Mobile Gaming

Der Candy-Shop macht süchtig – und ist damit ein Milliardengeschäft

von Lukas Sustala / 04.11.2015

Call of Duty goes Candy Crush. 5,9 Milliarden Dollar zahlt der US-Spielekonzern Activision Blizzard für King Digital Entertainment. Was das US-Unternehmen mit der Übernahme vorhat. 

Da hat wohl jemand Lust auf etwas Süßes. 5,9 Milliarden Dollar zahlt der US-Gaming-Konzern Activision Blizzard für den mobilen Spielproduzenten King Digital Entertainment, der vor allem durch ein Spiel Menschen an ihre Smartphones fesselt: Candy Crush Saga – und die nicht gänzlich andere Fortsetzung des süchtig machenden Spiels Candy Crush Soda Saga sowie einige weitere Ableger des Spielsystems, von der Bubble Witch bis zur Pet Rescue Saga.

Call of Duty bis Guitar Hero

Acitivision Blizzard ist mit einem jährlichen Umsatz von knapp 4,5 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr einer der Platzhirsche im Video-Gaming, mit blockbusterträchtigen Serien wie dem Shooter Call of Duty oder der fantastisch ertragreichen Welt von Warcraft. Nach eigener Angabe schafft die Übernahme von King Digital Entertainment ein Unternehmen mit einem „Weltklasse-Portfolio an interaktiver Unterhaltung“.

Candy Crush ist zu einem Milliardengeschäft geworden
Candy Crush ist zu einem Milliardengeschäft geworden

Credits: AFP PHOTO / PHILIPPE HUGUEN

The combined company will have a world-class interactive entertainment portfolio of top-performing franchises, including two of the top five highest-grossing mobile games in the U.S. (Candy Crush Saga, Candy Crush Soda Saga), the world’s most successful console game franchise (Call of Duty), and the world’s most successful personal computing franchise (World of Warcraft), as well as such well known franchises as Blizzard Entertainment’s Hearthstone: Heroes of Warcraft, StarCraft, and Diablo and Activision Publishing’s Guitar Hero, Skylanders and Destiny, along with over 1,000 game titles in its library.

Wie viel ist Candy Crush wert?

Die Übernahme im Wert von 5,9 Milliarden Dollar mag auf den ersten Blick wie ein kleines Nischenthema wirken, wie die Ausgeburt einer Internetblase à la 2000, als gehypte Unternehmen ohne Geschäft an der Börse schnell mit Milliardenbewertungen überhäuft wurden. Doch in diesem Fall verhält es sich anders, wie ein kurzer Blick in die Zahlen von King Digital zeigt.

Die in Dublin ansässige King Digital Gruppe hat in den vergangenen zwölf Monaten knapp zwei Milliarden Dollar umgesetzt und dabei einen Gewinn von kumuliert 565 Millionen Dollar gemacht. Schon beim Umsatz lässt das Unternehmen, das in Dublin seinen Sitz hat, deren Entwickler aber auch in San Francisco sitzen, etablierte Medienkonzerne wie die New York Times Gruppe (Umsatz 2014: 1,6 Mrd. Dollar) hinter sich.

Gemessen an den Umsätzen tun sich mit der Übernahme der fünftgrößte und der zehntgrößte Player auf dem Games-Markt zusammen, zeigt eine Analyse der Gaming-Analysten von Newzooo zum ersten Halbjahr 2015. Activision Blizzard hat in dem Zeitraum mehr als 2,2 Milliarden Dollar umgesetzt. King Digital knapp eine Milliarde Dollar.

Doch die Umsätze verschleiern, dass King aus der Facebook- und Smartphone-App Candy Crush eine Cash Cow gemacht hat. Mit knapp einer halben Milliarde Euro Gewinn in den vergangenen zwölf Monaten ist das Unternehmen ähnlich profitabel wie so manches österreichische ATX-Unternehmen, und das mit gerade einmal 1.200 Mitarbeitern.

Geld oder Leben

Das Geschäftsmodell von Candy Crush und vergleichbaren Spielen ist dabei denkbar einfach. Die Spiele sind zwar gratis zu nutzen, doch gewisse „Specials“ lassen sich eben nur gegen einen Obulus freischalten, etwa zusätzliche Spielzüge. Darüber hinaus soll die Sucht des Spiels auch dazu animieren, sich „Leben“ zu kaufen, damit gleich weitergespielt werden kann.


Mehr zum Thema Spielsucht lesen Sie hier: Computerspiele als Wegbegleiter


Doch dieses einfache System ist effektiv und funktioniert für eine Handvoll Apps – wie eben Candy Crush – ausgezeichnet. Daher greift Activision Blizzard auch relativ tief in die Tasche und bietet knapp den zehnfachen Jahresgewinn als Kaufpreis.

Steuern sparen inklusive

Activision Blizzard wird für die Übernahme von King Digital knapp 2,3 Milliarden Dollar an Kredit bei den Banken Goldman Sachs und Bank of America aufnehmen. Der Rest wird mit einbehaltenen Gewinnen finanziert, die das US-Unternehmen im Ausland geparkt hat – mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass der Spielehersteller dafür in den USA keine Gewinnsteuern zahlen muss.

