Der Boom der New Economy – was diesmal anders ist als 2000

von Christiane Hanna Henkel / 26.02.2015

Der US-Aktienindex Nasdaq ist nur wenige Zähler von seinem während des Dotcom-Booms erreichten Höchststand entfernt. Die New Yorker NZZ-Korrespondentin Christiane Hanna Henkel geht der Frage nach, ob die Börsenparty auch dieses Mal ein abruptes Ende finden wird.

Der Technologiekonzern Apple könnte schon bald 1.000 Milliarden Dollar wert sein. Schon heute ist das Unternehmen gemessen an der Börsenkapitalisierung das wertvollste in der Welt. Die Technologiebörse Nasdaq steuert derzeit auf die Marke von 5.000 Zählern hin und ist kurz davor, den während des New-Economy-Booms aufgestellten Rekord von 5.048 Punkten (am 11. März 2000) zu brechen. Und im Silicon Valley werden immer mehr Start-ups so hoch bewertet wie gestandene Konzerne.

Die Suche nach der Blase

Deutet das alles nicht darauf hin, dass sich im Technologiesektor längst eine Blase gebildet hat, die schon bald mit einem grossen Knall platzen könnte? Die fast einhellige Antwort von Experten auf diese Frage lautet Nein. Und die Begründung lässt sich kondensieren auf die folgende Aussage:

Außer der Tatsache, dass der Nasdaq Composite derzeit auf ähnlichen Höhen angelangt ist wie zu Zeiten des New-Economy-Booms, gibt es wenig Parallelen zu der Zeit des Dotcom-Booms.

Die wichtigsten Unterschiede von heute und damals liegen zum einen in der hohen Durchdringung neuer Technologien und zum anderen darin, wie die Investoren die sich daraus für die Unternehmen ergebenen Umsatz- und Gewinnpotenziale einschätzen (Kurs-Gewinn-Verhältnis; KGV).

Während Ende der Neunzigerjahre das Internet ein neues Phänomen war, ist es heute allgegenwärtig. Neue Technologien haben sich in den letzten Jahren rasant verbreitet: In den USA besitzen heute rund drei Viertel der Bevölkerung ein Smartphone und damit den ständigen Zugang zum Internet. Das folgende Zitat aus dem Jahr 2007 von Apple-Mitgründer Steve Jobs, der am Dienstag 60 Jahre alt geworden wäre, wirkt heute wie eine Untertreibung: „Ich denke, das iPhone könnte wirklich die gesamte Telefon-Industrie verändern.“

Anders als zu Zeiten des New-Economy-Booms steht das Internet nicht nur als Synonym für ein Potenzial, sondern ist bereits die Basis für reale, erwirtschaftete Umsätze und Gewinne. In den USA etwa umfasst der Online-Handel 305 Milliarden Dollar oder sieben Prozent des gesamten Einzelhandels. Und am Werbemarkt erreicht die Online-Werbung dieses Jahr mit prognostizierten 59 Milliarden Dollar einen Anteil von einem Drittel.

Hinzu kommen Milliarden, die Konzerne über fast alle Branchen hinweg bereits heute in den Transport, die Speicherung und die Auswertung der zunehmenden Datenmengen investieren. Davon profitieren jene Firmen, die Software, Hardware und entsprechende Dienstleistungen anbieten. Apple allein hat im vierten Quartal rund 1,6 Prozentpunkte beigetragen zum Anstieg des Quartalsgewinns von 3,3 Prozent der im Standard-&-Poor’s-Index berücksichtigten Konzerne.

Der zweite Punkt, in dem sich ein Rekord-Nasdaq vom Jahr 2000 von dem heutigen Quasi-Rekord-Nasdaq unterscheidet, ist die Bewertung des Zukunftspotenzials. Der Börsenindex hat heute ein KGV von 21. Im Jahr 2000 lag der KGV bei über 100. Microsoft etwa wies damals einen KGV von 75 auf und kommt heute auf 16. Und die derzeit kaum zu bremsenden Apple-Aktien sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 immer noch verhältnismäßig vertretbar bewertet.

Alles hat einmal ein Ende

Das alles heißt nicht, dass es nicht Firmen im Nasdaq gäbe, die wie Twitter überbewertet sein könnten. Und von diesen Firmen wird es wohl bald mehr geben, nämlich dann, wenn Mitglieder des „Klubs der Milliardäre“ an die Börse drängen: Diese Jungfirmen werden schon heute von den Risikokapitalgebern hoch bewertet, darunter Uber (41 Milliarden Dollar) und Airbnb, Dropbox und Snapchat (jeweils 10 Milliarden Dollar).

Und auch wäre der Schluss falsch, dass der Nasdaq ewig steigen wird. Der weitere Konjunkturverlauf etwa ist ein wichtiger Faktor. Und natürlich die Geldpolitik, die bisher für hohe Liquidität und für eine Zunahme der relativen Attraktivität von Aktien gesorgt hat. Aber eine Blase, die abrupt platzt, ist der Nasdaq derzeit nicht.