Stefan Wermuth / Reuters

Nach Brexit am Rekordtief

Das Pfund spürt das Misstrauen der Anleger

von Christof Leisinger / 04.10.2016

Die britische Währung hat in viereinhalb Jahrzehnten 88% ihres Wertes zum Franken verloren. Aufgrund beachtlicher Defizite dürfte sich an diesem Trend kaum etwas ändern.

Der Kurs der britischen Währung kennt im Verhältnis zum starken Franken schon seit langem nur eine Richtung, nämlich die nach unten. Mussten vor 45 Jahren noch etwas mehr als 10 Franken für ein Pfund bezahlt werden, so waren dafür am Montag nach Einbussen von bis zu 1% im Tagestief gerade noch Fr. 1.2475 notwendig. Das war so wenig wie praktisch noch nie, und das entsprach einem Minus von 88% in viereinhalb Jahrzehnten. Diese Entwicklung verwundert kaum. Schliesslich hat Grossbritannien schon in der Vergangenheit regelmässig auf eine schwache Währung gesetzt, sobald das Königreich in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war. Allerdings hat diese Strategie Grenzen.

Tatsächlich hat Premierministerin Theresa May am Wochenende zwar angedeutet, im März kommenden Jahres nach der jüngsten Abstimmung den Artikel 50 des EU-Vertrags, den sogenannten Kündigungsartikel, anzurufen und so den formalen Austrittsprozess aus der EU in Gang zu setzen. Sollte es ihr aber nicht gelingen, in den beiden darauffolgenden Jahren ein vernünftiges Vertragsverhältnis zu „Resteuropa“ in wirtschaftlichen Belangen zu finden oder wenigstens die Verhandlungsfrist zu verlängern, könnten internationale Anleger und Investoren noch stärker verunsichert werden, als sie das heute schon sind. Aufgrund enormer Leistungsbilanz- und Budgetdefizite ist Grossbritannien zwar auf den Zufluss von Kapital aus dem Ausland angewiesen. Sollten die Anleger aber ohne Strukturreformen und wegen zu expansiver Geldpolitik mit steigender Inflation und anhaltend schwacher Währung rechnen müssen, dürfte sich ihr Interesse in Grenzen halten. Die schwache Währung hat zwar jüngst die britische Exportwirtschaft und die Börse beflügelt. Ausländische Anleger hatten aber kaum etwas davon, denn sie haben mit dem Pfund mehr verloren, als sie am Aktienmarkt hätten gewinnen können.