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Oh du mein Österreich

Das Geschäft mit dem Wichtig-Rechnen

Meinung / von Matthäus Kattinger / 07.03.2016

So gefährlich es in Zeiten der Umverteilung ist, reich zu sein bzw. als solches zu gelten, so lassen immer mehr Unternehmen und Institutionen ausrechnen, wie wichtig sie für Land, Wertschöpfung und Beschäftigung sind. Auch wenn der Wert dieser Berechnungen höchst umstritten ist.

OMV und Österreichische Post haben es getan. Die ÖBB machten es sogar mehrmals – einmal für Infrastruktur und Bahnhofsprojekte, ein anderes Mal – auf Rechnung der Industriellenvereinigung – für den gesamten „ökonomischen Fußabdruck des Systems Bahn“; da wollte auch die E-Control nicht zurückstehen (für die Stromnetze). Doch nicht nur staatliche Unternehmen oder Institutionen lassen ihre Wertschöpfung berechnen. Auch Regionalbahnen (im Auftrag der Wirtschaftskammer), Raaber Bahn, Raiffeisen-Bankengruppe, Salzburg AG, Land Niederösterreich (für die Donau-Universität) oder das von Erwin Soravia präsidierte Institut für Anlageberatung für das Baunherren-Modell ließen sich ihre Bedeutung per Studie bestätigen.

Allen gemeinsam ist, dass sie dabei dem unangefochtenen Marktführer, dem Economica-Institut des Chefökonomen der Industriellenvereinigung („Bereichsleiter Wirtschaftspolitik“), Christian Helmenstein, vertrauten. Dieser sollte ausrechnen, wie groß ihre volkswirtschaftliche Bedeutung ist, welche Werte geschaffen und wie viele Arbeitsplätze durch sie gesichert werden (und zwar in breitestmöglicher Ausprägung, also direkte, indirekte und induzierte Effekte).

Economies of Scale

Gelegentlich setzt Guru Helmenstein einen zweiten Wertschöpfungsrechner-Hut auf, er ist nämlich auch Geschäftsführer des wie das Economica-Institut in der Liniengasse im sechsten Wiener Bezirk angesiedelten Institutes für Sportökonomie (SpEA, Sports Econ Austria). Als solcher hat Helmenstein zuletzt im Auftrag des Damals-Noch Sportministers Gerald Klug die gesamtwirtschaftlichen Effekte des Sportes in Österreich präsentiert. Selbiges Institut hatte 2010 die volkswirtschaftliche Bedeutung des Fußballs in Österreich untersucht, 2009 die ökonomische Bedeutung des alpinen Wintersports und davor in mehreren Studien viel zu optimistische volkswirtschaftliche Effekte der UEFA Euro 2008 aus dem ökonomischen Kaffeesatz gelesen.

Die Konkurrenz ist gegen Wertschöpfungs-Wirbelwind Helmenstein offensichtlich machtlos. Zwar bieten auch andere Institute solche Rechnungen an (von Joanneum Research bis zum Marktforschungsinstitut OGM), doch ihnen bleiben nur die Brosamen vom Kuchen. Wie Joanneum Research und IHS, die im Vorjahr für die römisch-katholische Kirche deren volkswirtschaftliche Bedeutung und Wertschöpfungseffekte berechnen durften.

Mit dem Subventions-Keilen fing alles an

So unbestritten und bewundernswert Geschäftssinn und Geschäftserfolg von Helmenstein sind, so umstritten, ja fragwürdig, ist der volkswirtschaftliche und wohl auch betriebswirtschaftliche Sinn (sieht man von Economica und SpEA ab) dieser Analysen. Bei der ersten Generation dieser Studien ließ sich so ein Sinn noch konstruieren. Bis in die frühen 2000er-Jahre dienten solche Wertschöpfungsrechnungen nämlich vorwiegend als Mittel zum Keilen von öffentlichen Subventionen, sollte mit ihnen doch der Nachweis für die angebliche Umwegrentabilität von diversen Veranstaltungen erbracht werden.

Solche Studien wurden – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – für Festspiele in Auftrag gegeben (von den Salzburger Festspielen über das Musiktheater Linz, die Kulturhauptstadt Linz bis zu den Seefestspielen Mörbisch), aber auch für die Kulturinitiativen Waldviertel, für das jeweils zwei Tage nach dem Kitzbüheler Hahnenkammrennen stattfindende „Night Race“ Schladming, das mittlerweile insolvente Multiversum Schwechat oder die auch in Zeiten des Klimawandels unbeeindruckt weitergeführten (und genehmigten ) Auto-, Motorrad- und Oldtimer-Rallyes.

Evaluierungen bleiben die Ausnahme

Der Vorteil der Auftragnehmer bei diesen Umwegrentabilitäts-Berechnungen der ersten Generation war, dass diese nicht fürchten mussten, dass ihre Studien jemals einer Evaluierung unterzogen würden (wie es ja für einen Großteil der öffentlichen Förderungen in Österreich gilt). Deshalb wurde darin auch gelogen, dass sich die Balken bogen – pardon, soll heißen, aufgrund eines grundsätzlich positiv gestimmten Umfeldes wurde fast durchwegs mit den allergünstigsten Annahmen operiert.

