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Analyse

Der Dezember ist der Börsen-Superstar

von Michael Rasch / 14.12.2015

Nach der jüngsten kleinen Korrektur macht sich am Aktienmarkt wieder Skepsis breit. Dies ist keine schlechte Basis für eine Jahresend-Rallye. Ob sie kommt, entscheidet sich vielleicht diese Woche.

Jedes Jahr um diese Zeit die gleichen Fragen: Gibt es weiße Weihnachten – und startet an der Börse eine Jahresend-Rallye? Sowohl beim Wetter als auch bei der technischen Bewertung des Aktienmarktes geht es, vereinfacht gesagt, häufig um Zeitreihenanalyse und die Fortschreibung von Trends. In Sachen Schnee an Heiligabend haben Meteorologen trotz der bisher milden Temperaturen noch Hoffnung, dass es durch eine mögliche Kaltfront doch ein paar Flocken geben könnte. Etwas besser scheint es sogar für eine Jahresend-Rallye auszusehen. Doch wie meistens sind sich die Auguren darüber nicht einig.

Aufschwung bis in den Januar

Statistisch gesehen ist der Dezember, gemessen ab dem Jahr 1900, der beste Börsenmonat des Jahres. Gemäß Auswertungen von Ned Davis Research stand in den letzten 114 Jahren im Dezember unter dem Strich in 72 Prozent der Fälle ein Pluszeichen. Der zweitbeste Monat kommt nur auf eine Quote von 64 Prozent; der Durchschnittswert für alle Monate beträgt knapp 58 Prozent. Zudem ist der Dezember auch gemessen an der durchschnittlichen Performance mit 1,5 Prozent der beste Monat. Danach folgen der Juli mit 1,3 Prozent und der April mit 1,2 Prozent. Der schwächste Monat ist aus statistischer Warte der September mit einer durchschnittlichen Rendite von –1 Prozent.

Eine Ursache für die Anomalie, die aber nicht jedes Jahr auftritt, könnte sein, dass sich manche Marktteilnehmer bereits für die üblichen Neugeldzuflüsse in den Aktienmarkt Anfang Januar positionieren wollen. Dann investieren große institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften typischerweise neu eingetroffenes Kapital in den Aktienmarkt. Manche Beobachter führen den Kursaufschwung vor dem Christfest auch auf die positive Grundstimmung der Anleger vor den Festtagen zurück.

Wie auch immer, mathematisch gesehen verläuft die erste Monatshälfte eher mau, die Rallye setzt oft erst zur Monatsmitte ein, weshalb sie häufig auch Weihnachts-Rallye genannt wird. Wie die Grafik zeigt, ist der Zeitraum um den 15. Dezember in statistischer Hinsicht ein guter Einstiegszeitpunkt für eine Jahresend-Rallye. Diese setzt sich häufig bis in die ersten Januartage hinein fort.

Hoffen auf eine Sektorrotation

Ob die Bescherung durch eine Weihnachts-Rallye stattfindet oder dieses Jahr ausfällt, darüber diskutieren die Beobachter. Einerseits wird die positive Saisonalität ins Feld geführt und darauf verwiesen, dass die jüngste kleine Korrektur am Aktienmarkt sehr konstruktiv ausgefallen sei, was einen weiteren Kursanstieg erwarten lasse. Andererseits verweisen Beobachter auf die bereits seit Wochen nachlassende Marktbreite des Aufschwungs. Nur Aktien weniger großer Unternehmen trügen die Kurse, wogegen die breite Masse Schwierigkeiten habe. Aus diesem Grund halten Beobachter eine Sektorrotation für nötig – heraus aus „überkauften“ Sektoren wie Halbleitern, Brokern und Massenkonsumgütern, hinein in Luxusgüter, Gesundheit, Transport und Energie.

Einhergehend mit einer Weihnachts-Rallye, kommt es am Jahresende häufig zu einer Outperformance von Nebenwerten gegenüber Blue Chips. Insofern sollte ein breiter Index wie der Russell 2000 relativ gesehen besser abschneiden als beispielsweise der Dow Jones für Industriewerte. Davon ist bis jetzt aber nur ansatzweise etwas zu erkennen. Sollte die Rotation von Standardtiteln in Nebenwerte dieses Jahr ausfallen, dürfte es auch mit der erhofften Weihnachts-Rallye schwierig werden. Die Stimmung der Anleger ist jedenfalls noch verhalten. Dies ist im Hinblick auf eine mögliche Rallye wiederum gut, denn Sentiment-Indikatoren sind Kontraindikatoren. Wäre also die Stimmung bereits sehr gut oder gar euphorisch, wäre das einer Rallye abträglich.

Warten auf die US-Notenbank

Ob es zu einer Weihnachts-Rallye kommt, dürfte sich diese Woche abzeichnen. Diese wird bestimmt durch die Sitzung der US-Notenbank (Fed), von der Marktteilnehmer weitherum die erste Zinserhöhung seit dem Jahr 2006 erwarten. Oft entscheidet sich am Tag nach der Bekanntgabe, in welche Richtung es am Aktienmarkt geht. Ob es wirklich weiße Weihnachten gibt, werden viele Menschen in diesen Breitengraden dagegen wohl erst an Heiligabend selber wissen.