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Mobile World Congress 2016

Das Smartphone muss sich neu erfinden

von Jürg Müller / 22.02.2016

Einmal mehr versammelt sich die Telekombranche in Barcelona. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen am Mobile World Congress traditionellerweise die neuesten Smartphone-Modelle – doch wie lange noch?

Steve Jobs war ein Meister des Puzzle-Spiels. Der Vater des Smartphones hat es wie kein anderer verstanden, Bestehendes zusammenzuführen und dabei etwas größeres Ganzes zu schaffen. Das iPhone stellte er seinen Anhängern 2007 als revolutionäre Kombination vor: die Vereinigung von Telefon, Multimedia-Gerät, Touchscreen und Internet-Anschluss. Damit hob Jobs das Smartphone aus der Taufe, das nach und nach die Welt veränderte. Paradoxerweise hat sich das Smartphone selbst seit der Einführung des iPhone kaum verändert. Klar, die Rechenleistung und die Qualität der verbauten Komponenten wurden massiv gesteigert. Grundsätzlich bauen jedoch auch die heutigen Geräte noch immer auf dem gleichen Konzept auf. Nun deutet einiges darauf hin, dass die Zeit reif für etwas Neues sein könnte.

Neue Ideen gefordert

Zum einen mehren sich die Zeichen einer Marktsättigung. Noch dominieren zwar Samsung und Apple. Besonders Samsung scheint jedoch zunehmend unter Druck zu kommen; die Südkoreaner verlieren Marktanteile an billigere Smartphone-Hersteller; die Preise kommen immer mehr ins Rutschen. So hat erst vergangene Woche die Nachricht die Runde gemacht, dass in Indien ein Gerät für vier Dollar auf den Markt kommen soll. Auch wenn diese Meldung mit großer Vorsicht zu genießen ist, so zeigt sie doch die generelle Entwicklung auf: Die Geräte werden rasch billiger. Gleichzeitig nehmen die Verkäufe ab. So sprachen jüngst die Experten von Strategy Analytics vom geringsten Absatzwachstum in der Geschichte der Branche.

Wollen Hersteller im Markt bestehen, müssen sie die Kosten signifikant senken oder aber sich mit Innovationen profilieren. Nur mit Telefonen mit Touchscreen, Multimedia-Funktion und Internetanschluss wird es zunehmend schwieriger, profitabel zu wirtschaften. Die Pioniere des Smartphones stehen – auch seitens der Anwender – unter Druck, etwas Neues zu entwickeln.

Nach einer Konsumentenbefragung hat sich Ericsson jüngst zu einer radikalen These hinreißen lassen: dass das Ende der Bildschirm-Epoche nahe sei. Laut dem schwedischen Netzwerkausrüster ist einer von zwei Smartphone-Nutzern der Meinung, die Geräte mit Touchscreen seien bereits in fünf Jahren Geschichte. Eine Schlüsselrolle kommt dabei künstlicher Intelligenz zu. Dieser stehen die Konsumenten laut der Studie erstaunlich offen gegenüber.

Das Eintippen von Nachrichten und Befehlen auf dem kleinen Touchscreen ist in der Tat nicht das Gelbe vom Ei; das sich kaum veränderte Design des Smartphones hat seine Makel. Ein Ausbau der Sprachsteuerung bietet sich hier an, wie auch eine jüngst veröffentlichte Studie von Accenture festhält. Die Autoren betonen dabei, dass der große Effizienzgewinn jedoch erst eintritt, wenn Verhaltensmuster erkannt werden und Aufgaben automatisiert werden – womit man wieder bei der Schlüsselrolle der künstlichen Intelligenz wäre.

Die Puzzleteile der Zukunft

Wie die von Ericsson befragten Konsumenten sehen auch die Autoren der Accenture-Studie mit Freuden der vollautomatisierten Zukunft entgegen. Dank weniger Entscheidungen solle sich eine höhere Lebensqualität einstellen, und die neue Technik werde „Luxus für alle“ ermöglichen. Offensichtlich kann auf dem Konsumgütermarkt die digitale Revolution kaum schnell genug gehen, während sie auf dem Arbeitsmarkt momentan für das große Bangen vor der Massenarbeitslosigkeit sorgt.

Was am Ende das Smartphone als Archetyp des Fortschritts ablösen wird, ist unklar. Dass es geschehen wird, ist hingegen unbestritten; bis jetzt wurde noch jede Technologie überholt. Der Reifegrad der Industrie und die Forderungen der Konsumenten legen nahe, dass die Puzzleteile der Zukunft bereits existieren. Einige von ihnen dürften in den nächsten vier Tagen am Mobile World Congress präsentiert werden. Gut 100.000 Besucher können in Barcelona neue Produkte rund um virtuelle Realitäten, tragbare Sensoren und künstliche Intelligenz bestaunen – vielleicht tritt einer von ihnen in die Fußstapfen von Jobs und findet schon bald die nächste revolutionäre Kombination.