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Analyse

Déjà-vu bei der Integration von Flüchtlingen

von Leopold Stefan / 18.08.2016

Die Integration von Flüchtlingen am Arbeitsmarkt hat gerade erst begonnen. Der neue Intergrationsbericht zeigt auf, wie unterschiedlich einzelne Gruppen in der Vergangenheit in Österreich Fuß gefasst haben. Der Status quo von Türken und Ex-Jugoslawen birgt wertvolle Lehren für die neu angekommenen Syrer und Afghanen.

Als Herkulesaufgabe bezeichnete AMS-Chef Johannes Kopf die Integration von schlecht qualifizierten Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Der jüngst erschienene Integrationsbericht beziffert die Herausforderung nun mit aktuellen Zahlen.

Insgesamt kamen netto 113.000 Migranten im Jahr 2015 nach Österreich – mehr als in jedem Einzeljahr seit der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes 1956. Davon stellten knapp 90.000 einen Asylantrag. Rund 80.000 Menschen leben derzeit aber noch von der Grundversorgung. Der Großteil der Neuankömmlinge ist also statistisch noch nicht am Arbeitsmarkt angekommen – in Praxis müssten die meisten Flüchtlinge als langzeitarbeitslos eingestuft werden.

In den Daten des Integrationsberichtes zeigt sich jedoch auch, wie in den vergangenen Jahrzehnten Integration funktioniert hat und bei welchen Gruppen Aufholbedarf vorherrscht. Ein Vergleich der Ex-Jugoslawen und Türken in Österreich – beide Gemeinden sind ursprünglich durch die Anwerbung von Gastarbeitern ab den Siebzigern gekommen – liefert wertvolle Lektionen für die aktuelle Integrationspolitik. Heute sind die Ex-Jugoslawen deutlich besser im Erwerbsleben, was Arbeitslosigkeit und Einkommen betrifft, integriert als die Austrotürken.

Auf die Bildung kommt es an

Eine detaillierte Analyse hat gezeigt, dass weder Altersstruktur noch Branchenaufteilung noch Diskriminierung die unterschiedlichen Erfolge im Erwerbsleben erklären. Eklatant unterscheiden sich die beiden Mirgantengruppen jedoch beim Bildungsniveau.

Mehr zum Thema: → Was die Austrotürken von Ex-Jugoslawen abschauen können

Mit 61 Prozent war 2015 der Anteil der erwerbsfähigen Personen mit höchstens einem Pflichtschulabschluss unter Personen mit türkischem Migrationshintergrund – also im Ausland Geborene und deren in Österreich zur Welt gekommenen Kinder – doppelt so hoch als bei Menschen aus den jugoslawischen Nachfolgestaaten außerhalb der EU.

Insgesamt liegt die Arbeitslosenquote für Pflichtschulabgänger bei 29 Prozent, während nur 4,6 Prozent der Akademiker keinen Job haben. Das schlechte Bildungsniveau unter Türken schlägt sich somit direkt in der hohen Arbeitslosigkeit in der Community nieder – fast jeder Fünfte Austrotürke hatte 2015 keinen Job.

Unterschiedliche Chancen nach der Pflichtschule

Wie die neue Aufstellung des Integrationsministeriums nun für das Jahr 2015 zeigt, sind türkische Staatsangehörige auch innerhalb der Gruppe der Pflichtschulabsolventen mit einer Arbeitslosenquote von 41 Prozent deutlich überrepräsentiert.

Ein wesentliches Problem bei der – relativ – mangelnden Integration der türkischen Community ist, dass sie sich verfestigt. Von Neuankömmlingen würde man noch erwarten, dass die sprachlichen Defizite und die Anpassung an eine neue Umgebung Rückschläge am Arbeitsmarkt und in der Ausbildung bedeuten. Die unter „Sonstige“ ausgewiesenen Afghanen, Syrer, Iraker etc. schlagen sich in der Statistik hier nieder. Doch von den Türken in Österreich gehörten 43 Prozent bereits der zweiten Generation an – im Vergleich zu 30 Prozent der Ex-Jugoslawen (außerhalb der EU). Das heißt, sie wurden in Österreich geboren, mussten ab der Schulpflicht hier in die Schule gehen und hatten vollen Zugang zum gesamten Bildungsangebot des Staates.

Trotzdem nimmt ein vergleichsweise hoher Anteil der Austrotürken nicht am Erwerbsleben teil. Fast 60 Prozent der Türkinnen sind nicht berufstätig, während von den Ex-Jugoslawinnen weniger als die Hälfte, und von den Österreicherinnen ein Drittel, nicht am Berufsleben teilnehmen.

Abseits des Erwerbslebens

Die niedrige Frauenbeschäftigung und die hohen Arbeitlosenzahlen unter Austrotürken schlagen sich in einem bedenklichen demographischen Trend nieder: Die Beschäftigungsquote macht einen plötzlichen Knick bei den über 44-Jährigen. Normalerweise fällt der Anteil der Menschen mit Job erst ab, wenn das Pensionsalter in greifare Nähe rückt. In der Altersgruppe der 44–54-Jährigen gehen drei Viertel der Ex-Jugoslawen einer Arbeit nach, aber nur knapp die Hälfte der Türken.

Angesichts der relativen Abkapselung vom Erwerbsleben überrascht dann auch das geringere gesellschaftliche Zugehörigkeitsgefühl unter Austrotürken nicht. Laut einer Umfrage für den Integrationsfonds identifiziert sich die überwiegende Mehrheit der Befragten mit einem ex-jugoslawischen Migrationshintergrund sehr rasch mit Österreich, während dies bei Befragten türkischer Herkunft deutlich länger dauere.

Lehren für heute

Die über Generationen festgefahrenen Integrationsmuster bergen eine wichtige Lehre für die Integration der jüngst angekommenen Flüchtlinge. Je nach Herkunftsland ist das Qualifikationsniveau sehr unterschiedlich, wie die Kompetenzchecks des AMS gezeigt haben. Zwar sind diese Checks nicht gänzlich repräsentativ, aber sie weisen auf eine Tendenz der zwei größten Flüchtlingsgruppen hin: Afghanen sind deutlich weniger qualifiziert als Syrer.

Die Erfahrungen mit den alteingesessenen Migrantengruppen hat gezeigt, dass ein niedriges Bildungsniveau auch über Generationen zu einer mangelnden Integration einer Migrantengruppe führt. Die wachsende Afghanengemeinde läuft somit stärker Gefahr, auf den Spuren der türkischen Community zu wandeln. Die Integrationspolitik könnte daher vorhandene Ressourcen je nach Herkunftsland unterschiedlich gewichten, etwa bei der Entscheidung, ob mehr Trainer eingestellt werden, die Arabisch oder Paschtunisch sprechen.

Es ist gewiss leichter, zehn Kinder mit Migrationshintergrund der zweiten Generation erfolgreich zu integrieren, wenn ihre Eltern aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern stammen als aus einer isolierten Gruppe.