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Chinas Wirtschaftsleistung 2015

Das Märchen von einer „harten Landung“

von Matthias Müller / 19.01.2016

Die Börsenturbulenzen zu Beginn dieses Jahres sind mit dem sich eintrübenden Ausblick für Chinas Wirtschaft erklärt worden. Weit gefehlt, lässt sich nach Veröffentlichung der Zahlen für 2015 erwidern.

Chinas Regierungschef Li Keqiang hatte es im März vergangenen Jahres angedeutet. Die Wirtschaft solle 2015 „um die 7 Prozent“ zulegen. Und er sollte recht behalten. Laut der Nationalen Statistikbehörde wuchs die gemessen an der absoluten Wirtschaftsleistung zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt 2015 um 6,9 Prozent, wobei das Plus im letzten Quartal des vergangenen Jahres 6,8 Prozent betrug. Damit fiel das Wachstum 2015 um 0,4 Punkte geringer aus als 2014 und ist weit von den einst zweistelligen Raten entfernt. Diese waren jedoch dauerhaft nicht aufrechtzuerhalten. Wegen China müssen die volkswirtschaftlichen Lehrbücher nicht umgeschrieben werden. Die chinesische Wirtschaft wird immer „normaler“, auch wenn auf das Riesenreich noch viel Arbeit zukommt, um die angestaubten Strukturen aufzupolieren.

Zweifel an den Daten

Trotz aller zu erwartenden Unkenrufen von Skeptikern, welche die Zuverlässigkeit der chinesischen Statistiken anzweifeln werden, belegen die Daten, dass China weit vom immer wieder an die Wand gemalten Horrorszenario einer „harten Landung“ entfernt ist. Das ist die erste gute Nachricht, denn der Beitrag Chinas zum Wachstum der Weltwirtschaft lag im vergangenen Jahr bei mehr als 30 Prozent. Die Ökonomen des Beratungsunternehmens Capital Economics gehen zwar auf Basis eigener Berechnungen davon aus, dass das Reich der Mitte im letzten Quartal nur um 4,5 Prozent im Vergleich mit der Vorjahresperiode zugelegt hat. Sie betonen aber auch, dass die chinesische Wirtschaft sich deutlich dynamischer präsentiert als noch vor einem Jahr. Und es gibt gar ernstzunehmende Stimmen, die den chinesischen Wirtschaftsdaten grosso modo Vertrauen schenken. Dahinter steckt kein blinder Gehorsam oder Bauchgefühl, sondern harte empirische Analyse.

Die zweite gute Nachricht lautet: Der Umbau der chinesischen Wirtschaft schreitet voran. Im vergangenen Jahr belief sich der Anteil der Dienstleister an der Wirtschaftsleistung auf 50,5 Prozent, was einem Zuwachs von 2,4 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr entspricht. Damit läuft der tertiäre Sektor der Industrie langsam den Rang ab; deren Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) betrug im vergangenen Jahr 40,5 Prozent. Entsprechend legte der tertiäre Sektor 2015 mit 8,3 Prozent kräftiger zu als die Industrie mit einem Wachstum von 6,0 Prozent. Allerdings verbergen sich dahinter auch Verzerrungen.

Im vergangenen Jahr wuchsen die Finanzdienstleister innerhalb des tertiären Sektors stark. Laut der Großbank HSBC lag der Anteil der chinesischen Finanzdienstleister am BIP in den ersten drei Quartalen 2015 bei 8,7 Prozent; in den USA beläuft sich der Wert auf 7,0 Prozent und im Vereinten Königreich auf 8,0 Prozent. Insofern dürfte es sich beim Beitrag der Finanzinstitute zum chinesischen BIP 2015 um einen Ausreißer noch oben handeln, was sich auch in den Zahlen zum Wachstum des gesamten tertiären Sektors niederschlägt.

Unter dem Strich steuerte die Landwirtschaft 9 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Allerdings existiert in dem einstigen Agrarland – der Anteil der Landwirtschaft am BIP betrug 1952 noch 50 Prozent – ein großes Gefälle zwischen wirtschaftlichem Beitrag des primären Sektors und dessen Beschäftigungsquote: Noch immer arbeiten rund 30 Prozent der Beschäftigten im Alter zwischen 16 und 59 Jahren in der Landwirtschaft. Die hohe Kunst besteht darin, diesen Arbeitskräften jenseits der Landwirtschaft neue Beschäftigungschancen zu bieten. Misslingt dieser Versuch, sind soziale Konflikte für die auf Stabilität bedachte Kommunistische Partei Chinas vorprogrammiert.

277 Millionen auf Wanderschaft

Um welche Menschenmengen es sich dabei handelt, belegen andere Zahlen. Laut der Nationalen Statistikbehörde gab es im vergangenen Jahr rund 278 Millionen Wanderarbeiter, die vom Land in die Städte strömten, um dort zu arbeiten. Um die Dimension dieser Zahl einordnen zu können, reicht ein Blick nach Europa. Wenn sich alle Bewohner Deutschlands, Frankreichs, Irlands, Italiens und des Vereinten Königreichs auf Wanderschaft begäben, um anderswo ihr berufliches Glück zu suchen, entspräche diese Zahl der vom Land stammenden Wanderarbeiter Chinas im vergangenen Jahr.

Markant sind die immer noch bestehenden Einkommensgefälle zwischen städtischen und ländlichen Gebieten. Während in den Städten das durchschnittliche verfügbare Einkommen 2015 sich auf 31.195 Yuan (Y) – rund 4.354 Euro – pro Kopf belief, betrug der Vergleichswert in den ländlichen Gebieten 11.422 Y (rund 1.594 Euro). Weit davon entfernt, reich zu werden, sind auch die Wanderarbeiter. Deren durchschnittliches monatliches Einkommen lag im vergangenen Jahr bei 3.072 Y (rund 429 Euro), davon gehen jedoch etwa noch Steuern und Sozialabgaben ab.

Selbst Li Keqiang irrt sich

Gäbe man nach den bekanntgewordenen Daten den Machthabern in Peking Noten, erhielten sich nach Maßgabe ihrer eigenen Vorgaben kein gutes Zeugnis. Zwar wurde das BIP-Ziel von „um die 7 Prozent“ erreicht, bei anderen Größen klafft zwischen einstigem Wunsch und harter Realität eine große Lücke. So legten die Konsumentenpreise im Jahresvergleich „nur“ um 1,4 Prozent zu, obwohl sie laut Ministerpräsident Li eigentlich um 3 Prozent hätten steigen sollen. Gleiches gilt auch für das Handelsvolumen. Nach dem Willen Lis und seiner Mannschaft hätte es im vergangenen Jahr um 6 Prozent ansteigen sollen, stattdessen gab es um 7 Prozent nach. Verfehlt wurde auch die Vorgabe für die nominalen Einzelhandelsumsätze. Sie legten statt um 13 Prozent „nur“ um 10,7 Prozent zu.

Die Zahlen zeigen, dass China wegen der engen weltwirtschaftlichen Verflechtungen nicht auf einer Insel der Glückseligen lebt. Selbst ein chinesischer Ministerpräsident kann mit seinen Prognosen danebenliegen.