Jason Alden / Bloomberg

Lobbyisten und Anwaltskanzleien

Das Brexit-Geschäft mit dem Recht

von Gerald Hosp / 30.08.2016

Lobbyfirmen und Rechtsberater bringen sich nach dem Brexit-Entscheid in Stellung. Kurzfristig dürften sie profitieren. Ein grösseres Fragezeichen steht hinter London als Standort für Rechtsgeschäfte.

Unsicherheit, langwierige Verhandlungen, der Bruch komplexer Verträge, neue Regulierungen: Die Entscheidung Grossbritanniens, die EU zu verlassen, bringt für viele Unternehmen einen ungeniessbaren Cocktail mit sich – nicht aber für Lobbyisten, Anwaltskanzleien und Berater. In London spriessen die Brexit-Abteilungen und -Beauftragten in grossen Public-Affairs-Firmen, Anwaltsbüros sowie Buchprüfer- und Beratungsgesellschaften wie Pilze aus dem Boden. Dies verspricht auch gute Geschäfte für ehemalige Politiker.

Eldorado für Ex-Politiker

Die Lobby-Agentur Blue Rubicon, die zur amerikanischen Gruppe Teneo gehört, hat den früheren konservativen Aussenminister William Hague in ihren Reihen, um die Interessen von Unternehmen im Brexit-Prozess zu wahren. Konkurrent Portland bietet unter anderem Stephen Wall auf, den ehemaligen ständigen Vertreter Grossbritanniens bei der Europäischen Union. Auch andere Firmen wie Hanover, Cicero oder Bell versprechen sich einen Brexit-Boom. In der Branche werden Umsatzzuwächse von bis zu 40% erwartet. Der Markt insgesamt wird auf 2 Mrd. £ jährlich geschätzt. Die Lobbyisten sollen für die Unternehmen sicherstellen, dass die Folgen des EU-Austritts Grossbritanniens für die jeweilige Branche so sanft wie möglich sind. Der voraussichtliche Übergang von Regulierungskompetenzen von Brüssel nach Westminster bietet zudem Chancen, unliebsame Vorschriften loszuwerden.

Auch Anwaltskanzleien orten eine grosse Nachfrage nach ihren Diensten. Der Brexit wird je nach Ausgestaltung der künftigen Beziehung des Vereinigten Königreichs zur EU unterschiedlich starke Auswirkungen haben. Anpassungen könnten unter anderem im Arbeits-, im Patent-, im Wettbewerbs-, im Handels- und im Steuerrecht erfolgen. Unzählige Verträge müssen voraussichtlich umgeschrieben werden. Der Brexit ist für die Branche jedoch ein zweischneidiges Schwert. Kurzfristig dürfte der Umsatz nach oben gehen, langfristig könnte aber Grossbritannien als international gewichtiger Standort für Rechtsdienstleistungen Federn lassen.

Zunächst belastete das Brexit-Referendum das Geschäft mit Firmenübernahmen. Dieser Zweig zählt zu den wichtigsten Geschäftsbereichen der Magic-Circle-Kanzleien, wie die Anwaltsbüros Londons mit den höchsten Umsätzen auch genannt werden. Für das Geschäftsjahr 2015/16, das bis Ende April dauerte, konnten die vier Kanzleien, Allen & Overy, Clifford Chance, Freshfields Bruckhaus Deringer und Linklaters, ihre Umsätze auf bis zu 1,4 Mrd. £ steigern. Allen & Overy berichtete aber von einem schwächeren zweiten Halbjahr, das von Brexit-Sorgen geprägt war.

Die grossen Londoner Anwaltskanzleien sind jedoch alle international vertreten. Schwächen in Grossbritannien und Kontinentaleuropa sollen durch Geschäfte in Asien und in den Vereinigten Staaten ausgeglichen werden. Dennoch könnte ein EU-Austritt Grossbritanniens die Kanzleien unmittelbar betreffen. Mehrere Kanzleien haben bereits Anwälte vor allem im EU-Mitgliedsland Irland registrieren lassen, damit diese auch nach dem Brexit in der EU praktizieren können. Wie für die gesamte Wirtschaft wird die zentrale Frage sein, ob der ungehinderte Zugang zum EU-Binnenmarkt beibehalten wird.

Symbiose mit dem Finanzplatz

Zudem wird dadurch auch die Diskussion um den Stellenwert des englischen Rechts in der EU forciert. Es stützt sich auf die Rechtstradition des Common Law. Die EU wird hingegen mehrheitlich dem Rechtskreis des Civil Law zugeordnet. Ersteres basiert mehr auf Präzedenzfällen und richterlichen Auslegungen als das kontinentaleuropäische Pendant und gilt deshalb als flexibler. Englisches Recht wird häufig in internationalen Handelsverträgen und in Finanzkontrakten verwendet.

Die Londoner Rechts- und Beratungsunternehmen befinden sich in Symbiose mit dem Finanzplatz. Sollte dieser aufgrund des Brexit Schwächen zeigen, dürfte sich dies auch auf die gesamte City auswirken, die nicht nur ein Biotop für Banken und Investoren, sondern auch für Anwälte, Buchprüfer und Berater ist. Die Geschäfte scheinen derzeit gut zu laufen: Laut dem Think-Tank Centre for Policy Studies ist der Stundensatz für einen Partner in einer Top-Kanzlei in diesem Jahr auf mehr als 1000 £ je Stunde gestiegen. Im Jahr 2005 betrug er noch 674 £, unter Berücksichtigung der Inflation. Es verwundert nicht, dass auch die Buchprüfungsgesellschaften EY, KPMG und PwC verstärkt ins Rechtsgeschäft drängen.

Das englische Recht ist insgesamt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Rechtsdienstleister erwirtschafteten laut einer Studie von TheCityUK 2015 rund 1,6% des britischen Bruttoinlandprodukts und erzielten einen Exportüberschuss von 3,4 Mrd. £, knapp doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Grossbritannien hat weltweit einen Anteil von 10% am Markt für Rechtsdienste. Vier der zehn grössten Kanzleien weltweit, gemessen in Bruttohonoraren, haben ihren Sitz in London. Mit einem «harten» Brexit ohne einen ungehinderten Zugang zum EU-Binnenmarkt könnte die Branche schrumpfen.

Standort für Mediation

London ist auch ein wichtiger Standort für Mediation und Schlichtung sowie für Schiedsgerichts- und Gerichtsverfahren in Handels- und Zivilrechtsfällen. Dies muss sich mit dem Brexit nicht zwangsläufig ändern. Sprache, Rechtssystem sowie Qualität der Rechtsprechung und der Rechtsdienstleistungen sind wichtige Faktoren für Mandanten aus Schwellenländern und bei internationalen Geschäften für die Auswahl eines Gerichtsstands. Die Branchenvereinigung The Law Society of England and Wales weist aber darauf hin, dass derzeit in England getroffene Vereinbarungen in Streitsachen in der gesamten EU Gültigkeit haben. Dies könnte verloren gehen. Gleichzeitig könnte sich London auch verstärkt als Alternative zur EU positionieren.