Laurent Gillieron / Keystone

Islamic Economy

Das World Islamic Economic Forum in Jakarta

von Manfred Rist / 04.08.2016

Am diesjährigen, vom Davoser WEF inspirierten World Islamic Economic Forum in Jakarta wurden keine heiklen Themen adressiert, dafür Unverfängliches wie die schwer fassbare „Islamic Economy“.

Die Liste an Konflikten, die das Image der „islamischen Welt“ derzeit beeinträchtigen, ist lang, niederschmetternd und oft unverständlich: ein endloser Bürgerkrieg in Syrien, gescheiterte arabische Frühlinge, ein Stellvertreterkrieg in Jemen, die Türkei in Angst und Aufruhr. Hinzu kommt eine Häufung von Anschlägen im Namen des Allmächtigen, Reformbedarf in den vorwiegend muslimischen ölproduzierenden Staaten, der Ausfall von Erdöleinnahmen, ein milliardenschwerer Staatsfonds-Betrugsskandal in Malaysia, das sich brüstet, ein Erfolgsmodell in der islamischen Staatengemeinschaft zu sein. Und vielerorts grassieren Armut und Chancenungleichheit.

Von Davos inspiriert

Es fehlt also nicht an unbequemen Themen, die an einer Konferenz islamischer Staaten hätten aufgegriffen werden können, auch wenn es sich wie beim World Islamic Economic Forum (WIEF) um eine ökonomische Veranstaltung handelt. Sie ist aus der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) hervorgegangen und orientierte sich seinerzeit am Davoser WEF. Doch an der 12. Auflage dieser Konferenz, die vom 2. bis zum 4. August in Jakarta stattfindet, verbrannte sich an unliebsamen Themen niemand die Finger.

Auch nicht der Regierungschef Malaysias, wo die Fäden des WIEF zusammenlaufen. Premierminister Razal Najib wies in seiner Rede zwar auf grosse Herausforderungen hin, denen sich die muslimische Welt gegenübersehe, etwa Ausbildungsdefizite, Armut sowie die Ausgrenzung von Frauen. Aber das politische und wirtschaftliche Chaos, das von Nordafrika bis in den Irak herrsche, führte er auf ausländische Interventionen zurück, die die Pandora-Box ethnischer und religiöser Konflikte geöffnet hätten. Es war auch ein subtiler Seitenhieb gegen die USA, sich mit juristischen Untersuchungen nicht zu sehr in die malaysischen Angelegenheiten bezüglich 1MDB zu mischen. Gerade der Missbrauch der 1MDB-Milliarden zeigt indessen, wie krass islamische Bekenntnisse und Realität mitunter auseinanderliegen.

Dass die WIEF-Konferenz unter dem Motto der Dezentralisierung stand, hat mit dem diesjährigen Gastgeberland zu tun. In Indonesien, dem Land mit der grössten muslimischen Bevölkerung, zählen 99% der Unternehmen zur Kategorie der Klein- und Kleinstbetriebe; diese erarbeiten etwa 60% des BIP – und dennoch haben sie oft kaum Zugang zu Banken. Präsident Joko Widodo bekräftigte seinen Willen, dieses weit verzweigte Rückgrat der indonesischen Wirtschaft zu stärken und mit der modernen Wirtschaft besser zu verknüpfen.

Es ist indessen bezeichnend, dass Widodo kaum Anspielungen auf den Islam machte: Indonesien zählt zwar über 200 Mio. Muslime, doch von dieser Religion gehen wenig wirtschaftliche Rezepte aus, die mit der Kadenz der Globalisierung Schritt halten und das südostasiatische Land wirklich voranbringen können. Indonesien setzt ja auch nicht auf den arabischen Raum, sondern bezüglich Handelsverbindungen und Investitionen auf China, Indien, Japan und den Westen.

Wie schon bei früheren WIEF-Konferenzen in Dubai und Kuala Lumpur nahm Islamic Banking einen breiten Raum ein. Erneut werden diesbezüglich eindrückliche Wachstumsraten ausgewiesen: Scharia-konforme Investitionen (Assets) haben gemäss Mustafa Adil von Thomson Reuters 2015 die Schwelle von 2000 Mrd. $ überwunden, bis in fünf Jahren rechne man mit 3000 Mrd. $. Zu den tonangebenden Ländern zählen hier Saudiarabien, Iran und Malaysia; die Relationen dürfen indessen auch hier nicht übersehen werden: Die Assets, in die gemäss islamischen Grundsätzen investiert wird, machen anteilsmässig weltweit knapp über 1% aus.

Islamic Banking als Nische

Scharia-Bonds mögen zum heilen Weltbild einer „Islamic Economy“ passen, das nicht wenige Teilnehmer in Jakarta zu zeichnen versuchten. Auf die Realität verwies Volker Nienhaus, der zum Beraterstab des WIEF gehört: Islamic Banking sei zwar im Aufwind, doch noch weit von einer allgemeingültigen Definition und globalen Qualitätsstandards entfernt. Vieles von dem, was heute als Islamic Banking daherkomme, könne genauso gut im Rahmen von Corporate Social Responsability (CSR) abgedeckt werden. Hier wie dort stosse man auf Negativlisten; eine Positivliste – also welche Sektoren es zu fördern gelte – oder Kriterien wie Umwelt- und Arbeitsschutz fehlten beim Islamic Banking heute aber noch weitgehend.

Nicht als Heilsmittel, sondern als Nische wird man Islamic Banking wohl weiterhin sehen müssen. Ein kreatives Beispiel dafür sind Social Responsability Bonds, die über eine Laufzeit von 4 bis 5 Jahren mit sinkenden Zinssätzen aufwarten. Hier wird ein (zunehmender) Anteil des Ertrags nicht als Zinsertrag, sondern als Dividende zugunsten spezifischer Projekte einbehalten.

Was überhaupt soll der Laie aber des Weitern unter „Islamic Economy“ verstehen? Dass die Welt formell 1,7 Mrd. Muslime zählt, taugt zunächst wenig als Massstab. Nach Islamic Banking tauchte der Begriff „Halal“ am häufigsten auf: auf 1128 Mrd. $ wird denn auch der globale Markt für entsprechend zubereitete Nahrungsmittel geschätzt; Halal werde, so meinten Vertreter der Branche, weltweit zunehmend als Qualitätslabel verstanden. Der Reisesektor und der Medienkonsum tauchen mit 179 Mrd. $ in den Zahlenwerken auf, die Pharma- und Kosmetikverkäufe mit 75 Mrd. $.

Kann die Welt an dem einen oder anderen genesen? Noch bleiben die in Jakarta tonangebenden Länder wie Indonesien und Malaysia und Gaststaaten wie Sri Lanka und Guinea den Beweis schuldig, dass sie wirtschaftliche Impulse setzen oder nachhaltige Ideen kreieren können.

Vertreter anderer Staaten islamischer Prägung, Ägypten, Iran, die Emirate, Saudiarabien, waren hier dagegen kaum vertreten. Auch das ist ein Zeichen für die tiefe Spaltung der islamischen Welt, für die Rivalität unter Ländern, die immer häufiger solch religiös eingefärbte Konferenzen organisieren, und für den zweifelhaften Inhalt ohne wirklich kritische Diskurse.