NZZ

Medikamentenpreise im US-Wahlkampf

Clintons bittere Pille

von Werner Grundlehner / 22.09.2016

Pharma- und Biotech-Aktien mussten bereits schmerzhaft erfahren, was den Unternehmen in der nächsten US-Präsidentschaft drohen könnte. Doch einige Firmen müssen mehr zittern als andere.

Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zeigt, wie sich mit populistischem Schimpfen gegen überteuerte Medikamente trefflich Wahlkampf machen lässt. Ihre Angriffe gegen die Industrie haben im Kursverlauf der Biotech- und Pharma-Aktien tiefe Spuren hinterlassen. Die Branche hat es Kritikern aber auch einfach gemacht. Im August 2015 erwarb Turing Pharmaceutical vom Ex-Hedge-Funds-Manager Martin Shkreli Daraprim, ein über 60 Jahre altes Mittel gegen Toxoplasmose, und erhöhte den Preis um 5000%. Genau vor einem Jahr geisselte Clinton diese Preistreiberei und schickte die Biotech-Aktien auf Talfahrt.

Bereits vor Turing hatte Clinton die Geschäftspraxis der Pharma-Branche kritisiert, nachlassende Verkaufsvolumen mit jährlichen Preiserhöhungen zu kompensieren. Vor kurzem griff sie den Fall Epipen von Mylan Pharmaceuticals auf. Die Firma übernahm die Anwendung 2007. Damals kostete diese Adrenalinspritze gegen allergische Reaktionen 94 $, heute wird sie für 608 $ vertrieben. Aber auch Donald Trump droht der Branche: Er verspricht, den staatlichen Medikamenteneinkauf zu konzentrieren und hart zu verhandeln.

Gemäss Credit Suisse kristallisieren sich zwei Schwerpunkte heraus: die Zukunft der angeschlagenen Affordable Care Act („Obamacare“) und die Preisgestaltung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die Positionen der beiden Kandidaten in Bezug auf die ACA seien klar, schreibt der Investmentstratege Jin Wiederkehr. Während Hillary Clinton die ACA erhalten oder sogar erweitern möchte, wolle Donald Trump das Gesetz wieder ausser Kraft setzen. Letzteres wäre allerdings eine sehr teure Lösung, da bereits abgeschlossene Versicherungen vermutlich beibehalten werden müssten. Die CS weist aber auch darauf hin, dass verschreibungspflichtige Medikamente nur 10% der gesamten US-Gesundheitsausgaben ausmachten.

Werden Versprechen gehalten?

Die Frage ist jedoch, wie entschlossen die neue Präsidentin oder der kommende Präsident ihre Wahlversprechen umsetzen. Die Medikamentenpreise werden regelmässig im US-Wahlkampf thematisiert. Passiert ist jeweils kaum etwas. Doch die Nervosität der Aktienmärkte ist ein Hinweis darauf, dass es diesmal anders kommen könnte. Entscheidend sei auch, ob der Gewinner im Senat und im Repräsentantenhaus auf eine Mehrheit zählen könne, sagt der Safra-Sarasin-Analytiker David Kaegi.

Die Aussagen von Clinton seien nicht ganz richtig interpretiert worden, relativiert Christian Lach von Bellevue Asset Management. Clinton habe vor allem die hohen Ausgaben in der allgegenwärtigen Medikamentenwerbung gegeisselt, aber angemerkt, man müsse die Firmen zwingen, mehr in Forschung und Entwicklung zu investieren. Das würde innovativen Unternehmen sogar helfen. Im Visier der Politik sei vor allem die sogenannte Specialty-Pharma, die ältere Medikamente verkaufe, fügt Kaegi an. Unter Druck kommen auch die Preise von verbreiteten Medikamenten wie Asthmamittel und Insulin, die von Pharma-Benefit-Managern für Grosskunden wie Betriebskrankenkassen eingekauft werden. Keine Probleme werden Anwendungen gegen seltene Krankheiten bekommen. Es ist allgemein anerkannt, dass es hier ohne sehr hohe Preise kaum Innovation gäbe.

Der Hersteller setzt den Preis

Die USA bleiben der wichtigste Markt für Medikamentenhersteller – und dies nicht nur wegen der Grösse und der Kaufkraft. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern bestimmt in den USA nicht der Staat die Preise, sondern die Hersteller tun es. Diese freie Preissetzung ist laut Kaegi eine heilige Kuh. Man habe Angst, dass bei einer Änderung die Innovation verschwinde. Die Hersteller legen die Preise anhand der Preise und der Wirkung vergleichbarer Präparate fest. Zudem hat sich die Pharmaindustrie stets erfolgreich gegen Preiskontrollen gewehrt. Jüngste Umfragen zeigen, dass sich eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner dafür ausspricht, dass die staatliche Krankenversicherung Medicare direkt mit den Firmen über Preise verhandeln kann.

Eine Umfrage der parteiunabhängigen Kaiser Family Foundation kommt zum Schluss, dass die Wähler Clinton im Gesundheitsbereich mehr trauen als ihrem Kontrahenten. Mit wirklich grossen Veränderungen rechnen aber nur wenige. Die Befragten sind sich einig, dass die wirklich heissen Eisen wie die Zukunft von Medicare sowie der Zugang zu und die Bezahlbarkeit von Gesundheitsdienstleistungen von den beiden Kandidaten nicht angefasst werden.

Die Aktien der Medikamentenhersteller dürften mit den Kursrückschlägen in den vergangenen zwölf Monaten einen grossen Teil der Unsicherheit (vielleicht sogar etwas mehr) bereits vorweggenommen haben.