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Chartbook

Chinas langer Schatten – das Jahr in 12 Grafiken

von Lukas Sustala / 31.12.2015

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und weil in einem Jahr doch viel passieren kann, fassen wir es in zwölf Grafiken zusammen. Vom Franken-Schock bis zu den Aktienmärkten, von Österreichs Banken bis zum Ölpreis. Und vom Schock der chinesischen Abwertung, die dieses Jahr auch auf die US-Notenbank ihre Schatten warf. Was 2015 im Phänomen Geld bewegte, begeisterte und schockierte.

Die Schweizer schockierten

Der Schweizer-Franken-Schock steckt zahlreichen Österreichern noch tief in den Knochen. Schließlich haben viele Kreditnehmer Geld für ihre Immobilien in Schweizer Franken aufgenommen. 24 Milliarden Euro an Frankenkrediten sind per drittem Quartal noch ausstehend. Die österreichischen Kreditnehmer haben wie die Schweizer Wirtschaft zu Jahresbeginn einen kräftigen Schock abbekommen. Die Schweizerische Nationalbank hat den „Mindestkurs“ zum Euro zu Jahresbeginn aufgegeben, und plötzlich schoss der Franken in die Höhe und war zeitweise sogar mehr wert als der Euro.
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Die Europäische Zentralbank expandierte

Was die Schweizerische Nationalbank im Jänner unternahm, war ein Vorbote für das, was die Europäische Zentralbank im Februar tat. Die Währungshüter in Frankfurt öffneten die Geldschleusen und starteten ein milliardenschweres Ankaufprogramm für Staatsanleihen und andere Papiere. 60 Milliarden Euro pro Monat investiert die EZB seit Februar und hat damit ihre Bilanz seit Ende Februar um 611 Milliarden Euro anschwellen lassen. Der Euro ist mittlerweile deutlich schwächer, der Wirtschaftsaufschwung lässt noch auf sich warten.
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Der Bond-Markt crashte – kurz

Wer kleine Bewegungen sehen möchte, braucht ein Vergrößerungsglas. Auch auf dem Anleihenmarkt war das dieses Jahr nötig. Denn die Zinsen sind vielerorts auf den Nullpunkt gefallen. Besonders krass sehen die Bewegungen auf dem Markt für verzinsliche Wertpapiere aus, wenn man ein besonders lang laufendes Papier hernimmt. In Europa ist das vor allem eine Anleihe der Republik Österreich, die noch 47 Jahre bis 2062 läuft. Sie hat vom Höchststand im April knapp 27 Prozent ihres Wertes verloren.
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Die Ölkrise verschärfte sich

Der Ölpreis kannte 2015 nur eine Richtung: nach unten. Was gut für Autofahrer und Konsumenten im Allgemeinen ist, ist schlecht für Ölkonzerne. Die international tätigen Ölmultis haben hunderte Milliarden Dollar an Investitionsprojekten auf Eis gelegt. Auch das nach vielen Kennzahlen größte Unternehmen Österreichs, die OMV, wurde von dem Schock getroffen, reagierte mit Investitionskürzungen und plant einen Asset-Tausch mit Gazprom. An der Börse hat sich der Kurs der OMV zuletzt deutlich besser entwickelt, als es der Ölpreis vermuten ließe.
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Chinas Währung taumelte

Chinas Wirtschaft kannte jahrelang nur einen Modus: Boom. Und damit verbunden war die Erwartung von stetiger Aufwertung der Währung Yuan gegen den US-Dollar. In diesem Sommer ging es überraschend in die andere Richtung, China wertete seine Währung ab. Damit verbunden waren Turbulenzen auf dem internationalen Rohstoffmarkt und die Erwartung von Investoren, dass China deutlich langsamer wachsen wird. Europas Exporteure müssen sich allerdings nicht vor allzu billigen chinesischen Exporten fürchten, denn gegen den – noch schwächeren – Euro hat der Yuan 2015 immer noch aufgewertet.
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Achsen invertiert, um die Ab- und Aufwertungen des Yuan zu zeigen.

