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Ölmarkt

Der Erdölmarkt vor einer Eiszeit

von Gerald Hosp / 13.04.2016

Am kommenden Sonntag treffen sich Opec-Mitglieder und weitere Erdölproduzenten wie Russland. Dabei wird das Einfrieren der Ölförderung diskutiert. In der Branche herrscht Skepsis vor.

Igor Setschin, der Chef des staatlich kontrollierten russischen Erdölkonzerns Rosneft, ist so unergründlich wie die tiefsten Stellen des Baikalsees geblieben. Am FT Commodities Global Summit, dem jährlichen Branchentreffen der Rohwarenhändler in Lausanne, ließ er kein Wort über das am kommenden Sonntag bevorstehende Treffen zwischen Ländern inner- und außerhalb der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) fallen. Bei der Zusammenkunft soll eine weitreichende Deckelung der Ölförderung erreicht werden, um das Überangebot zu dämpfen. Bereits im Februar hatten Russland sowie die Opec-Mitglieder Saudi-Arabien, Venezuela und Katar ein Einfrieren der Förderung auf das Januar-Niveau beschlossen – unter der Bedingung, dass auch andere Exportländer mitziehen.

Der Putin-Vertraute Setschin, der sich zuvor auch kritisch zum Plan geäußert hatte, zeigte sich vielmehr davon überzeugt, dass die stark zurückgefahrenen Investitionen in der Erdölbranche längerfristig zu höheren Preisen und zu einem künftigen Ölmangel führen müssten. Aus Sicht von Setschin benötigen die amerikanischen Schieferölproduzenten mindestens einen Erdölpreis zwischen 45 Dollar und 50 Dollar je Fass, um die derzeit sinkende Förderung wieder zu steigern. Derzeit liegt der für die Vereinigten Staaten maßgebliche Referenzwert WTI bei knapp 41 Dollar je Fass.

Ian Taylor zeigte sich im Gespräch verhaltener, wenn es um die Aussicht für den Ölpreis geht. Der Chef von Vitol, dem größten unabhängigen Erdölhändler der Welt, erwartet in diesem Jahr ein Preisniveau von rund 40 Dollar. Weltweit sind die Öllager randvoll gefüllt. Der Preis wird sich schwerlich erholen, bevor nicht der Lagerbestand abgebaut wurde. Zudem gibt es aus der Vergangenheit noch keine Erfahrung, wie die Reaktion der Schieferölproduzenten ausfallen wird. Für Taylor ist das Treffen in Doha ein Nicht-Ereignis. Es gehe mehr um Psychologie als um eine tatsächliche Beschränkung des Angebots. Damit spiegelt der Vitol-Chef eine Meinung, die unter den Rohwarenhändlern weit verbreitet ist. Marco Dunand, Gründer des Genfer Rohwarenhändlers Mercuria, gibt aber zu bedenken, dass je näher das Treffen komme, desto stärker werde der Preis am Terminmarkt. Offenbar nehme die Nervosität zu.

Sollte kommenden Sonntag tatsächlich eine Einigung zwischen mehreren wichtigen Exportländern zustande kommen, würde dies kurzfristig in der Tat wenig Einfluss haben. Laut dem im Februar erzielten Abkommen zwischen Russland und Saudi-Arabien soll das Produktionsniveau auf Stand Januar 2016 eingefroren werden. Dies bedeutet aber, dass mit Ausnahme von Saudi-Arabien die meisten anderen Länder ihre Förderung in der Nähe der Produktionskapazität beibehalten dürfen. Zudem steht ein großes Fragezeichen hinter der Bereitschaft von Iran, an der Selbstbindung teilzunehmen. Iran kann erst vor kurzem wieder nach Überwindung der Sanktionen des Westens die Erdölausfuhren hochfahren. Auch aus dem Irak sind gemischte Signale zu vernehmen. Diese zwei Opec-Mitglieder sind aber die potenziell größten Wachstumstreiber am Erdölmarkt.

Ganz trivial wäre eine Einigung aber dennoch nicht. Erstens geht die Produktion in den Nicht-Opec-Ländern, vor allem in den Vereinigten Staaten, in diesem Jahr zurück, während die weltweite Nachfrage nach Rohöl steigt. Dadurch erhöht sich der Spielraum Saudi-Arabiens für eine Selbstbeschränkung. Zweitens steigt im Sommer in Saudi-Arabien die heimische Nachfrage nach Erdöl zur Stromerzeugung. Dies bedeutet, dass es weniger Rohöl für den Export geben wird. Laut Ökonomen des Oxford Institute for Energy Studies dürfte der Wüstenstaat seine Exporte aber nicht um eine große Menge zurückfahren.

Drittens wäre eine Vereinbarung zwischen den Ländern inner- und außerhalb der Opec ein Signal, dass eine Zusammenarbeit trotz allen unterschiedlichen Interessen, geopolitischen Querelen und belastender Vorgeschichte möglich ist. Die Opec ringt derzeit um ihre Schlagkraft. Ein Abkommen könnte als Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen genutzt werden, um den Erdölmarkt zu beeinflussen. Alex Beard, der beim Rohwarenkonzern Glencore für Erdöl verantwortlich ist, meinte jedoch, es gebe auch eine große Chance, dass das Doha-Treffen enttäusche.