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Zukunft der Geldpolitik

Comeback der Finanzpolitik

von Andreas Uhlig / 29.08.2016

Ein neuer Konsens ist am Entstehen. Die Geldpolitik habe die Wirtschaft nicht ausreichend angekurbelt und müsse durch die Finanzpolitik ergänzt werden.

Seit Jahren rechnen die Finanz- und Kapitalmärkte mit Unterstützung der Notenbanken. Zu den Zielen der Geldpolitik gehören hoch bewertete Finanzmärkte als ein Transmissionsriemen zu höherer Inflation und kräftigerem Wirtschaftswachstum. Die Märkte konnten weitgehend sicher sein, dass keine geldpolitischen Massnahmen ergriffen werden, die zu Kurseinbrüchen führen. Marktteilnehmer sprechen wahlweise von Greenspan-, Bernanke-, Yellen- oder Draghi-Put. Nun zeichnet sich eine neue Sicherheit ab: der Keynesian Put (Michael Hartnett von BofAML) oder die zunehmende Erwartung von fiskalischen Massnahmen gegen Schwächeanfälle von Wirtschaft und Märkten.

Bewegung in offiziellen Zirkeln

Bereits erkennen Beobachter Bewegung in offiziellen Zirkeln. Finanzminister und Notenbanker seien zunehmend über ihren Misserfolg beunruhigt, die Nachfrage zu beleben, meint Stephen Lewis von ADM Investor Services International. Ein globaler Konsens scheine sich zu bilden, dass der Schwerpunkt der Wirtschaftsstimulierung von der Geldpolitik zu fiskalischen Aktionen verschoben werden sollte. Finanzpolitik wirke direkter auf die aggregierte Nachfrage als Geldpolitik und könne besser kalibriert werden. Euro-Staaten dürfte allerdings ein Kurswechsel zu höheren Haushaltdefiziten aufgrund ihrer Defizitgrenzen schwerfallen.

Gleichzeitig breiten sich laut Lewis, einem angesehenen Londoner Marktkommentator, grundsätzliche Zweifel an der Wirksamkeit makroökonomischer Massnahmen aus. Der Einbruch der Wirtschaftstätigkeit als Folge der Finanzkrise sei von den meisten ebenso wenig vorausgesehen worden wie die geringe Reaktion der Nachfrage auf die ergriffenen Gegenmassnahmen. Es sollte klar sein, dass etwas mit den Annahmen nicht stimme, die den ökonometrischen Prognosen zugrunde lägen.

Neuer Cocktail gefragt

Auch Scott Minerd, CIO von Guggenheim Partners, sieht ein wachsendes Interesse an einer aktiveren Finanzpolitik. Trotz allen geldpolitischen Eingriffen herrsche in den wichtigsten Ländern weiterhin glanzloses Wirtschaftswachstum und zu geringe Inflation. Die Entscheidungsträger könnten nicht weitermachen wie bisher und hofften, dass noch tiefere Zinsen und noch mehr quantitative Lockerung endlich die gewünschten Ziele herbeizaubern würden. Das bestehende geldpolitische Regime könne allein nicht erfolgreich sein, vielmehr müsse der „policy mix“ um aggressive Finanzpolitik erweitert werden.

Nach der Austeritätsphase der Regierungen schlage das Pendel der globalen Gespräche und Aktionen nun zurück zu finanzpolitischer Stimulierung, betont Michael Hanson von BofAML. So habe der IMF seine Mitglieder zu „wachstumsfreundlicher Finanzpolitik“ aufgefordert. Einige Industrieländer hätten bereits Stimulierungsprogramme bekanntgegeben oder angekündigt, und beide Kandidaten für das Amt des US-Präsidenten befürworteten Infrastrukturinvestitionen. Global habe sich die Finanzpolitik von kontraktiv zu expansiv verschoben. Der Zeitpunkt sei günstig, da der finanzpolitische Multiplikator bei tiefen Zinsen höher als bei hohen sei.

Direkte Finanzierung

Derweil wird die Geldpolitik der Euro-Zone immer umstrittener. Marktbeobachter monieren, dass Unternehmen extra Schuldtitel für das Kaufprogramm der EZB schaffen. Die Notenbank habe sich an von Morgan Stanley arrangierten Privatplacierungen der spanischen Energiekonzerne Repsol und Iberdrola über 500 Mio. € und 200 Mio. € beteiligt und damit direkt zur Unternehmensfinanzierung beigetragen.