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Analyse zu Liberalisierung

China experimentiert mit ein bisschen mehr Marktwirtschaft

von Matthias Müller / 04.11.2015

Chinas Sparer wird es freuen, die Banken werden sich grämen. Die Einlagenzinsen der Geschäftsbanken sollen sich an Angebot und Nachfrage orientieren. Für den Finanzsektor wird das Klima damit rauer, analysiert NZZ-Wirtschaftskorrespondent Matthias Müller.

Als Chinas oberster Notenbanker, Zhou Xiachuan, im März vergangenen Jahres mitteilte, die Liberalisierung der Einlagenzinsen bei den Banken bis Anfang 2016 abschließen zu wollen, erntete er ungläubiges Kopfschütteln. Die Ökonomen des Beratungsunternehmens Gavekal Dragonomics bezeichneten die Aussagen Zhous damals als „kühne Verpflichtungserklärung“, denn China falle es schwer, den Finanzsektor zu reformieren. So sind etwa laut der Weltbank die Geschäftsbanken immer noch fast vollständig in Staatsbesitz, und die wichtigsten Ämter werden oft nach politischen Verdiensten und nicht nach Leistungskriterien vergeben.

Die Kommunistische Partei Chinas will dieses zentrale wirtschaftspolitische Steuerungsinstrument noch nicht aus der Hand geben. Eines Tages wird sie dies jedoch nolens volens schrittweise tun müssen, um die marktwirtschaftlichen Reformen im Reich der Mitte voranzutreiben. Im Finanzsektor besteht in puncto Öffnung des chinesischen Marktes viel Luft nach oben.

Konkurrenz durch Alibaba

Trotz aller Unkenrufe sollte Zhou mit seiner Prognose recht behalten. Beim letzten geldpolitischen Entscheid der People’s Bank of China (PBoC) vor anderthalb Wochen, als der Leitzins für die Kreditvergabe sowie jener für die Spareinlagen um jeweils 25 Basispunkte gesenkt wurde und der Mindestreservesatz um einen halben Prozentpunkt verringert wurde, kündigte sie auch die vollständige Liberalisierung der Einlagenzinsen bei den Geschäftsbanken an. Sie sollen sich künftig an Angebot und Nachfrage orientieren und nicht länger durch Vorgabe der Notenbank gedeckelt werden.

Zumindest bis Anfang kommenden Jahres will Chinas Notenbank weiter einen Leitzins für Spareinlagen benennen, um den Banken vorübergehend eine Orientierungshilfe zu geben. Die endgültige Liberalisierung lässt damit noch etwas auf sich warten.

Die PBoC reagiert mit dieser Abkehr auch auf die wachsende Konkurrenz von Internetfirmen, die Finanzdienstleistungen anbieten. Alibaba hat Tochterunternehmen wie Zhao Cai Bao und Yu’e Bao gegründet, die den Kunden nicht nur das bequeme Zahlen via Smartphone ermöglichen, sondern auch mit ihren Geldmarkt-Funds Einlagenzinsen offerieren, die jenen der Geschäftsbanken überlegen sind.

In der Zwickmühle

Für diese wird die Lage nach dem Entscheid der PBoC nun noch ungemütlicher, denn sie werden von zwei Seiten in die Zange genommen: Während durch die Liberalisierung der Einlagenzinsen der Druck zu marktgerechten Angeboten – also höheren Zinsen für die Kunden – steigen wird, machen sich zusätzlich die seit November vergangenen Jahres erfolgten sechs Zinssenkungen in den Bilanzen bemerkbar.


Credits: IIF, Gavekal

In einer Analyse der elf größten börsenotieren Geschäftsbanken kommt die Rating-Agentur Moody’s zum Schluss, dass die Nettozinsspanne – als Differenz zwischen den Kredit- und den Einlagenzinsen – Ende Juni des laufenden Jahres 2,51 Prozentpunkte betrug; sechs Monate zuvor hatte sie noch um 19 Basispunkte höher gelegen. Diese Entwicklung trifft die Geschäftsbanken hart, da 75 Prozent ihres Gesamteinkommens immer noch aus den Einnahmen mit dem Zinsgeschäft stammen. Inzwischen versuchen sie, einen Teil der rückläufigen Zinseinnahmen durch höhere Gebühren im Geschäft mit Kreditkarten sowie im Investment Banking auszugleichen – mit bis jetzt bescheidenem Erfolg.

