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Aktienmarkt

Chinas „Kasino“ schließt nach 28 Minuten

von Matthias Müller / 07.01.2016

Chinas Börse hält die Welt in Atem. Am Donnerstag wurde der Aktienhandel vorzeitig eingestellt. Zwei Gründe stecken dahinter: eine bald ablaufende Frist und der vermeintlich schwache Yuan.

Das neue Jahr ist zwar noch jung, doch Chinas Börsen sind in Rekordlaune – wenn auch im negativen Sinn. Nachdem am Donnerstag abermals der Handel wegen stark gesunkener Aktienkurse vorzeitig eingestellt worden war, lautet das Resultat nach vier Handelstagen 2016: In 50 Prozent der Fälle dürfen sich die Händler in China auf einen frühzeitigen Feierabend freuen. Dauerte es am vergangenen Montag, dem ersten Handelstag im neuen Jahr, noch bis 13.33 Uhr Ortszeit, bis der Handel auf Basis einer neuen Regel mit dem Namen „Circuit Breaker“ abgebrochen wurde, ging es an diesem Donnerstag deutlich schneller.

„Race to the Bottom“

Startete der Leitindex in Shanghai – der Shanghai Composite Index – bereits mit einem Minus von 1,5 Prozent in den Tag, gab es nach 13 Minuten schon die erste Unterbrechung. Nachdem der Hushen-300-Index (CSI-300-Index), der die gemessen an der Marktkapitalisierung wichtigsten Aktien der Börsen in Schanghai und Shenzhen enthält, war um mehr als fünf Prozent gesunken war, gab es eine fünfzehnminütigen Pause. Danach dauerte es gerade einmal eine Minute, bis die nächste Schwelle mit einem Verlust von sieben Prozent erreicht war. Dann wurde der Handelstag an Chinas Börsen beendet.

Die Vorkommnisse zeigen, dass Chinas Machthabern punkto Regulierung des Aktienmarkts kein glückliches Händchen haben. Eigentlich ist der seit diesem Jahr gültige „Circuit Breaker“ als automatischer Stopp-Mechanismus installiert worden, um Volatilität aus dem Handel zu nehmen: „Wenn der CSI-300-Index um mehr als sieben Prozent sinkt, müssen ungewöhnliche Faktoren dahinter stecken“, lautet die Logik hinter diesem Ansatz, den Handel vorzeitig zu beenden, um weiteres Ungemach abzuwenden. Allerdings sind staatliche Eingriffe mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden.

In der Vergangenheit gab es an Chinas Börsen im Laufe des Morgenhandels immer wieder Kurseinbrüche von fünf Prozent und mehr, die im Laufe des Tages ausgeglichen wurden. Durch die neue Regel findet im Wissen um die Schwellen nun jedoch ein Wettlauf nach unten („Race to the Bottom“) statt. Dabei versucht jeder spätestens nach der fünfzehnminütigen Pause sich möglichst schnell von den Positionen zu trennen, weil man sonst nach der endgültigen Sistierung des Handels bis zum nächsten Tag zur Untätigkeit gezwungen ist.

Irrationale Investoren

Die Erfahrungen der vergangenen Monate zeigen, dass der Handel an Chinas Börsen dem Glücksspiel in Kasinos ähnelt. Laut Michele Geraci von der Universität in Nottingham entscheiden die individuellen Investoren am Aktienmarkt in Shanghai – wenn überhaupt – auf Basis einer technischen Analyse, ohne dabei fundamentale Unternehmens-Kennziffern im Blick zu haben. Ketzerisch ließe sich anmerken, dass es wohl auch etliche Chinesen gibt, die ihr Glück versuchen und Valoren von Firmen kaufen, von denen sie nicht einmal den Hauch einer Ahnung haben, in welcher Branche sie überhaupt tätig sind.

Für rationale Investoren lautet daher der einfache Rat: Hände weg vom chinesischen Aktienmarkt. Allerdings sollte man sich in Europa und den USA mit hämischen Kommentaren zurückhalten. Während der Dotcom-Blase suchten viele Kleinanleger ihr Glück an den Börsen und mussten dann – auch wegen ihres Nichtwissens – kräftig Federn lassen, als die Blase platzte.

