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Ungleichheit

Dem terroristischen Wahn kommt man nicht mit Ökonomie bei

von Lukas Sustala / 25.03.2016

Es klingt einfach: Hinter dem Aufstieg des Islamischen Staates und seiner Terror-Herrschaft im Mittleren Osten steckt vor allem die ökonomische Ungleichheit. Das ist die These, die Anhänger des französischen Ökonomen Thomas Piketty teilen. Doch was ist da dran?

Madrid, London, Paris, Brüssel. Der islamistische Terrorismus, erst unter der Flagge von Al-Kaida, jetzt unter der des Islamischen Staates, tut, was er kann, um Leben zu zerstören und Angst zu verbreiten. Seine Währung sind möglichst blutrünstige Angriffe auf westliche Werte, auf die Unbeschwertheit international Reisender, das politische Herz Europas oder die Freizeitaktivitäten in Paris, die so viel reicher und vielfältiger sind, als es die eigenen Wahnvorstellungen erlauben.

Nach Anschlägen wie in Brüssel wird wiederholt eine Theorie bemüht, in der die Themen „Währung“ und „Terrorismus“ auf ganz andere Weise verknüpft werden. Eine ökonomische Theorie des Terrors wird beschworen. Nicht mit militärischen und geopolitischen Instrumenten könne der IS besiegt werden, lautet die These, sondern mit ökonomischer Vernunft.

Thomas Piketty, der französische Volkswirt, der mit seinem Buch über die ungleiche Verteilung von Vermögen einen ökonomischen Bestseller landete, hat in einem Blogeintrag für Le Monde nach den Pariser Anschlägen die These vertreten, dass die harte Hand des Gesetzes nicht reiche, um dem Terror des IS Einhalt zu gebieten.

Der Ungleichheitsforscher Piketty vermutet – wie auch der OECD-Generalsekretär – hinter den Umtrieben des IS die ungleiche Vermögensverteilung am Werk: „Es ist offensichtlich, dass der Terrorismus im Nahen Osten auf dem Pulverfass der Ungleichheit florierte, zu der wir selbst viel beigetragen haben.“

Regional inequality in per capita GNP is particularly large. According to our benchmark estimates, the share of total Middle East income accruing to the top 10% income receivers is currently 55% (vs. 48% in the United States, 36% in Western Europe, and 54% in South Africa). … Popular discontent might reflect the fact that perceptions about inequality and the (un)fairness of the distribution are determined by regional (and/or global) inequality, and not only on national inequality.

Dafür verweist Piketty in einer Studie auf die großen wirtschaftlichen Unterschiede dieser geografisch eigentlich kleinen Region. Einige wenige ölreiche Nationen vereinen den größten Anteil des Vermögens und Einkommens auf sich. Der Anteil der Top 10 Prozent der Einkommensbezieher, so schätzt Piketty, sei im Mittleren Osten mit 55 Prozent noch höher als in den USA (48 Prozent). In Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Qatar, dem Oman, Saudi-Arabien oder Kuwait liegt das durchschnittlich erwirtschaftete Bruttonationaleinkommen pro Kopf um ein Vielfaches über dem Niveau anderer Länder der Region. Besonders arm sind so gemessen die Einwohner Syriens, Ägyptens und des Jemens. Sie kommen beim Einkommen pro Kopf auf einen Bruchteil ihrer Nachbarn.

Piketty belässt es nicht dabei. Für ihn hat die Politik des Westens die Ungleichheit überhaupt erst so gravierend gemacht.

Terror und Ökonomie

Es ist einer dieser Versuche, die unfassbaren Taten von Paris oder Brüssel zu rationalisieren, den Sinn in der Sinnlosigkeit zu suchen und die Struktur hinter dem Chaos. Dabei muss man jedoch bei Pikettys Thesen (und jenen anderer Ungleichheitsforscher) unweigerlich an Paul Watzlawick denken: Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel. Und so sieht ein Ungleichheitsforscher hinter dem Terrorismus die Fratze der konzentrierten Vermögen.

