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Estland im Aufbruch

Der baltische Phönix

von Christian Steiner / 27.08.2016

Estlands Wirtschaft ist seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 eine Erfolgsgeschichte. Doch das Land steht am Scheideweg und hat Mühe, den Wohlstand dem ganzen Land zu ermöglichen.

Ein grosser Schritt startet oft mit einem grossen Chaos. In einer Fabrikhalle, die auf der grünen Wiese irgendwo im Nirgendwo in der Nähe von Tallinn liegt, wird geschraubt, gehämmert und verpackt. Ein grosser Umzug steht an, und man hat bei Skeleton Technologies keine Zeit zu verlieren. Denn beim Hersteller von Ultrakondensatoren zählt jede Millisekunde.

 

Die Vision von Musk

Mit der Technologie von Skeleton können beispielsweise in der Chipproduktion kurzfristige Stromausfälle innerhalb von Sekundenbruchteilen kompensiert oder in der Raumfahrt kurzzeitig hohe Leistungen für den Antrieb abgerufen werden. Der Tesla-Gründer Elon Musk prognostiziert, dass nicht Batterien, sondern Ultrakondensatoren dem Elektroauto zum Durchbruch verhelfen werden. Der Chef von Skeleton, Oliver Ahlberg, ist da etwas differenzierter. Er meint, dass den Durchbruch eine Kombination von Batterien mit Ultrakondensatoren bringen werde. Er sieht ein grosses Potenzial für sein Produkt, doch anders als beim Milliardengeschäft mit Batterien bediene er mit seinen Kondensatoren bloss einen Nischenmarkt, der aber stark am Wachsen sei. Auch Skeleton wächst stark, Estland ist bereits zu klein geworden.

Die Kisten für den Umzug eines Teils der Produktion nach Deutschland sind gepackt. Der Bereich Forschung und Entwicklung und ein Teil der Endproduktion bleiben dagegen in der Nähe von Tallinn. Ahlberg sagt, man müsse mit der Produktion näher zum Kunden, wofür der neue Standort Grossröhrsdorf in der Nähe von Dresden gut geeignet sei.

Estland ist zwar nahe bei St. Petersburg und mit der Fähre nur zwei Stunden von Helsinki entfernt. Dennoch erscheint das Land selten auf der Landkarte von Investoren und Kunden. Für den ehemaligen Botschafter und heutigen Vermarkter von Estland in der Welt, Viljar Lubi, ist das symptomatisch für den Kleinstaat. Man kenne das Land mit seinen 1,3 Mio. Einwohnern zu wenig, und es fehle das Renommee. Ein „Made in Germany“ sei eben unbezahlbar. Man weiss von diesem Problem im Wirtschaftsministerium und arbeitet auch hart daran, das Image zu verbessern, doch das dauere Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.

Gleichwohl hat Estland in den vergangenen Jahren einen erstaunlichen Entwicklungssprung gemacht (vgl. Grafik). Seit 1991 hat das baltische Land jährliche Wachstumsraten von weit über 5% erzielt und sich vom Armenhaus Europas zu einer prosperierenden Volkswirtschaft gemausert. Kaufkraftbereinigt bringt man es heute auf 75% des durchschnittlichen Bruttoinlandprodukts der EU-Staaten. Mitte der 1990er Jahre lag Estland noch bei knapp über 30%. Arbeitslosenquote (6,4%) und Staatsverschuldung (10%) sind tief. Die Wirtschaft hat auch den Strukturwandel gut überstanden und beschäftigt über 65% der Bevölkerung im Dienstleistungssektor.

Doch die hohen Wachstumsraten gehören der Vergangenheit an. In den kommenden Jahren rechnet man nur noch mit einem jährlichen Wachstum zwischen 3% und 4%. Mit dem neuen Reichtum kommen auch neue Ansprüche der Bevölkerung, und die Angst, das Erreichte zu verlieren, könnte in Zukunft grösser werden. Hoffnungen auf eine rosige Zukunft überwiegen aber die Ängste vor einem wirtschaftlichen Abstieg.

Nato und Euro als Belohnung

Auch Ministerpräsident Taavi Rõivas streicht die ökonomische Erfolgsgeschichte heraus. Er betont im Gespräch auch, dass diese noch lange nicht zu Ende sei. Sich auf den Erfolgen ausruhen sei im Übrigen nicht die estnische Art. Man wolle immer einen Schritt voraus sein. Die Blockchain-Verschlüsselungstechnologie, die drauf und dran ist, das Finanzwesen umzukrempeln, ist schon seit einigen Jahren Grundlage der Verschlüsselung der staatlichen Datenbank. Diese ist riesig und fast allumfassend. Im Land gibt es praktisch keine behördlichen Papiere mehr (vgl. Zusatz).

Die Kabinettsmitglieder kommen mit dem iPad zur Sitzung, der junge Ministerpräsident macht sich die Notizen auf dem iPhone. Eine Firma kann – natürlich im Netz – innerhalb von 18 Minuten gegründet werden, und Programmieren ist ein Schulfach. Das Internet ist allgegenwärtig. Man ist stolz darauf, dass Skype in Estland erfunden worden ist.

