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BIZ-Quartalsbericht

Den Brexit fast zu gut weggesteckt

von Claudia Aebersold Szalay / 19.09.2016

Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ortet gute Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems und warnt vor Übermut.

Als wäre alles nur ein böser Traum gewesen. Die Stimmung an den Finanzmärkten ist so gut, als hätte es den Brexit gar nicht gegeben, schreibt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in ihrem neusten Quartalsbericht. Dabei war der Schock am 23. Juni, als die Briten zur Überraschung vieler für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmten, gross gewesen. Der britische Aktienmarktindex FTSE 250 büsste in den beiden Tagen nach dem britischen Votum fast 15% an Wert ein, viele andere europäische Barometer sanken um 5% oder mehr, und das britische Pfund tauchte gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner um 10% in die Tiefe.

Gut weggesteckt

Doch der Spuk währte nicht lange. Als Reaktion auf den britischen Entscheid kündigten die US-Notenbank Fed, die Bank of England, die Europäische Zentralbank und die Bank of China Stützungsmassnahmen an und versicherten, dem Markt bei Bedarf die nötige Liquidität zu gewähren und dadurch für ein reibungsloses Funktionieren der Märkte zu sorgen. Die Märkte erholten sich in der Folge rasch von der bösen Überraschung, und bis Mitte Juli hatten die meisten Anlageklassen den Brexit-Schock bereits verdaut.

Wegen der Reaktion der Notenbanken stellten sich die Marktteilnehmer darauf ein, dass der expansive Kurs der Zentralbanken weitergehen und die Normalisierung bei den Zinsen deshalb weiter in die Zukunft verschoben würde. In der Folge gerieten die Renditen vieler Staatsanleihen weiter unter Druck, einige wurde (noch stärker) in den negativen Bereich gedrückt. Die BIZ schätzt, dass nur wenige Tage nach dem Brexit das Volumen der Staatstitel mit negativer Rendite bereits auf über 10 Bio. $ geklettert war. Auch bei den Unternehmensanleihen gab es immer mehr Papier mit einer Minusrendite.

Risiken ausgeblendet?

So wurden jene Stimmen lauter, die seit längerem von einem überbewerteten Anleihemarkt sprachen. Die BIZ selbst räumt zwar ein, dass es schwierig sei, zu urteilen, ob ein Markt überbewertet sei oder nicht. Dennoch hält sie dies im Falle der Anleihen für wahrscheinlich, wenn sie die Entwicklung der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen mit dem Wachstum des nominalen Bruttoinlandproduktes vergleicht. In den vergangenen 65 Jahren hätten sich die beiden Grössen in ihrem Trend stets gut gedeckt, schreibt die BIZ.

Dies sei heute nicht mehr der Fall, die Renditen seien verglichen mit dem Wachstum eher auf der tieferen Seite. Derart niedrige Renditen sind laut der BIZ normalerweise mit pessimistischen Erwartungen für die Konjunktur verbunden, was belastend für die Aktienmärkte ist. Doch auch diesen geht es derzeit ausgesprochen gut. Die Frage, ob am Markt nicht vielleicht sogar zu viel Zuversicht herrscht, ist laut der BIZ deshalb berechtigt. So stellt sie die Frage, ob die Bewertung der Vermögenswerte heute noch in vollem Umfang die ihnen zugrunde liegenden Risiken reflektiere. Die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit nach dem Brexit könnte bereits in einen gefährlichen Übermut gekippt sein.