In diesem Fall geht Piketty wieder einmal mit einem untauglichen Mittel an das Problem heran. Er sucht Antworten auf der Makro-Ebene, obwohl sie nur auf der Mikroebene zu finden sind. Dort, wo es um die Beweggründe und Hintergründe von Attentätern und terroristischen Netzwerken geht. Solche Studien kommen zu ganz anderen Ergebnissen, jedenfalls deutet kaum eine auf die direkte Kausalität zwischen ökonomischem Prekariat und terroristischer Aktivität hin.

Stattdessen zeigen sie: Die politische Radikalisierung passiert weitgehend losgelöst von der Frage, wie hoch oder wie niedrig das durchschnittliche Einkommen relativ zu den Spitzenverdienern ist, ja sogar wie hoch verschiedene Kennzahlen zur Armutsgefährdung sind. Hingegen ist die grundlegende Lage der Bürgerrechte in einem Land schon ein deutlich besserer Indikator für eine Terrorbedrohung – und hier rangieren die Länder des Mittleren Ostens ebenfalls alles andere als gut.

„Der linke Krieg gegen den Terror“

Die traurige Wahrheit ist, dass sich der internationale Terrorismus nicht mit Vermögenssteuern bekämpfen lässt. Das mag zwar der „liberal war on terror“ sein, wobei hier die amerikanischen „Liberalen“ gemeint sind, also Sozialdemokraten. „Der linke Krieg gegen den Terror geht gegen die Ungleichheit“, lautet die Parole. Demokratie und Freiheit, ja vielleicht sogar den Pursuit of Happiness in die arabischen Länder zu exportieren, wird hingegen als imperialistisch abgelehnt.

Dabei zeigen die aktuellen Fälle in Belgien und Frankreich, dass es in Frankreich lebende und geborene Menschen sind, die sich radikalisieren und in Syrien kämpfen. Hat ihre Radikalisierung irgendetwas mit dem ökonomischen Ungleichgewicht im Nahen Osten zu tun? Bei den IS-Kämpfern, die aus Westeuropa nach Syrien reisen, lässt sich wissenschaftlich vor allem feststellen, dass misslungene Integration die Gefahr erhöht.

Auch für den Aufstieg von Donald Trump soll ökonomische Ungleichheit verantwortlich sein.
Credits: REUTERS/Brian Snyder/Files

Ungleichheit steckt nicht hinter jedem Übel

Die Ungleichheit ist so etwas wie die Weltformel der politisch korrekten Ausreden für alles mögliche Unangenehme. Das geht weit über den Terrorismus hinaus. Die wachsende Ungleichheit wird auch als Schuldige hinter politisch erfolgreichen Rechtspopulisten wie Donald Trump gesehen. Sie werden gerne als logische Konsequenz der ungleichen Zeiten hingestellt. Dass hinter dem Aufstieg eines Donald Trump, eines Front National oder einer FPÖ unterschiedliche Motive und Trends stehen können, die auch mit dem Scheitern der jeweiligen Regierungen zu tun haben, wird gerne unterschlagen. Aber es zeigt, dass aktuell viele Kommentatoren mit dem „Ungleichheits“-Hammer unterwegs sind.

Natürlich können mehr ökonomische Teilhabe und Wachstum alle anstehenden Aufgaben leichter lösbar machen. Aber um jahrzehntelange Versäumnisse aufzuarbeiten, müssen viele andere harte Nüsse geknackt werden.

Die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, so viel lässt sich sagen, hat jedenfalls mit dem Islamischen Staat weniger zu tun als der Mangel an Demokratie und Mitsprache in vielen Ländern des Mittleren Ostens, die gescheiterte Integration in Westeuropa und hier speziell das Versagen der Bildungsinstitutionen. Wie so oft: „It’s complicated.“


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