Stolz ist man nicht nur auf die IT-Firmen, sondern auch darauf, zur Euro-Zone zu gehören. Neben der Nato-Mitgliedschaft bedeutet der Währungsraum den Esten sehr viel. Man spürt eine grosse Erleichterung über die Sicherheit, die die vier Buchstaben vermitteln. Zu spüren ist auf den Strassen von Tallinn auch kaum Skepsis gegenüber der Einheitswährung. Peeter Luikmel von der estnischen Notenbank sagt, der Beitritt zum Euro im Jahr 2011 habe den Esten vor allem Stabilität gebracht. Obwohl Estland davor die Währung an die Deutsche Mark gebunden hatte, brachte erst die Einführung der Gemeinschaftswährung einen gewissen Schutz gegen äussere Abwertungsschocks, wie sie derzeit etwa Nigeria treffen. Oder wie sie seinerzeit die Briten durchmachten, als die Bank of England von George Soros zur Aufgabe ihres fixen Wechselkurses gezwungen wurde. Zudem ist man auch sicher vor grossen Zinsschocks, mit denen Estland während der sogenannten Russland-Krise Ende der 1990er Jahre schlechte Erfahrungen gemacht hatte.

Die Esten sind sichtlich zufrieden mit ihrem Geld – auch wenn sie durchschnittlich im Monat nur 1200 € verdienen. Die Touristen hingegen freut’s. Mit ihren Euro können sie sich hier mehr leisten. In Scharen strömen sie in den Sommermonaten gegen die Mittagszeit von ihren Kreuzfahrtschiffen und stürmen die Altstadt von Tallinn. Die Grossgruppen, die von einer Person mit Regenschirm angeführt werden, bestaunen die alte Hansestadt mit ihren historischen Gebäuden.

Typischerweise ragt ein Holzbalken oben aus der Fassade: Dieser diente den Händlern als Aufzug für ihre Waren, die unter dem Dach im Speicher gelagert wurden. Wie die Deutschen achten die Esten sehr auf Korrektheit. Dennoch betrachten sie sich nicht als deutsch. Man ist estnisch und gehört – wenn überhaupt – zu den Nordländern. Die Sprache ist verwandt mit dem Finnischen. Buchstaben werden oft verdoppelt, betont wird meist die erste Silbe. Weil sie Finnisch gut verstehen, arbeiten viele Esten drüben auf der anderen Seite des Meerbusens auf dem Bau.

Vor der Besetzung des Landes durch die Sowjetunion herrschte mit Finnland schon ein reger Handelsaustausch, und die Wirtschaft befand sich auf einer ähnlichen Entwicklungsstufe. Seit der Unabhängigkeit wird neidisch zu den Nachbarn hinübergeschaut. Man träumt in Estland davon, zu den Nordländern aufzuschliessen.

Dieses Wohlstandsniveau soll aber erreicht werden, ohne dass man sich eine so hohe Steuerquote wie in den nordischen Ländern einhandelt. Die Esten setzen eher auf eine liberale Wirtschaftsordnung und wollen diese beibehalten. Das wirtschaftliche Erfolgsmodell gründet nämlich genau darauf. Estland kennt seit 1991 praktisch keine Zölle mehr und war das einzige Land, das mit dem EU-Beitritt die Zollpolitik rigider gestalten musste. Während der europäischen Schuldenkrise zeigten sich die Vorteile der Flexibilität exemplarisch, wie Luikmel erklärt. Die Arbeitslosenzahl stieg zwar ähnlich schnell an wie in anderen Euro-Staaten (vgl. Grafik). Der Arbeitsmarkt fand aber dank der liberalen Gesetzgebung sehr schnell wieder aus der Krise heraus. So hat Estland derzeit eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der Euro-Zone.

Die Kehrseite der Medaille

Von einem ähnlichen Wohlstandsniveau wie in den nordischen Staaten ist abseits vom prosperierenden Tallinn aber nicht viel zu sehen. In der Grenzstadt Narva fliesst das Geld – wenn überhaupt – aus Russland zu. Über 97% der Bewohner der Stadt sprechen russisch. Die Situation auf der Krim hat es für die gebeutelte Stadt zusätzlich erschwert, Arbeitsplätze zu schaffen. Viele junge Leute verlassen die Stadt, die schon seit Jahren Einwohner verliert. Jene, die bleiben, fügen sich aber nicht in ihr Schicksal.

In der renovierten Universität, die einen erfrischenden Kontrast zur sonstigen postsowjetischen Tristesse der Gebäude in Narva bildet, verbreitet der Bürgermeister Optimismus. Er ist überzeugt davon, dass man auf politische Querelen mit Russland verzichten sollte. Die Wirtschaft funktioniere trotz den estnisch-russischen Spannungen recht gut. Entscheidend ist laut Wjatscheslaw Konowalow die Eigeninitiative der Bürger. So sorge nicht der Staat für das Wohlergehen der Bevölkerung, er setze bloss Rahmenbedingungen. Aus Sicht des Politikers sitzen die Bremser auch nicht in Moskau, sondern in Tallinn. Parteiengeplänkel und Sturheit verhindern laut Konowalow sinnvolle Lösungen.

Wenn es mit den Landsleuten nicht klappe, dann orientiere man sich halt auf die andere Seite des Flusses oder versuche gar, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Wie Geschäftsleute in Narva bestätigen, sind die Beziehungen zu Russland, die schon vor 2013 gepflegt wurden, noch immer gut und sollen so weitergeführt werden. Dennoch ist hier den meisten klar, dass ohne eine Entspannung dieser Markt nicht mehr stark wachsen wird. Auf politisches Chaos würden die Bewohner an der Grenze ohnehin gerne verzichten.