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Schwerpunkt: Allgemeingut

Das Krankenhaus: Die Spielwiese der Landeshauptleute

von Lukas Sustala / 09.01.2016

Die Gemeinschaft trägt hohe Kosten für die Gesundheitsversorgung. Die vielen Krankenhausbetten hierzulande sind dabei Symptom eines Koordinationsdefizits.

Gesundheit ist den Österreichern lieb und teuer. Das merkt man nicht nur beim alljährlichen Neujahrswunschritual, bei dem das Wünschen von Gesundheit zum guten Ton gehört. In Österreich gilt: Gesundheit ist öffentliches Gut. Der Einzelne mag vorsorgen, doch die Gemeinschaft muss versorgen. Das merkt man auch am dichten Spitalsnetz, das quer durch dieses Land gespannt wurde.

Dicht ist gar kein Ausdruck. Mit 546 Akutbetten pro 100.000 Einwohner kommt Österreich auf die höchste Dichte im EU-Vergleich, kein anderes Land ist so gut mit Spitalsbetten versorgt. Der Rechnungshof spricht von „Überkapazitäten“ im Wert von knapp 4,75 Milliarden Euro.

Für die vielen Spitalsbetten in diesem Land lassen sich zahlreiche Argumente ins Feld führen. Die ländliche Struktur führt dazu, dass mehr Spitäler die Grundversorgung der Bevölkerung sichern müssen. Bei Notfällen ist es schließlich so, dass es auf jede Minute ankommen kann, die ein Patient länger oder kürzer ins Krankenhaus benötigt. Das Netz muss daher dicht sein, damit niemand durch die Löcher fällt.

Auch wenn man gute Gründe für das engmaschige Netz findet, es führt auch dazu, dass die Kosten der öffentlich finanzierten Infrastruktur im internationalen Vergleich hoch sind. Die österreichischen Patienten suchen das Spital so häufig auf wie sonst in keinem anderen Land des Industrieländer-Klubs OECD üblich (siehe Grafik), hierzulande wird mehr Geld ausgegeben als im OECD-Schnitt, wobei zugleich einige Ergebnisse an verschiedenen Stellen unterdurchschnittlich sind (etwa die Überlebensrate bei Herzinfarkten).

Dass die Österreicher so oft das Krankenhaus aufsuchen, hat dabei nichts damit zu tun, dass die Bevölkerung so viel älter oder so viel kränker wäre, wie die OECD-Daten zeigen. Stattdessen gilt wohl das Say’sche Gesetz: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage. Man geht hierzulande auch deswegen so oft ins Spital, weil es so viele Spitäler gibt. Ärzte überweisen Patienten häufiger als anderswo üblich in die stationäre Versorgung.

Daran ist nicht zuletzt die Politik schuld, ist doch der Spitalsbau so etwas wie die Königsdiziplin der Landeshauptleute im Rittern um die Wählergunst. Ein Großteil der Spitalsbetten (71 Prozent 2014) wird von den Landesgesundheitsfonds finanziert. Koordiniert findet der Spitalsausbau dabei nur selten statt, kritisiert der Rechnungshof. Die Konsequenz: Überkapazitäten und -ausstattungen mit medizinischen Geräten. Damit die ausgelastet werden, werden aber vielleicht mehr Untersuchungen als notwendig gemacht.

Das vermeintlich knappe Gemeinschaftsgut Gesundheit haben sich Landespolitiker so lange zur Spielwiese gemacht, dass man heute nicht die tragisch schlechte Versorgung als die tragisch hohen Kosten der Allmende beklagen muss – weil zu wenig koordiniert wird.