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Erdölexporteure

Das Öl stürzt den Osten in Probleme

von Benjamin Triebe / 01.02.2016

Die Erdölexporteure in der Ex-Sowjetunion haben sich zu wenig vom „schwarzen Gold“ gelöst. Ihre hohen Rücklagen sind ein Schutz, aber keine Strategie. Jetzt steht sogar internationale Hilfe im Raum.

Es ist weit gekommen, wenn ein erdölreiches Land klarstellen muss, dass es keine internationale Finanzhilfe benötigt. Doch so geschah es am Freitag im zentralasiatischen Kasachstan, wo sich laut BP immerhin 2 Prozent der globalen Erdölreserven befinden. Der Wirtschaftsminister wies jede Vermutung zurück, sein Land könne um Unterstützung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bitten. Die Frage drängte sich auf, denn ein anderer Anrainer des Kaspischen Meers hat jetzt genau das getan. Das ebenfalls rohstoffreiche Aserbaidschan lud diese Woche eine Delegation von IWF und Weltbank ein, um über mögliche Hilfen zu verhandeln. Eine rasche Einigung gilt als unwahrscheinlich, aber der stoßende Punkt ist: Baku verfügt noch über einen mit Öleinnahmen gefüllten Staatsfonds mit Reserven von knapp 34 Milliarden Euro, was etwa der Höhe der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.

Zwecklose Verteidigung

Doch wie schnell Milliarden schmelzen können, hat das Regime von Präsident Ilham Alijew im vergangenen Jahr gelernt. Bei dem Versuch, den Kurs der an den Dollar gebundenen Landeswährung Manat zu verteidigen, verbrannte die Zentralbank über 8 Milliarden Dollar oder 60 Prozent ihrer Reserven. Letztlich musste sie die eigene Währung doch freigeben, genau wie Kasachstan und Russland zuvor. Der Manat brach ein. Das erlaubte die Abfederung des Ölpreisschocks, denn in Landeswährung gerechnet haben Konzerne und Staat nun mehr von den geringeren Dollar-Einnahmen. Der Preis für die Referenzsorte Brent steht bei 35 Dollar je Fass, Mitte 2014 waren es 110 Dollar. Allerdings treibt die schwache Währung die Inflation und hemmt den Spielraum für Zinssenkungen, welche die Wirtschaft gut brauchen könnte. Deshalb musste am Freitag auch die russische Zentralbank den Leitzins auf hohem Niveau belassen und signalisierte sogar Bereitschaft zu einer Erhöhung.

Alle Ölexporteure des postsowjetischen Raums stehen vor der Herausforderung, ihre Staatsfinanzen zu schützen. Viele Länder haben die Diversifizierung ihrer Wirtschaft während der vergangenen Jahre mit einem hohen Ölpreis zu wenig vorangetrieben. Das gilt besonders für Russland, Kasachstan und Aserbaidschan, die drei größten Produzenten. Der Erdölsektor ist in Aserbaidschan für rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung verantwortlich, in Kasachstan für etwa einen Viertel und in Russland für einen Fünftel. Der Anteil an den Exporten und den Staatseinnahmen liegt jeweils noch deutlich höher.

Kürzung der Ausgaben

Aserbaidschan hat schon vergangenes Jahr begonnen, seine Ausgaben einzuschränken. Das Finanzministerium korrigierte am Donnerstag nochmals die Prognose für den durchschnittlichen Erdölpreis in diesem Jahr von 30 Dollar auf 25 Dollar je Fass nach unten. Ursprünglich war es von 50 Dollar ausgegangen – genau wie Russland, das offiziell immer noch dieser optimistischen Annahme anhängt und bereits damit für 2016 ein Haushaltsloch von 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erwartet. Allerdings ist Moskau klar, dass Kürzungen und ein höheres Minus unvermeidbar werden. Zur Deckung soll zum Großteil auf Reserven der beiden Staatsfonds zurückgegriffen werden.

Kasachstan hatte den Haushalt für 2016 mit 40 Dollar je Fass geplant und spielt derzeit sogar Szenarien mit 16 Dollar durch. Im Februar sollen die Einschnitte feststehen. Der kasachische Staatsfonds hat noch Reserven von rund 64 Milliarden Dollar. Die ärmeren Länder Turkmenistan und Usbekistan müssen ebenfalls Dämpfer für ihre Budgets verkraften, stehen aber ironischerweise wegen einer anderen Einseitigkeit besser da: Sie exportieren relativ viel Erdgas, dessen Preis teils fix ist, teils nur mit Verzögerung auf die Erdölnotiz reagiert.

Eine schnelle Erholung des Ölpreises ist derweil nicht nur nicht in Sicht, sie müsste auch beständig hoch ausfallen: Aserbaidschan benötigt laut IWF für einen ausgeglichenen Haushalt einen durchschnittlichen Preis von über 60 Dollar je Fass, Kasachstan von mehr als 80 Dollar und Turkmenistan immerhin noch von über 40 Dollar. Deshalb müssen die Länder nicht nur ihre Staatsfinanzen konsolidieren, sondern auch mit marktwirtschaftlichen Reformen den Aufbau anderer Wirtschaftszweige begünstigen. Rufe nach Transparenz und Öffnung stoßen aber namentlich im vom Alijew-Clan regierten Aserbaidschan auf wenig Gegenliebe, vom international isolierten Turkmenistan ganz zu schweigen.

Überschuss ade

Aber die Spielräume in der Region schrumpfen: Der Leistungsbilanzsaldo der Ölexporteure (ohne Russland) werde sich durchschnittlich von einem Überschuss von über 3 Prozent des BIP im Jahr 2014 in ein ebenso hohes Defizit im laufenden Jahr verwandeln, schätzte der IWF im Oktober – vor dem jüngsten Preisrutsch. Auch dürfte die derzeit noch niedrige Verschuldung der Länder schnell steigen, falls sie die Budgetdefizite nicht nur über Rücklagen decken wollen. Außer in Russland wird die Wirtschaftsleistung jedoch wohl nirgendwo abnehmen, auch wenn sie klar schwächer zulegt.