenden Jahr 2016 auf 14% steigen sehen. Vor allem aus Asien drängen neue Anbieter in den Markt. Viele machen rasch technologisch Fortschritte, womit westlichen Konzernen auch bei höhermargigen Produkten verstärkt Konkurrenz erwächst.