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Außenhandel

Chinas Appetit auf Rohstoffe

von Matthias Müller / 09.09.2016

Seit 2014 gingen die Importe nach China Monat um Monat zurück. Das hat sich im August geändert. Das neue iPhone von Apple spielt dabei auch eine Rolle.

Damit haben selbst Optimisten nicht gerechnet. Chinas Aussenhandel hat sich im August besser geschlagen, als die von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragten Ökonomen prognostiziert hatten. Während die in Dollars bewerteten Ausfuhren im Vergleich mit dem Vorjahresmonat noch immer mit –2,8% im negativen Bereich lagen, wiesen die Einfuhren mit einem Plus von 1,5% erstmals seit 21 Monaten wieder ein positives Vorzeichen auf. Der Handelsbilanzüberschuss betrug 52,1 Mrd. $, nach 52,3 Mrd. $ im Vormonat, wie die staatliche Zollbehörde am Donnerstag mitteilte.

Einfuhr von Kohle zieht an

Überraschend kam die Erholung bei den Importen. In den nackten Zahlen spiegelt sich zwar ein erwarteter Basiseffekt, weil im August die Preise für Rohstoffe gegenüber dem Vorjahr angezogen und sich entsprechend positiv in den Statistiken niedergeschlagen haben. Allerdings stecken hinter den sich belebenden Importen vorrangig zwei Faktoren. Erstens lanciert Apple – neben weiteren Elektronikkonzernen – neue Produkte. Die Amerikaner lassen das iPhone in China zusammenbauen. Für diesen Prozess benötigen die Produktionsstätten im Reich der Mitte jedoch Zulieferungen aus dem Ausland, was sich – zumindest vorübergehend – positiv in den Importzahlen bemerkbar macht. Sobald der Verkauf der neuen Produkte anläuft, wird sich dieser Effekt positiv auf die Exportzahlen auswirken.

Gefragte Rohstoffe

Zweitens dürften hinter den sich erholenden Importen vor allem die staatlichen Infrastrukturprogramme und der sich dadurch belebende Binnenkonsum stecken. Ein Blick auf die importierten Mengen zeigt, wie stark die Nachfrage nach Rohwaren als Folge der staatlichen Konjunkturprogramme angezogen hat: Gemessen in Tonnen erhöhten sich die Einfuhren von Eisenerz, Öl und Kupfer im zweistelligen Prozentbereich. Und der Import von Kohle legte gar um mehr als 50% zu, weil in China die Minenbetreiber den Abbau drosseln mussten, um die Überkapazitäten in diesem Sektor zumindest etwas abzubauen.

Auf der Ausfuhrseite profitiert Chinas Exportwirtschaft von einer sich langsam erholenden Weltwirtschaft – auf allerdings noch immer niedrigem Niveau und bei weiter wenig erbaulichen Aussichten. So lagen die Exporte in die 28 Länder der EU im August mit 2,4% im Plus, nachdem sie im Vormonat noch um 3,7% geschrumpft waren. Auch die Ausfuhren nach Japan legten leicht um 0,4% zu, nach einem Minus von 5,3% im Juli. Auffallend ist jedoch, dass im Ausland trotz den stark gestiegenen Löhnen noch immer arbeitsintensive Produkte wie Textilien und Möbel „made in China“ gefragt sind. Die Ausfuhren dieser Güter zogen im August im Vergleich mit dem Vorjahresmonat um 5,2% bzw. 2,2% an. Diese Entwicklung lässt sich auch mit dem leicht schwächelnden Yuan erklären, der den Effekt stark gestiegener Löhne etwas abfedert.

Dennoch hat China allen Unkenrufen zum Trotz in den vergangenen Jahren den Anteil bei den Warenexporten im weltweiten Vergleich stetig erhöht. Belief er sich 1983, also kurz nach der von Deng Xiaoping initiierten Öffnung des Landes, auf gerade einmal 1,2%, lag er laut der Welthandelsorganisation (WTO) im vergangenen Jahr bei 14,2%. Der Aufstieg Chinas zur weltweit führenden Exportnation nahm mit dem WTO-Beitritt des Landes im Dezember 2001 eine neue Dynamik an. Parallel dazu verloren die einst die Weltwirtschaft dominierenden Volkswirtschaften – wie die USA, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Japan – Marktanteile. Besonders markant sind die Verschiebungen für die japanischen Exportunternehmen. Betrug deren Anteil an den weltweiten Exporten 1983 noch 8,0%, belief er sich im vergangenen Jahr auf noch 3,9%.

Munition für US-Wahlkampf

Für Unruhe sorgen im Präsidentschaftswahlkampf die Zahlen für die USA. Der Anteil der amerikanischen Exportwirtschaft an den weltweiten Ausfuhren ging seit 1983 um annähernd 2 Prozentpunkte auf 9,4% zurück. Für einfach strukturierte Geister liegt der Befund auf der Hand: Die Chinesen klauen den Amerikanern die Arbeitsplätze in der Verarbeitung. Es handelt sich jedoch um keine Einbahnstrasse, auch die USA profitieren kräftig von der Einbindung Chinas in die Weltwirtschaft und dem wachsenden Wohlstand. So exportieren US-Landwirte 18% ihrer Produkte (Verweis) nach China und Hongkong; vor einem Jahrzehnt betrug der Anteil noch 10%.

Zudem wandelt sich die Struktur der chinesischen Exporte. Arbeitsintensive Güter wie Textilien und Möbel spielen zwar noch immer eine wichtige Rolle. Allerdings gewinnen zunehmend auch Hightech-Produkte aus China Weltmarktanteile hinzu. Konzerne wie Huawei nehmen eine Vorreiterrolle ein. Sie sind ein treibender Faktor hinter den gestiegenen Exportanteilen der chinesischen Wirtschaft. Geht es nach dem Willen der Machthaber in Peking, sollen künftig Unternehmen aus anderen Branchen hinzukommen. Vor diesem Hintergrund sind die Zukäufe im Ausland zu sehen. Erwirbt Midea den deutschen Roboterhersteller Kuka, kauft man sich in mögliche Zukunftstechnologien ein, die das bestehende Wirtschaftsmodell nach und nach ablösen sollen.