Hochverschuldete Firmen

Erschwerend kommt hinzu, dass es als Folge der wirtschaftlichen Verlangsamung vielen bereits hochverschuldeten Unternehmen – im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung nimmt die Verschuldung der Firmen mit bis zu 180 Prozent weltweit einen Spitzenwert ein – schwerer fällt, die Schuldzinsen zu begleichen. Laut offiziellen Statistiken belief sich der Anteil notleidender Kredite der Geschäftsbanken – im Verhältnis zu allen Krediten – Ende Juni dieses Jahres auf noch niedrige 1,5 Prozent; ein Zuwachs von 25 Basispunkten gegenüber Dezember vergangenen Jahres steckt dahinter.

Der vergleichsweise geringe Wert resultiert auch aus den deutlich gestiegenen Abschreibungen der Banken auf notleidende Kredite in den vergangenen Monaten. Unklar bleibt, ob diese Maßnahmen ausreichen werden, oder ob die Steuerzahler wie Ende der neunziger Jahre wieder in die Bresche springen müssen, um Banken zu rekapitalisieren.

Die negative Entwicklung schlägt sich inzwischen in den Geschäftszahlen nieder. Der Nettogewinn des Bankensektors habe im ersten Halbjahr 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur noch um 1,5 Prozent zugelegt, nachdem der Zuwachs im gesamten vergangenen Geschäftsjahr noch 9,6 Prozent betragen habe, schreibt das Institute of International Finance (IIF) in seinem „China Spotlight“. Besonders hart traf es die vier großen Banken – Industrial and Commercial Bank of China, Bank of China, China Construction Bank und Agricultural Bank of China. Deren Nettogewinn erhöhte sich im ersten Halbjahr 2015 nur noch um 0,8 Prozent; im Vorjahreszeitraum belief sich das Wachstum noch auf neun Prozent. Auch der Ausblick für den Rest des Jahres bleibt trüb. Die Nettozinsspanne werde sich wegen der expansiveren Geldpolitik weiter verringern, und die Gebühreneinnahmen aus dem Handel der Kunden mit Aktien seien als Folge der Börsenturbulenzen im Sommer zurückgegangen, schreibt Moody’s in einer Studie.

Welche Bedeutung diese Banken inzwischen haben, zeigt die Tatsache, dass das Financial Stability Board am Dienstag die China Construction Bank als viertes Geldhaus des Landes für systemrelevant erklärt hat.

Weitere Senkungen zu erwarten


Credits: IIF, Gavekal

Dass sich die Geldpolitik der PBoC wandelt, zeigt sich neben der Zinsliberalisierung und der damit verbundenen Abkehr vom Leitzins für Spareinlagen auch in dem schrittweisen Abbau des Mindestreservesatzes, der mit nunmehr 17 Prozent im internationalen Vergleich jedoch noch immer hoch ist. Chinas Notenbank macht nun eine Entwicklung rückgängig, die sie bis 2011 vorangetrieben hatte. Betrug der Mindestreservesatz 2006 noch 7,5 Prozent, belief er sich fünf Jahre später auf 21,5 Prozent. Die PBoC schöpfte mit diesen Schritten die hohe überschüssige Liquidität am chinesischen Bankenmarkt als Folge von Netto-Kapitalzuflüssen aus dem Ausland ab.

Da sich dieser Effekt derzeit dreht und Kapital wieder abfließt, reagiert die Notenbank mit sinkenden Mindestreservesätzen darauf. Verringert sie diese um 500 Basispunkte, schafft sie damit zusätzliche Liquidität von 700 Milliarden Yuan (rund 101 Milliarden Euro) – angesichts der immer noch hohen Mindestreservesätze verfügt sie über ausreichenden Spielraum. Weitere Senkungen sind in den kommenden Monaten bei andauernden Kapitalabflüssen zu erwarten.