Jason Alden/Bloomberg

Kapital statt Steuerzahler

So sollen die größten Banken künftig sicher sein

von Jürg Müller / 09.11.2015

Das Financial Stability Board hat die Kapitalpuffer für systemrelevante Banken festgelegt. Die Hoffnung ist groß: Die größten Banken sollen künftig nicht mehr so ein Systemrisiko sein. NZZ-Redakteur Jürg Müller berichtet aus Basel.

Jetzt ist es definitiv, die „Too big to fail“-Regelung ist auch auf globaler Ebene festgezurrt worden. Am Montag wurden in Basel am Hauptsitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die neuen Kapitalvorschriften für global systemrelevante Banken präsentiert.

Die Großbanken müssen gemäß den neuen Regeln des Financial Stability Board (FSB) ab dem 1. Januar 2019 ein Verlustpolster, TLAC („total loss-absorbing capacity“), von mindestens 16 Prozent der risikogewichteten Aktiva aufweisen. Ab 2022 wird diese Quote noch um zwei Prozentpunkte auf 18 Prozent erhöht. Die Risikogewichtung wurde im Nachzug zur jüngsten Finanzkrise immer wieder kritisiert, weil Banken mit ihren Modellen großen Einfluss darauf ausüben können. Daher wird der neue Puffer auch an das Gesamtengagement (vereinfacht: Bilanzsumme) gekoppelt: Die Quote beträgt hier sechs Prozent ab 2019 beziehungsweise 6,75 Prozent ab 2022. Die neuen Regeln dürften kommendes Wochenende am G-20-Gipfel in Antalya definitiv verabschiedet werden.

Am unteren Ende

Vor einem Jahr schickte Mark Carney, der Vorsitzende des FSB, die nun verabschiedeten Regeln in ein Konsultationsverfahren. Damals war noch die Rede von einer TLAC-Quote zwischen 16 und 20 Prozent. Die am Montag verabschiedeten Maßnahmen liegen damit am unteren Ende der Erwartungen. Carney ist dennoch zuversichtlich, dass mit den Regeln künftig globale Großbanken abgewickelt werden können, ohne dass der Steuerzahler einspringen muss oder das Finanzsystem gefährdet wird.

Die neuen Verlustpolster gelten zusätzlich zu den Kapitalvorschriften von „Basel III“. Dabei gilt grundsätzlich, dass das regulatorische Eigenkapital nach „Basel III“ auch für die Berechnung der TLAC-Quote verwendet werden darf. Allerdings gibt es neu gewisse Einschränkungen bei der Anrechenbarkeit, wenn Teile des regulatorischen Eigenkapitals die TLAC-Anforderungen nicht erfüllen. Trotz Widerstand der betroffenen Finanzinstitute können strukturierte Schuldverschreibungen („structured notes“) weiterhin nicht angerechnet werden.

Spezialfall China

Die neuen Regeln gelten für 30 globale Großbanken. Ursprünglich war vorgesehen, dass Finanzinstitute mit Sitz in einem Schwellenland der Regulierung nicht unterworfen sein sollten. Nun müssen aber auch diese Banken das zusätzliche Verlustpolster aufbauen.

Davon betroffen sind die vier als global systemrelevant geltenden chinesischen Finanzinstitute (Agricultural Bank of China, Bank of China, China Construction Bank und Industrial and Commercial Bank of China). Diese Banken weisen eine große Deckungslücke zum verlangten TLAC-Kapitalpolster auf. Damit zudem den Begebenheiten des lokalen Kapitalmarktes Rechnung getragen wird, gelten für die chinesischen Geldhäuser längere Übergangsfristen bis 2025 und 2028. Sobald sich die Märkte allerdings dem Niveau der Industrieländer annähern, sollen die Regeln schneller umgesetzt werden. Dies ist der Fall, wenn sich der lokale Kapitalmarkt in den nächsten fünf Jahren auf ein Volumen von 55 Prozent des Bruttoinlandprodukts entwickelt (derzeit ungefähr 30 Prozent).

Wie sich die neuen Regeln auswirken

Zeitgleich mit den neuen Richtlinien für global systemrelevante Großbanken hat das Financial Stability Board (FSB) auch mehrere Begleitstudien veröffentlicht, welche die neuen Maßnahmen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. So wurde untersucht, wie groß die Deckungslücke bei den neuen TLAC-Kapitalinstrumenten ist und wie der Einfluss des erhöhten Kapitalbedarfs auf die Zinsen sein könnte.

Laut der Studie fehlen den Großbanken zwischen 457 Mrd. und 1130 Milliarden Euro bis 2022. Dieser Betrag ist allerdings maßgeblich von einer Deckungslücke bei den vier chinesischen Banken bestimmt. Wenn die Geldhäuser der Schwellenländer ausgeklammert werden, beläuft sich der Fehlbetrag noch auf 107 bis 776 Milliarden Euro. Zudem werden diese Beträge relativiert, wenn man sie mit der Größe des Kapitalmarktes vergleicht, der ein Volumen von etwa 80 Billionen Euro aufweist: Die Deckungslücke macht dabei etwa ein bis 1,7 Prozent aller ungesicherten Kredite aus.

Die Ökonomen des FSB erwarten, dass die Finanzierungskosten der betroffenen Banken aufgrund der TLAC-Anforderungen um 195 bis 511 Millionen Euro steigen werden. Die betroffenen Finanzinstitute würden in der Folge ihre Kreditzinsen um weniger als 10 Basispunkte erhöhen. Insgesamt schlägt sich dies für Schuldner in der Realwirtschaft in einer Zinserhöhung von weniger als 4 Basispunkten nieder.

In einer Kosten-Nutzen-Analyse werden die wachstumsdämpfenden Wirkungen einer Zinserhöhung den Vorteilen einer geringeren Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen gegenübergestellt. Der Einfluss auf das globale Bruttoinlandprodukt wird je nach Szenario mit einer Spanne von unter fünf Basispunkten bis rund 25 Basispunkten angegeben. Wird der Marktanteil der global systemrelevanten Banken beachtet, impliziert das Modell einen Verlust von rund fünf Basispunkten. Demgegenüber steht der Nutzen der neuen Kapitalpolster – hervorgehoben wird dabei besonders der disziplinierende Effekt auf die exzessive Risikobereitschaft von Banken. Die Ökonomen rechnen schließlich dank einem stabileren Finanzsystem mit einem rund 15 bis 20 Basispunkte höheren Bruttoinlandprodukt.