In schlechten Börsenzeiten gibt es jedoch auch gute Nachrichten aus China. Die Turbulenzen an Chinas Aktienmärkten haben keine gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen im Reich der Mitte. Im Vergleich mit den USA ist die Zahl der chinesischen Aktienbesitzer verschwindend gering, weshalb der private Konsum nicht unter den Einbrüchen der Börse leiden wird. Als China im Sommer des vergangenen Jahres ähnlich turbulente Börsenwochen durchmachte, stiegen die Einzelhandelsumsätze gar an. Zudem spielt der Aktienmarkt – im Gegensatz zum Bankkredit – bei der Finanzierung von Unternehmen keine Rolle.

Regulierer regulieren weiter

Hinter dem abermaligen vorzeitigen Abbruch des Handels an diesem Donnerstag dürften zwei Faktoren stecken. Erstens hatten die Händler den kommenden Freitag im Blick. Als im Sommer die Börsen taumelten, verordnete die Börsen-Regulierungsbehörde am 8. Juli, dass alle Investoren, deren Aktienbestand an einem Unternehmen die Schwelle von fünf Prozent überschritt, sich für ein halbes Jahr nicht von ihrem Papieren trennen dürfen. Dieser Tag rückt nun näher. Da viele Händler davon ausgehen, dass sich vor Ende dieser Frist Investoren, denen seit einem halben Jahr die Hände gebunden sind, von ihren Valoren trennen werden, reagierten sie wie bereits am Montag dieser Woche: Sie verkauften ihre Anteile, um sie zu Geld zu machen, nachdem am Mittwoch sich die Börsen wieder erholt hatten.

Da Regulierer dazu da sind, um zu regulieren, ohne auf Risiken und Nebenwirkungen zu achten, hat die chinesische Börsen-Aufsichtsbehörde nun einen neuen Ansatz gewählt. Der bisherige Verkaufsstopp wird aufgehoben, dafür dürfen ab kommenden Montag all jene Aktienbesitzer, deren Anteil an einem Unternehmen die Marke von fünf Prozent übersteigt, nicht mehr als ein Prozent – in Relation zum gesamten Aktienbestand einer Firma – am Open-Market verkaufen; der Block-Trade – der außerbörsliche Verkauf zu einem ausgehandelten Preis – ist weiterhin erlaubt. Und selbst wenn sich diese Großinvestoren von einem kleineren Bestand trennen wollen, müssen sie ihre Absichten 15 Arbeitstage im Voraus bekanntgeben.

Geänderte Wechselkurspolitik

Neben dem Ende dieser Frist gibt es noch einen zweiten Grund, mit dem sich die Börsenturbulenzen an diesem Donnerstag erklären lassen. Die Märkte schauen zunehmend auf den gegenüber dem Dollar schwächeren Yuan und der Differenz zwischen dem Onshore- und Offshore-Wechselkurs. Dahinter stecken Spekulationen, dass die People’s Bank of China (PBoC) eine weitere Schwächung des Yuan gegenüber der amerikanischen Währung akzeptiert, was als Eingeständnis eines harzigen wirtschaftlichen Verlaufs gewertet wird.

Allerdings gerät in Vergessenheit, dass Chinas Notenbank seit rund einem Monat sich von ihrer bisherigen Wechselkurspolitik verabschiedet hat. Wurde diese bis dahin am Dollar ausgerichtet, liegt nun die Entwicklung des Yuan gegenüber einem handelsgewichteten Währungskorb im Fokus der PBoC.

Da aber derzeit schwache Devisen wie der Euro und der Yen in den Überlegungen der chinesischen Notenbank einen größeren Raum einnehmen, verliert der Yuan gegenüber dem Dollar, ohne dass er im Vergleich mit den Währungen der wichtigsten Handelspartner zu stark an Wert gewinnt. Es handelt sich weniger um eine Schwäche der chinesischen Währung, als vielmehr um eine Stärke des Dollar. Diese Entwicklung wurde durch die die Zinswende in den Vereinigten Staaten noch verstärkt.