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Wachstumsausblick

Das Wirtschaftswunder in China ist noch nicht vorbei

von Franziska Pfister / 22.11.2015

Der Konsum wird zunehmend zu einer wichtigen Stütze. Auch wenn das Wachstum weiter sinken dürfte, wie NZZ-Redakteurin Franziska Pfister berichtet: Die Öffnung der Wirtschaft macht das Land für Privatanleger durchaus interessant.

Kaum ein Thema hat Anleger dieses Jahr mehr umgetrieben als die Sorge um die chinesische Wirtschaft. Lange Jahre war das Land der Wachstumsmotor der Welt. In den letzten Monaten hat sich die Konjunktur spürbar abgeschwächt. Das lässt sich nicht zuletzt ablesen an den dünner werdenden Auftragsbüchern von Schweizer Unternehmen. Deren Manager klagen gern darüber, dass das China-Geschäft nicht mehr so läuft wie gewohnt. Aber wie dramatisch ist die Abschwächung tatsächlich? Und vor allem: Wie lange wird die Schwächephase anhalten?

In den letzten Wochen zeigte sich, dass die Befürchtungen, China sei eine tickende Zeitbombe, wohl übertrieben waren. Die Konjunktur verlangsamt sich zwar, aber nicht so dramatisch, wie vermutet worden war. Im dritten Quartal betrug das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts 6,9 Prozent und sank damit auf ein Sechsjahrestief. Die Behörden peilen eine jährliche Wachstumsrate von sieben Prozent an, die damit nur knapp verfehlt wurde. Daraufhin zogen die Aktienkurse an, seit Oktober stieg der MSCI-China-Index in US-Dollar gerechnet um ein Fünftel.

„China ist in der Realität angekommen und wird sich auf absehbare Zeit mit klar tieferen jährlichen Wachstumsraten bescheiden müssen“, kommentierte die Bank Julius Bär. Als Importeur von Rohstoffen kämen dem Land immerhin die weiterhin günstigen Rohwarenpreise entgegen.

Fidelity International erwartet, dass sich das Wirtschaftswachstum über die Jahre infolge schwindender Produktivitätsgewinne an jenes der Industrieländer angleichen wird. Dennoch sieht der Fondsanbieter weiterhin viel Potenzial. „China ist ein Schwellenland und weist viele Ineffizienzen auf. Das bietet große Chancen für Stockpicking“, sagt Catherine Yeung, Investment Director für Aktienanlagen in Asien. Die Staatsbetriebe würden zwar attraktive Assets aufweisen, aber sie seien ineffizient geführt. Das führe zu Unterbewertungen und biete auf lange Sicht die Chance auf hohe Renditen.

Kampf gegen Korruption

Chinas Präsident Xi Jinping habe sich als erste Priorität gesetzt, bis zum 100-Jahr-Regierungsjubiläum der Kommunistischen Partei (KP) im Jahr 2049 das Land zur Supermacht aufsteigen zu lassen. Hierzu habe die Partei die Zügel angezogen. Yeung hebt das strenge Antikorruptionsprogramm hervor: „Das mittlere Parteikader ist durch das Programm praktisch eliminiert worden, die Entscheidungsträger wurden entfernt. Heute liegt die Macht beim Präsidenten und einer Handvoll Mitgliedern des Politbüros“, sagt die Anlagechefin, die in Hongkong arbeitet.

Die KP hat ambitionierte Pläne für die Wirtschaft. Der zuständige Minister Miao Wei möchte bis 2025 einen Industrialisierungsgrad erreichen, der mit demjenigen Deutschlands und Japans in der Anfangszeit der Industrialisierung korrespondiert. Das Land soll zu einem der zehn größten Produktionsstandorte weltweit aufsteigen. Einige Provinzen haben angekündigt, Arbeiter durch Roboter zu ersetzen, da die Lohnkosten Jahr für Jahr steigen und sich der Arbeitskräftemangel verschärft. „Die Partei möchte die internetbasierte Produktion einführen und dazu Know-how im Ausland zukaufen“, sagt Yeung. Vor allem an Technologie und Forschungsexpertise bestehe Interesse. Vermehrt werden wir laut Fidelity International auch sehen, dass chinesische Firmen westliche Marken erwerben, um sie selbst zu vertreiben und ihr Geschäft zu arrondieren.

Miao Wei hat verlauten lassen, unter anderem in Pharma, Medizinaltechnik und der Automation vorne mitspielen zu wollen. Und die Partei hat auch finanzielle Anreize dafür geschaffen, dass die Firmen ihre E-Commerce-Angebote verstärken.

Fidelity International sieht den Privatkonsum als eine Stütze und ist diesbezüglich zuversichtlich. Denn er soll gemäß den Prognosen stärker wachsen als die gesamte Wirtschaft. Was Schweizer Bijoutiers freuen dürfte: Yeung geht davon aus, dass die Chinesen auch im Ausland spendierfreudig bleiben. „Vier Prozent der Chinesen besitzen bereits einen Pass, und sie wollen reisen“, sagt sie. Das Land habe riesige Flughäfen gebaut, die in einigen Jahren ausgelastet sein sollen.

Übertriebener Abschlag

„Der Umbau von einem industrielastigen Wachstumsmodell hin zu Dienstleistungen und Privatkonsum als Treibern wird langwierig und holprig“, kommentiert die Banque Pictet. Nach dem scharfen Kursrückgang im Sommer würden chinesische Aktien mit einem 30-prozentigen Abschlag zu Papieren aus Industrienationen gehandelt. Der Markt habe erkannt, dass dieser Abschlag übertrieben sei, was sich im Kursanstieg seit September spiegle. Pictet hat für den MSCI-China-Index ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 9,3 errechnet. Dieses liege 0,7 unter dem Zehnjahresdurchschnitt. Damit seien die Bewertungen sehr attraktiv.

Fidelity International rät Privatanlegern, bei Investments in China nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Ein breit abgestütztes Portfolio sei nötig. Im hauseigenen Fonds mit Konsumgüter-Aktien gehören die E-Commerce-Plattform Alibaba wie der Sofort-Nachrichtendienst Tencent zu den größten Positionen. In China bestehen zwei Gattungen von Aktien: die sogenannten H-Aktien (chinesische Titel, die an der Hongkonger Börse gehandelt werden) und lokal gehandelte A-Aktien, die einheimischen Investoren und internationalen Fonds vorbehalten sind. A-Aktien sind zurzeit günstiger als H-Aktien.