Aber heute? Sicherlich sind Manager daran interessiert, ihr Unternehmen als besonders wichtig für die Volkswirtschaft darzustellen. Aber deshalb schon eine solche Wertschöpfungsrechnung? Nun wissen wir ja, dass Studien für Politiker (als Alibi für Subventions-Verteiler) so wichtig sind wie Belege für Steuerprüfer. Doch generell gilt aber, dass die Glaubwürdigkeit von Studien zur Unwegrentabilität in der Öffentlichkeit ungefähr so groß ist wie der Ruf von Politikern und Journalisten gut.

Teure Erkenntnisgewinne

Nehmen wir nur die ÖBB. Sicherlich werden die Bundesbahner immer wieder wegen der Höhe der Abgeltung für die im Auftrag der Öffentlichkeit erbrachten Beförderungsleistungen kritisiert. Aber was soll es da helfen, den „ökonomischen Fußabdruck des Systems Bahn“ hochrechnen zu lassen? Koralm- und Semmering-Bahntunnel sind (sinnvollerweise) trotz anhaltender Gegenstimmen beschlossen bzw. deren Finanzierung abgesichert, aber deswegen die volkswirtschaftliche Bedeutung der ÖBB-Infrastruktur via Fremdauftrag bestätigen zu lassen? Ähnliches gilt für den Ausbau der Bahnhöfe.

Wo liegt der Erkenntnisgewinn, wenn die E-Control dank Economica jetzt sagen kann, dass der Betrieb des heimisches Stromnetzes pro Jahr eine Wertschöpfung von 2,54 Milliarden Euro schafft (0,86% des BIP) und mehr als 20.000 Arbeitsplätze im Lande sichert. Wie E-Control Geschäftsführer Martin Graf bei dieser bisher letzten Präsentation so einer Wertschöpfungsrechnung erklärte, sei die von der E-Control in Auftrag gegebene Studie auch als Appell, dass Investitionen in die Stromnetze wichtig seien zu verstehen – zumal Infrastruktur-Investitionen auch Thema beim letzten Arbeitsmarktgipfel gewesen wären.

Kavaliere zahlen und schweigen

Ob das die Studie wert ist? Denn wie viel solche Studien kosten, darüber wird geschwiegen. Eisern. Aus der von mir befragten Garde der Wertschöpfungsstudien-Auftraggeber war keiner bereit zu reden; lauter Kavaliere, die zahlen und schweigen. Vielleicht auch als Scham darüber, dass für weitgehend nutzlose (sieht man vom Effekt der Selbstdarstellung ab) Studien viel Geld ausgegeben wird. Die Kosten einer Studie dürften zwischen hohen fünfstelligen und niedrigeren sechsstelligen Euro-Beträgen liegen.

So wollte auch E-Control Geschäftsführer Graf bei der Präsentation der Studie am vergangenen Mittwoch deren Kosten nicht beziffern. Economica-Geschäftsführer Helmenstein beschränkte sich auf die Anmerkung, dass Economica ein gemeinnütziges Forschungsinstitut sei. Auf der Homepage (www.economica.at) ist bloß zu lesen, dass das Economica-Institut für Wirtschaftsforschung 2005 als gemeinnütziger Verein gegründet wurde und zum Institutskreis des Cognion-Forschungsverbundes mit sozio-ökonomischen Instituten in Österreich, Deutschland und der Slowakei gehöre.

Der Himalaya der Wertschöpfungsrechner

Angesichts der Geschäftstüchtigkeit und Kreativität des Multi-Geschäftsführers Helmenstein wäre ich nicht überrascht, käme man bei Economica auf die Idee, die Wertschöpfungsrechnungen auf Einzelpersonen herunterzubrechen: Was trägt so ein einfacher Staatsbürger an direkten und indirekten Effekten zum BIP bei? Wenn ich mir vorstelle, ich fahre Auto (noch dazu eine Marke mit hohem österreichischen Zulieferanteil), habe sowohl eine ÖBB- als auch eine Wiener Linien-Jahreskarte, mache in Österreich Urlaub, kaufe, soweit das heute noch möglich ist, Lebensmittel aus österreichischer Produktion ein usw. Eigentlich bin ich ein richtiges österreichisches Wertschöpfungs-Monster, ein (zumindest einstiger) „Beschäftigungswunder-Ermöglicher“.

Mit einer Wertschöpfungsrechnung à la Economica könnte ich mich, wenn schon keine Förderung drinnen ist, als „Wertschöpfungs-Vorzugsschüler“ feiern, ja notifizieren, lassen.

Ein Aspekt in der ganzen Rechnerei über direkte und indirekte Effekte des unternehmerischen und institutionellen Daseins fehlt mir aber noch – nämlich die Über-Drüber-Schau. Sollte man nicht, quasi als Krönung des Wertschöpfungs-Firlefanzes, die dank der Wertschöpfungsrechnungen erzielte zusätzliche Wertschöpfung kalkulieren lassen?