Chinas Aktienboom findet neue Nahrung

von Norbert Hellmann / 28.04.2015

Trotz zunehmender Warnungen vor einer Überhitzung setzt sich in China die von Kleinanlegern angetriebene Hausse fort. Für neue Kursphantasie sorgen Gerüchte, dass die Regierung Großfusionen unter chinesischen Staatsunternehmen plant, berichtet Norbert Hellmann aus Shanghai für die NZZ.

Chinas Kleinaktionäre lassen sich nicht Bange machen und heizen die gewaltige Hausse der letzten Wochen weiter an. An der führenden Festlandbörse in Shanghai schnellte der Hauptindex Shanghai Composite am Montag um 3,1 Prozent nach oben und erreichte bei 4.528 Punkten den höchsten Stand seit sieben Jahren. Für den marktbreiten Index sind Tagesbewegungen jenseits von 3 Prozent eine Seltenheit. Erneut färbte das Rally auch auf den für ausländische Investoren frei zugänglichen Hongkonger Markt ab. Die im Hang Seng China Enterprises vertretenen chinesischen Werte legten um 1,7 Prozent auf den höchsten Stand seit Januar 2008 zu.

Neue Motive

Es gibt zahlreiche Belastungsfaktoren für den Markt, allen voran die im ersten Quartal deutlich eingetrübte Konjunktur, ein verstärkter Druck auf die Unternehmensgewinne sowie das Aufkommen von Zahlungsausfällen bei Firmenanleihen. Dennoch finden Millionen von Privatanlegern, die seit Monaten massiv in die Aktienanlage gehen, immer neue Motive, um die Goldgräberstimmung am Laufen zu halten. Am Montag lancierte die staatliche Wirtschaftszeitung „Economic Information Daily“ Gerüchte, dass die Regierung im Rahmen ihrer Reformpläne die Staatsunternehmen auf eine Konsolidierung setzt, die in zahlreichen Großfusionen münden könnte.

Die latente Aussicht auf eine Fusionswelle bei den derzeit 112 direkt von der Zentralregierung kontrollierten Staatsunternehmen hat am Montag vor allem die Energiebranche beflügelt. Die Aktien der beiden führenden Ölkonzerne Petrochina und Sinopec schnellten denn auch mit der höchstzulässigen Tagesbewegung von 10 Prozent in die Höhe. Gleiches galt für den Seefrachtriesen China Cosco Holdings und die Eisenbahngesellschaften China Railway Construction Group und China Railway Group. Vor einigen Wochen hatte es bereits einmal Gerüchte gegeben, dass Peking eine staatlich orchestrierte Fusion der Ölriesen Petrochina und Sinopec erwägt, die dann allerdings von allen Seiten wieder bestritten wurden.

Sollten sich die Anzeichen verdichten, dass Peking mit einem großen Fusionsplan aufwartet, dürften den betroffenen Unternehmen noch deutliche Kursgewinne beschieden sein und dürfte die chinesische Hausse weiter am Leben gehalten werden, heißt es bei Experten. Andererseits mehrten sich in den letzten Tagen aber auch warnende Stimmen, die den chinesischen Markt nach der steilen Aufwärtsbewegung mittlerweile für korrekturbedürftig halten.

Wachsende Exzesse

In den vergangenen sechs Monaten hat der Shanghai Composite nunmehr um 88 Prozent zugelegt, binnen Jahresfrist kommt man auf eine Performance von 114 Prozent. Der Chef des weltgrößten Fondsverwalters, Blackstone Group, Steve Schwarzmann, etwa sieht „wachsende Exzesse“ im chinesischen Aktienmarkt. Eine immer breitere Masse von Kleinanlegern spekuliert mit hohen Risiken auf der Basis von Wertpapierkrediten. So wurden allein in diesem Jahr weit über 10 Millionen neue Wertpapierkonten bei Brokern eröffnet. Mittlerweile wächst auch die Unruhe bei den Regulatoren. Bisherige öffentliche Aufrufe der Zentralbank und der Wertschriftenbehörde China Securities Regulatory Commission (CSRC) an die Kleinanleger haben wenig gefruchtet. Auch die jüngsten Erleichterungen bei Leerverkäufen (Short Selling), mit welchen sich auf eine Baisse spekulieren lässt, zeigen noch keine Wirkung.

Zuletzt hatte die CSRC am Freitag eine Mitteilung verbreitet, dass sie strikter gegen Aktienmanipulationen und Insiderverstöße bei chinesischen Brokerhäusern vorgehen will. Analytiker halten auch neue Beschränkungsmaßnahmen für die Vergabe von Wertpapierkrediten für denkbar. Hier ist das ausstehende Volumen auf ein Allzeithoch von 1,2 Billionen Yuan (185 Milliarden Franken) angeschwollen. Bei der UBS etwa heißt es, man müsse möglicherweise mit drakonischen Beschränkungen chinesischer Regulatoren rechnen, wenn in Peking die Angst vor einer Aktienblase überhandnehmen sollte.

Stramme Bewertungen

Der chinesische Aktienmarkt galt zwar nach der langen Durststrecke zwischen 2009 und 2014 als stark unterbewertet, doch nun ist die Aufholjagd gefährlich schnell vorangekommen. So hat sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der erzielten Gewinne bei nunmehr knapp 22 seit Jahresbeginn 2014 mehr als verdoppelt. Auch beim zukunftsgerichteten KGV für die in den kommenden 12 Monaten erwarteten Gewinne von nunmehr 17,5 kommt der Shanghai Composite für ein Schwellenland auf eine mittlerweile sehr stramme Bewertung, die sich mit Multiplikatoren von gut 17 für den MSCI-World-Index und knapp 13 für den MSCI-Emerging-Market-Index vergleicht.

Zahlreiche Analytiker trauen dem chinesischen Markt dennoch weitere Höhenflüge zu. Zum einen, weil die Nachfrage der chinesischen Kleinanleger noch lange nicht befriedigt scheint; zum anderen, weil mit den Reformplänen der Regierung zahlreiche neue Chancen für den privaten wie auch staatlichen Unternehmenssektor verbunden werden. Vor diesem Hintergrund wird dem Shanghai Composite trotz möglichen Rückschlägen zugetraut, bis zur Jahresmitte auf 5.000 Punkte zu steigen und damit eine weitere Avance von gut 10 Prozent hinzulegen.