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Private werden übertrumpft

Chinas Firmen bezahlen ihre Einkaufstour mit viel Staatsgeld

von Daniel Hug / 07.02.2016

Chem China will den Basler Saatgutkonzern Syngenta schlucken – und das ist wohl erst ein Anfang. Firmenkäufe können zu beidseitigem Vorteil sein. Störend ist jedoch, wenn chinesische Firmen dank ihrer Staatsnähe im Bieterkampf private Firmen übertrumpfen können.

Selbst für chinesische Verhältnisse ist es ein großer Brocken: 43 Milliarden Franken in bar stellt Chem China bereit, um den Basler Agrochemiekonzern Syngenta zu schlucken. Mit dem Geld hätte der Staatskonzern auch die Credit Suisse kaufen können – und die Bank Julius Bär dazu.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass chinesisches Kapital in den nächsten Jahren vermehrt Schweizer Unternehmen aufkaufen wird: Die Führung in Peking unter Staatspräsident Xi Jinping erachtet Firmenkäufe im Ausland als wichtigen Beitrag, um die chinesische Volkswirtschaft innovativer und effizienter zu machen – mit anderen Worten zu modernisieren. Dazu sollen Chinas Manager in die Welt ausschwärmen. Prognosen gehen davon aus, dass sich die chinesischen Direktinvestitionen im Ausland in den nächsten fünf Jahren fast verdoppeln – von 800 auf rund 1.500 Milliarden Dollar.

Lange Jahre haben westliche Unternehmen, darunter etliche von Schweizer Provenienz, im Reich der Mitte Firmen und Fabriken gekauft und aufgebaut. Doch im letzten Fünfjahresplan (2011–2015) hat die Führung der Kommunistischen Partei beschlossen, dass die Internationalisierung chinesischer Unternehmen gefördert werden soll. Seit 2014 ist eine verstärkte Offensive zu spüren; Chinas Unternehmen jagen nun in Europa vor allem Weltmarktführer, Spitzentechnologie und etablierte Marken.

Nach einer Reihe von Zukäufen in Deutschland ist jetzt die Schweiz stärker in den Fokus geraten. Sie bietet den Chinesen ein attraktives Feld: Schweizer Firmen forschen intensiv, besitzen viele Patente und Marken von Weltruf. Syngenta hat 7.000 Sorten Saatgut im Angebot, ist führend bei Pflanzenschutzmitteln und schützt seine Forschung mit unzähligen Patenten. Chinas Lenker wissen, dass sie die Produktivität in der Landwirtschaft erhöhen müssen, um mit ihrem beschränkten Agrarland ihre 1,4 Milliarden Einwohner ernähren zu können.

Gerät Syngenta in die Hand der Chinesen, muss das nicht unbedingt schlecht für das Unternehmen sein: Der Basler Konzern erhält einen privilegierten Zugang zum gigantischen chinesischen Markt. Mit den erzielbaren Größenvorteilen wird er sich besser gegenüber der Konkurrenz behaupten können. Wichtige Bereiche wie der Hauptsitz und vor allem die Forschung und Entwicklung dürften in der Schweiz bleiben. Das können die Schweizer und Europäer bisher einfach besser als die Chinesen. Ihre Hightech-Konzerne wie Huawei verlegen sogar Forschungsabteilungen nach Deutschland.

Dass China durchaus positive Impulse geben kann, illustriert das Beispiel Volvo: Als der schwedische Autohersteller von der chinesischen Geely aufgekauft wurde, war der einstige Vorzeigebetrieb angeschlagen. Die Chinesen halfen mit Investitionen, etablierten Volvo im chinesischen Markt – und steuerten die Schweden in die Gewinnzone.

So verlockend die Milliarden aus China für die heute schon mehrheitlich ausländischen Syngenta-Aktionäre sind, ist das Gelingen der Fusion noch von einer amerikanischen Regierungsbehörde abhängig. Ob die Regierung Obama akzeptiert, dass der texanische Farmer künftig seine Felder mit genmanipuliertem Saatgut bestreut, das letztlich von der Kommunistischen Partei Chinas kontrolliert wird, steht noch nicht fest.

Dass der Parteiapparat immer noch so viel Macht auf sich vereint, birgt für die Wirtschaft unkalkulierbare Risiken. Im Zuge der Antikorruptionskampagne von Präsident Xi Jinping, den die Chinesen den „schlauen Kaiser“ nennen, sind über 200.000 Parteimitglieder und Staatsfunktionäre in Gefängnisse gesetzt worden. Die Säuberungswelle verunsichert und lähmt den Staatsapparat wie das Wirtschaftsleben.

Stößt der gelenkte Staatskapitalismus auf die Marktwirtschaft westlicher Prägung, tritt neben den Kulturunterschieden ein weiteres Problem auf. Staatsnahe Firmen wie Chem China haben Zugang zu unerschöpflichen Finanzmitteln des Staates. Der Mischkonzern, der alles Mögliche von Chemikalien, Dünger und Pestiziden bis zu Reifen und Spritzgussmaschinen für Plastik herstellt, ist wenig profitabel und ächzt unter der Last der Verpflichtungen: Der Schuldenberg ist fast zehnmal so hoch wie der ordentliche Betriebsertrag. Trotzdem konnte dieser Staatsbetrieb im Bieterkampf jeden anderen Konkurrenten aus dem Feld schlagen – dank seinem Zugang zum Staats-Tresor.

Marktwirtschaftlich gesprochen müsste derjenige die Firmenressourcen übernehmen, der den größten Nutzen daraus ziehen kann – und darum auch am meisten zu zahlen bereit ist. Die Staatskapitalisten aus dem Reich der Mitte setzen diesen Grundsatz außer Kraft. Sie richten sich nach anderen Prioritäten, etwa nach dem Fünfjahresplan des Zentralkomitees. Diese Art von Planwirtschaft erzeugt regelmäßig Überkapazitäten und Fehlinvestitionen, weil sich die Welt anders bewegt, als die Funktionäre denken.

Europäischen Firmen ist es gesetzlich untersagt, irgendwelche „staatlichen Beihilfen“ von ihren Regierungen zu erhalten. Sie müssen aber gleichzeitig mit chinesischen Firmen konkurrieren, die von unbeschränkten Krediten staatseigener Banken und unterstützender Industriepolitik profitieren. Auf diese Art von Unternehmen, die letztlich bloß Staatsinteressen kaschieren, muss man speziell achten. Vor allem, wenn China in den nächsten Jahren mit 700 Milliarden Dollar auf Firmeneinkauf geht.