KEYSTONE/AP Nabil al-Jurani

Randnotiz

Der Erdölmarkt straft die Prognostiker Lügen

Meinung / von Christof Leisinger / 27.05.2016

Mit der Erdölpreisprognose ist es wie mit dem Vorhersehen von Krisen – nachher wollen immer alle alles schon vorher gewusst haben. So kam es, dass es nachträglich plötzlich eine Inflation vermeintlich plausibler Erklärungen für den Preiszerfall in den Jahren 2014 und 2015 gegeben hat. Und nun, da ein Fass Erdöl an den Terminmärkten wieder 50 Dollar kostet, lässt sich auch dafür eine Reihe von Gründen finden; obwohl jüngst noch Ölpreisprognosen von zehn Dollar sowie Schlagzeilen vom dauerhaft tiefen Preis die Runde machten.

In Tat und Wahrheit wird die Preisbildung am relativ intransparenten Markt für Erdöl kurzfristig von vielen unterschiedlichen, nicht immer klar erkennbaren Faktoren und vor allem auch von der Psychologie beeinflusst. Hat sich erst einmal ein Trend etabliert, passen sich diesem Prognostiker und Marktteilnehmer meist rasch und „pragmatisch“ an.

Letztlich folgen die meisten Schätzungen den Preisen mit einer gewissen Verzögerung nach unten und dann auch wieder nach oben. Hatte es im Januar noch geheißen, der Erdölmarkt „ertrinke im Überangebot“, so wird derzeit auf Phänomene wie die fallende Förderung in den USA, Produktionskürzungen wegen eines Waldbrands im kanadischen Fort McMurray sowie auf Instandhaltungsarbeiten am Ekofisk-Erdölfeld in der Nordsee verwiesen. Sie sollen beweisen, dass das Erdölangebot weniger üppig sei als bisher angenommen – und sie dienen als rationale Begründung für höhere Preise.

Kurzfristig scheint die Preiserholung angesichts rekordverdächtiger Lagerbestände erstaunlich zu sein, und der Blick auf die Positionierung der Anleger an den Terminmärkten lässt vermuten, dass spekulative Elemente eine Rolle spielen. Mittel- und langfristig sieht es anders aus. Denn tiefe Preise haben die Erdölfirmen zu Investitionskürzungen verleitet. Diese verknappen künftig das Angebot. Fragt sich nur, wann der Markt das tatsächlich vorwegnimmt – pure Psychologie also.