Die US-Notenbank erhöhte – endlich – die Zinsen

Die US-Notenbank hat im Dezember erstmals seit 2006 die Zinsen angehoben. Die Effekte der kleinen Zinserhöhung (von einer Bandbreite zwischen null und 0,25 Prozent auf 0,25 bis 0,5 Prozent) dürften makroökonomisch zwar eher gering ausfallen. Dafür aber hat die Erwartung der höheren Leitzinsen den Hochzinsanleihenmarkt erschüttert. Die „Ramschanleihen“, mit denen sich viele US-Firmen in den vergangenen Jahren finanziert haben, sind massiv unter Druck gekommen. Ein weiterer Grund war der gefallene Ölpreis, der Energiekonzerne an den Rand der Pleite treibt. Der Risikoaufschlag auf Hochzinsanleihen ist mittlerweile knapp zwei Prozentpunkte höher als noch im Sommer.
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Die Welt blieb geldpolitisch gespalten

Wenn sich Sparer in Österreich über die niedrigen Zinsen beklagen, dann sind sie in Europa dabei in guter Gesellschaft. In Ländern wie der Schweiz sind die Zinsen auf Einlagen sogar noch niedriger. Doch global betrachtet sind die Nullzinsen ein relativ „westliches“ Phänomen. Industrienationen haben ihre Zinsen nahe null, schließlich ist die Inflation auch – ölpreisbedingt – extrem niedrig. In Ländern, die unter dem Eindruck einer aktuellen Vertrauenskrise stehen (Russland oder Brasilien) sind die Leitzinsen aber deutlich zweistellig.

Österreichs Banken kämpften um Vertrauen

2015 war ein turbulentes Jahr für österreichische Banken. Die UniCredit hat mit ihrem Sparpaket bei der Bank Austria viele Schlagzeilen gemacht, zuvor hat die Raiffeisen Bank International Kürzungen in ihrem internationalen Geschäft, vor allem in Osteuropa, bekannt gegeben. 2015 war aber trotzdem ein Jahr, in dem es durchaus auch Verbesserungen auf dem heimischen Bankenmarkt gegeben hat. Bei der Erste Group etwa rechnen Investoren nicht mehr mit großen Abschreibungen, der Misstrauensabschlag gemessen am Preis-Buch-Wert ist verschwunden. Bei der RBI hingegen sorgt die anhaltende Unsicherheit in Russland und der bevorstehende Umbau im Sektor offenbar noch für größere Unsicherheit bei Investoren.
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Google holte auf

Alphabet heißt das „Zauberwort“. Der Internetkonzern Google hat sich in diesem Jahr eine neue Holding-Struktur verpasst. Zusammen mit den schön sprudelnden Werbeeinnahmen und der Expansion in neue Geschäftsbereiche hat die Reorganisation Investoren dieses Jahr voll überzeugt. Mehr als 500 Milliarden Dollar ist das Unternehmen mittlerweile gemessen an der Marktkapitalisierung wert.
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Die Aktienmärkte bewegten sich kaum vom Fleck

Das Resümee des Aktienjahres 2015 fällt verhalten positiv aus. Gerade europäische Börsen lieferten in dem Jahr sichtbare Renditen ab, die österreichische Börse etwa legte 2015 knapp elf Prozent zu, etwas mehr als der deutsche Leitindex Dax. Chinas Aktienmarkt legte in ähnlichem Ausmaß zu, doch der Aufstieg und Fall in den ersten zwei Quartalen hat Chinas Markt zu einer richtigen Achterbahnfahrt gemacht. Der US-Leitindex S&P 500 kam auf Jahressicht so gut wie nicht vom Fleck, während rohstofflastige Börsen unter Druck waren, wie der britische Leitindex FTSE 100 zeigt.

Viele Flüchtlinge kamen nach Österreich

Und sie werden hier auch bleiben und arbeiten wollen. 2015 kamen 90.000 Menschen nach Österreich, 2016 dürften knapp 30.000 auf den Arbeitsmarkt kommen, erwartet die OeNB. Auf dem Arbeitsmarkt, der aktuell vor allem mit schlechten Nachrichten auf sich aufmerksam macht, dürfte die Lage also angespannt bleiben. Um knapp 60.000 Jobs zu schaffen, müsste Österreich deutlich schneller wachsen.
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Österreich verabschiedete eine Steuerreform

Die größte Steuerreform der zweiten Republik sollte es sein, doch nicht nur bei der Kommunikation ging nicht alles zusammen. Zwar sorgt die Tarifreform der Lohnsteuer für eine Entlastung über 5,2 Milliarden Euro. Doch in Wirklichkeit bleibt die Entlastung eine Art Verschnaufpause, denn die kalte Progression wird, sofern nicht abgeschafft, die Entlastung schnell wieder zunichte machen. Denn inflationsbedingt rutscht man als Steuerzahler immer in höhere Steuerstufen, ohne wirklich „reicher“ zu sein. Das freut den Staat, belastet aber den Steuerzahler.
Gewinner und Verlierer der Steuerreform