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Der Dollar hat wieder Rückenwind

von Christof Leisinger / 21.07.2016

Die Hoffnung auf tiefe Zinsen in Europa und Japan beflügeln derzeit trotz geopolitischer Krisen den Risikoappetit der Anleger. Sie greifen zu Aktien, Bonds und zum Dollar.

Zu viel ist noch nicht gut genug. Gemäss diesem Motto setzen die Anleger derzeit auf die anhaltende Freigebigkeit der grossen Notenbanken. Verwöhnt von den unglaublich expansiven monetären Strategien der vergangenen Jahre, wetten sie darauf, dass die amerikanische Zentralbank (Fed) die Zinsschraube nur zögerlich anzieht, dass die europäische Zentralbank am Donnerstag andeutet, weitere „geldpolitischen Pfeile“ im Köcher zu haben, und dass die Bank of Japan womöglich noch expansiver wird.

Sensibler Devisenmarkt

Viele fragen nicht, ob das sinnvoll ist oder nicht, sondern greifen bei Aktien und Anleihen reflexartig zu. Mit der Folge, dass die Renditen von Bonds scheinbar solider Schuldner von Tief zu Tief fallen, dass sich die Aktienmärkte immer wieder rasch von Kursrückschlägen erholen und dass die Kurse an der Wall Street sogar auf Rekordniveau liegen.

Der Devisenmarkt reagiert sensibler auf die Signale der Notenbanken, auf die Veränderung fundamentaler Erwartungen und nicht zuletzt auch auf geopolitische Risiken. So sind die Währungen Grossbritanniens, Argentiniens, Mexikos und der Türkei unter Druck geraten und haben seit Anfang Juni zum Franken bis zu 15% ihres Wertes verloren.

Schliesslich haben sich die britischen Wachstumsaussichten nach der Entscheidung des Volkes, die Europäische Union zu verlassen, eingetrübt. In Argentinien hat eine hohe Inflationsrate die Vorschusslorbeeren für die Politik des vor wenigen Monaten gewählten und zunächst euphorisch gefeierten Präsidenten Mauricio Macri welken lassen. Mexiko muss mit Zinserhöhungen den Peso stabilisieren, der in drei Jahren 36% zum Franken verloren hat. Beim Blick auf das autokratische Verhalten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kommen Zweifel an der Solidität der Wirtschafts- und Finanzpolitik auf – vor allem auch angesichts der Tatsache, dass das Land stark von ausländischem Kapital abhängig ist. Kein Wunder, dass die Lira in den vergangenen Tagen um 7% gefallen ist, am Mittwoch im Verhältnis zum Dollar sogar auf ein Allzeittief. Nie zuvor waren knapp Lir. 3.1 nötig, um eine Einheit der amerikanischen Währung zu erwerben. Der jüngste Schwächeanfall wurde ausgelöst, als die Rating-Agentur Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit der Türkei herabgestuft hat.

Der Dollar profitiert aber nicht nur von der allgemeinen Verunsicherung, die die verschiedenen geopolitischen Unwägbarkeiten der vergangenen Wochen mit sich gebracht haben mögen, sondern auch von „restaurierten“ Zinserwartungen. Hatte das Brexit-Votum zunächst dafür gesorgt, dass praktisch niemand mehr mit Zinserhöhungen in den USA rechnete, so haben positiv interpretierte Unternehmens- und Konjunkturzahlen bereits wieder zum Umdenken geführt. Der Dollar-Index hat seit Mai um knapp 5% zugelegt.

Solidere Schwellenländer

Bemerkenswert ist, dass sich die Währungen von Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Chile, Kolumbien oder auch Südafrika von ihren Schwächeperioden der Jahre 2010 bis 2015 erholen. Das kann das Fed neben der Erwartung, dass sich die amerikanische Inflationsrate bald dem Inflationsziel von 2% annähert, zu einer restriktiveren Haltung bewegen, als bisher viele erwartet haben. Sollte die Notenbank die Botschaft vermitteln, genug Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft zu haben, würde der Dollar weiter zulegen.