Beim Börsengang von King Digital waren die Börsianer noch auf ungebrochenes Wachstum eingestellt.
Credits: EPA/JUSTIN LANE

Aber Steuern sparen ist nur ein Grund für die Übernahme von King Digital. Für Activision ist die Übernahme in gewisser Weise ein Schnäppchen. Denn der Börsengang von King Digital ging nicht gerade rund über die Bühne und die Aktie des Unternehmens war monatelang unter Druck. Nun kauft Activision Blizzard das Unternehmen um einen deutlichen Abschlag im Vergleich zur Bewertung beim Börsengang 2014.

Activision setzt auf Aktivismus

The addition of King’s highly-complementary business further positions Activision Blizzard for growth across platforms, audiences, genres, and business models.

Robert Kotick, CEO von Blizzard Activision, gibt dabei die Stoßrichtung vor. Es soll um Wachstum gehen.When we think about people who create compelling content and satisfy large audiences, they’ve been brilliant at it. We thought it would make a great opportunity for us to enter a new market.“ Denn im mobilen Markt ist Activision Blizzard nach wie vor stark unterrepräsentiert, stark ist das Unternehmen bei PC- und Konsolenspielen.

Dabei soll gerade der Bereich von „mobile“ und „social“ Gaming laut einer aktuellen Studie der Strategieberater von pwc in den kommenden Jahren deutlich schneller wachsen als der traditionelle Video-Spielmarkt. 2019 sollen die „nicht-traditionellen“ Umsätze mit Videospielen bereits 30 Prozent des gesamten Geschäfts ausmachen. Das umfasst Spiele wie Candy Crush ebenso wie Spiele, die sich über Werbung finanzieren.

Der Spielemarkt ist insgesamt hart umkämpft, wobei die Spieler sehr unterschiedlich sind. Tatsächlich knabbern bereits viele kleinere Hersteller mit starken Marken an dem großen Gaming-Kuchen, wie etwa die finnischen Hersteller Supercell (Clash of Clans) und Rovio (Angry Birds). Etablierte Video-Hersteller wie Electronic Arts haben sich vor allem auf Übernahmen kleiner, erfolgreicher Unternehmen spezialisiert. EA etwa hat 2011 PopCap Games für 750 Millionen Dollar übernommen.

Die großen Elektronik- und IT-Konzerne wiederum, wie Microsoft und Sony, sind mit ihren Hardware-Plattformen Xbox und Playstation vertreten und produzieren dafür auch Spiele. Microsoft etwa hat 2014 Mojang um 2,5 Milliarden Dollar übernommen und sich damit das beliebte Spiel Minecraft einverleibt. Medienkonzerne wie Disney  haben das Thema relativ spät für sich entdeckt. Mit der Übernahme der LucasFilm (Star Wars) hat Disney auch LucasArts übernommen, das Computer-, Konsolen- und mobile Spiele für diese Reihe produziert.

Übernahmen Ende nie

Doch in gewisser Weise lässt sich bei der Candy-Crush-Übernahme auch ein anderer Trend ablesen. An den internationalen Finanzmärkten grassiert das Fusionsfieber. Die niedrigen Zinsen der Zentralbanken sorgen dafür, dass sich viele Unternehmen günstig mit Fremdkapital versorgen können. Dazu kommt, dass viele Unternehmen auf hohen Barbeständen sitzen und die Aktienkurse hoch sind. Das sind alles Zutaten für einen hoch interessanten Cocktail für einen regelrechten M&A-Boom. Denn Fusionen und Übernahmen werden gerne auch mit den eigenen, teuren Aktien finanziert.

Zahlen von Dealogic für NZZ.at zeigen, dass das Jahr 2015 als Rekordjahr in die M&A-Geschichte eingehen wird. Die Investmentbanken, die Unternehmen dabei beraten, wird es freuen. 3.617 Milliarden Euro an Fusionen und Übernahmen sind dieses Jahr bereits über die Bühne gegangen. Knapp die Hälfte – 1.751 Milliarden Euro – aller Transaktionen haben in den USA stattgefunden, was das Börsenjahr 2015 zum absoluten Rekordjahr machen wird.

Aktieninvestoren müssen besonders wachsam sein, ob die Fusionswelle für sie wirklich profitabel ist. In Boomphasen haben Manager den Ruf, das Geld ihrer Investoren in teure Expansionsabenteuer zu stecken, die sich nicht rechnen.

Die zentrale Frage – auch bei der King-Digital-Übernahme durch Activision Blizzard – ist: Wie kann eine Fusion einen Mehrwert schaffen? Tatsächlich ist die Frage offen, ob und wie die traditionellen Videospiele wie Warcraft oder Call of Duty davon profitieren können, dass man die „Candy-Crush-Expertise“ aus Europa eingekauft hat.

Gerade im Mobile Gaming kämpfen die Anbieter regelmäßig mit dem Problem des „One-Hit-Wonders“, das schwer zu replizieren ist. Auch bei Rovio (Angry Birds) und Zynga (Farmville) hatten die Spielemacher Schwierigkeiten, an den Erfolg des ersten Hits anzuschließen, die Umsätze brachen ein und damit schrumpften die Unternehmen – von Wachstum keine Spur.

Die Activision-Aktionäre werden sicherlich nicht ewig Geduld haben, ehe sich die milliardenschwere Akquisition für sie in Form einer höheren Rendite rechnet. CEO Kotick mag von Wachstum reden, aber seine vorwiegend institutionellen Aktionäre haben vor allem eine klare Forderung: