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Contra Reservewährung: Mut zum Nebeneinander

Meinung / von Thomas Fuster / 13.10.2016

Eine multipolare Währungsordnung führt zu besserem Geld, meint Thomas Fuster.

Die Idee einer Weltwährung gehört zu den Dauerbrennern der Wirtschaftsgeschichte. Schon John Maynard Keynes träumte einst von einer einzigen globalen Verrechnungseinheit. Die von ihm Bancor benannte Valuta scheiterte aber am Widerstand der USA, und zwar an der Konferenz von Bretton Woods, wo 1944 die weltwirtschaftliche Nachkriegsordnung vorgespurt wurde. Damals – wie wohl auch heute – wollte Washington die Vormachtstellung des Dollars und das damit verbundene Privileg nicht auf dem Altar eines neuen supranationalen Konstrukts opfern. Seither sind Jahrzehnte vergangen, während deren dem Dollar oft das Ende als globale Leitwährung prophezeit wurde. Tatsache bleibt, dass der Dollar in der Weltwirtschaft noch immer die mit Abstand wichtigste Position einnimmt.

Ein Kommen und Gehen

Die Dominanz zeigt sich auch bei den Devisenreserven der Notenbanken. In welchen Währungen diese Reserven geäufnet werden, lässt sich zwar nicht exakt feststellen, da die Währungsbehörden diese – heikle – Information nur auf freiwilliger und vertraulicher Basis an den Internationalen Währungsfonds melden. Veröffentlicht wird nur für rund die Hälfte aller Devisenreserven deren Allokation auf die einzelnen Währungen. Nimmt man diese Daten als Mass, ist der Dollar derzeit für 64% aller Devisenreserven verantwortlich, deutlich vor dem Euro mit 20% und dem britischen Pfund mit 5%.

Die Vormachtstellung des Dollars weckt bisweilen Unmut. Wer den USA hegemoniale Absichten unterstellt, sieht diesen Verdacht auch auf monetärer Ebene bestätigt. Doch die Vorherrschaft des Dollars ist nicht in Stein gemeisselt; sie spiegelt vielmehr die wirtschaftliche und politische Potenz des Emittenten. Das zeigt ein Blick in die Geschichte. So kam zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert dem niederländischen Gulden der Ruf einer globalen Leitwährung zu. Danach schlüpfte die britische Kolonialmacht, beziehungsweise das Pfund, in diese Rolle, ehe sich ab dem Ersten Weltkrieg und erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg der Dollar durchsetzte. Die Bedeutung des Dollars als Leitwährung sinkt jedoch, seit 1973 das Bretton-Woods-System zu Grabe getragen wurde und ein Übergang zu flexiblen Wechselkursen stattfand.

Die Historie zeigt: Die USA können sich ihres derzeitigen Privilegs nicht sicher sein. Die Führungsrolle muss stets verdient werden, erst recht in einer Währungsordnung mit flexiblen Wechselkursen. Das derzeitige Regime, oft als Non-System bezeichnet, ist längst nicht mehr unipolar, sondern trägt zusehends multipolare Züge. Das ist erstens dem 1999 geborenen Euro zuzuschreiben. So ist Europas Einheitswährung etwa für die Devisenreserven der Schweizerischen Nationalbank schon seit dem Jahr 2000 die wichtigste Währung; ihr Anteil liegt bei 42%, klar vor dem Dollar mit 34%. Zweitens dürfte angesichts des wachsenden Gewichts von China auch die internationale Verwendung des Renminbi zunehmen, falls sich das Reich der Mitte künftig stärker dem Kapitalverkehr öffnet.

Vertrauen in den Wettbewerb

Für Justin Yifu Lin ist dieses System multipler Reservewährungen inhärent instabil. Doch das muss nicht sein. So kann der Wettbewerb zwischen Währungsräumen eine disziplinierende Wirkung entfalten. Verlieren nämlich die Staaten den Glauben an die Werthaltigkeit einer Währung, etwa weil die Zentralbank eine allzu expansive Politik betreibt oder der Währungsraum mit strukturellen Problemen kämpft, werden die Reserven in andere Valuta umgeschichtet. Das führt zu einer stärkeren Diversifikation der Währungsallokation und ist der Stabilität des Finanzsystems eher förderlich als das Klumpenrisiko einer zentralistischen Einheitslösung. Wenn der Wettbewerb auch bei Devisenreserven spielt, ist dies daher zu begrüssen.

Lin mag diesem Wettbewerb aber nicht trauen. Er macht sich stark für eine supranationale Lösung, für eine Weltreservewährung, welche die Vorteile des Papiergeldes mit der Stabilität des Goldes verbindet. Die Idee dieses „Papiergoldes“ mag auf dem Reissbrett elegant aussehen. Doch ist sie umsetzbar?

Wohl kaum. Notenbanken werden freiwillig nicht gewillt sein, ihre geldpolitische Flexibilität an eine Super-Zentralbank abzutreten und ihre Währung fix an eine neue Reservewährung zu ketten. In einer wirtschaftlich extrem heterogenen Welt dürfte es zudem illusorisch sein, auf einen Konsens für das Mass der global notwendigen Geldmengenausweitung zu hoffen. Zudem, wer würde entscheiden über Ab- oder Aufwertungen, wenn Zahlungsbilanzungleichgewichte auftauchen? Und wer käme in den Genuss der Seigniorage, also des Geldschöpfungsgewinns?

Es ist unrealistisch, zu glauben, die personelle Bestückung der neuen Super-Zentralbank würde ausschliesslich nach Massgabe fachlicher Qualifikationen erfolgen. Vielmehr würden einflussreiche Staaten ihre Interessenvertreter in die Institution zu hieven versuchen. Auch bei der jährlich festzulegenden Expansion des Papiergoldes würden nicht allein neutrale Technokraten den Ton angeben, sondern politisch motivierte Kräfte. Im Wege stünde dem Projekt zudem das wechselkurspolitische Trilemma: Dieses besagt, dass von den drei Zielen autonome Geldpolitik, feste Wechselkurse und freier Kapitalverkehr nur zwei erfüllbar sind. Das Papiergold würde deshalb auf eine Einschränkung des Kapitalverkehrs hinauslaufen. Lin zielt dabei primär auf eine Blockade von Portfolioinvestitionen. Doch welche demokratisch legitimierte Stelle kann und darf solche Schlagbäume errichten?

Gefahr der Politisierung

Die Auflistung dieser politökonomischen Konfliktherde macht deutlich: Die propagierte Einführung einer supranationalen Reservewährung hätte eine heillose Politisierung des globalen Reservesystems zur Folge. Der Kampf um Einfluss in der neuen und weltumspannenden Zentralbank würde nicht zu mehr, sondern zu weniger (Geldwert-)Stabilität führen.

Mehr Solidität verspräche das Gegenteil, also die Entpolitisierung des Geldes. Das muss nicht, wie Friedrich August von Hayek einst postulierte, eine völlige Privatisierung des Geldsystems implizieren. Tatsache ist aber, dass die disziplinierende Kraft des Wettbewerbs auch bei Geld zu besserer Qualität führt, namentlich auf multilateraler Ebene. Das spricht gegen eine hoheitliche Monopolwährung, die – in etwas anmassender Zielsetzung – allen Weltregionen gleichermassen gerecht werden will.

Derzeit erfüllt der Dollar die Bedingungen für eine Reservewährung am besten: Die amerikanische Wirtschaft und das Fed geniessen internationales Vertrauen. Zudem verfügen die USA über einen gut entwickelten und liquiden Kapitalmarkt. Es steht rivalisierenden Währungsräumen wie der Euro-Zone oder China jedoch frei, sich mit einer unbegrenzt konvertiblen Währung ähnliches Vertrauen zu erarbeiten und einen für Investoren attraktiven Kapitalmarkt zu schaffen. Das bedingt indes eine gute Standortqualität der Wirtschaft – und ist nicht mittels supranationalen Dekrets zu bewerkstelligen.