Evan Vucci / Keystone

Der Fall Donald Trump: Das Spiel mit den Millionenverlusten

von Martin Lanz / 04.10.2016

Die USA sind grosszügiger als die Schweiz bei der steuerlichen Verrechnung von Verlusten mit Gewinnen. Präsidentschaftskandidat Trump dürfte den Spielraum ausgenützt haben.

Donald und Marla Trump haben 1995 in New York ein Bruttoeinkommen von minus 915,7 Mio. $ deklariert. Wie der Immobilienunternehmer diesen Verlust fabriziert hat, ist unbekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass Trump die steuertechnisch als Nettobetriebsverlust geltende Summe zur Steueroptimierung eingesetzt hat – ganz legal. Denn die Möglichkeit, via Verlustrückträge und Verlustvorträge das Einkommen und damit die Steuerbelastung über die Jahre zu glätten, besteht in den USA seit 1918. Der Gesetzgeber wollte damit die langfristige Überlebensfähigkeit von Unternehmen und ihren Besitzern fördern. Von linken Kreisen wird die Bestimmung gerne als Steuergeschenk an Unternehmer gesehen, in der jüngeren Vergangenheit ist die Praxis in den USA aber tendenziell ausgebaut worden.

1,2 Millionen Steuergenies

Betrugen die Verlust-Übertragsperioden auf US-Bundesebene ursprünglich lediglich ein Jahr, waren es Mitte der 1990er Jahre 3 Jahre (rückwirkend) und 15 Jahre (nachfolgend). Heute sind es 2 bzw. 20 Jahre. Gewisse US-Gliedstaaten kennen davon abweichende Fristen; einige setzen auch Obergrenzen für solche Verlust-Überträge. Laut Daten der US-Steuerbehörde IRS meldeten 1995 rund eine halbe Million Steuerpflichtige in ihrer Steuererklärung einen Nettobetriebsverlust, 2014 waren es 1,2 Millionen Steuerpflichtige. Trump befindet sich also in guter Gesellschaft.

Trump weigert sich, von sich aus seine Steuererklärungen zu veröffentlichen. Er bricht damit mit einer 40 Jahre alten Tradition. Seine Begründung, eine noch laufende Nachprüfung durch die Steuerbehörde abwarten zu müssen, ist ein Witz; die IRS hindert ihn nicht daran, seine Steuererklärungen freizugeben. Spekulationen über Trumps Leistungsausweis als Unternehmer und Steuerzahler schiessen deshalb ins Kraut, und die Demokratin Hillary Clinton versucht daraus Kapital zu schlagen. Sie selber hat zusammen mit Bill Clinton 2015 ein Einkommen von 10,6 Mio. $ gemeldet und darauf 3,24 Mio. $ Bundessteuer bezahlt. Ihr Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten, Tim Kaine, deklarierte 2015 ein Einkommen von 313 411 $ und zahlte darauf rund 63 000 $ Bundessteuer. Mike Pence, Trumps Vizekandidat, hatte 2015 ein Einkommen von 133 026 $ und zahlte knapp 9000 $ Bundessteuer.

Trumps Verlust und der steuerliche Umgang damit wecken Erinnerungen an die Schweizer Grossbanken, die Verluste aus der Finanzkrise mit späteren Gewinnen verrechnet haben. In der Schweiz sind aber Verlustvorträge von Unternehmen und selbständig Erwerbstätigen bei Bund, Kantonen und Gemeinden auf sieben Jahre begrenzt. Länder wie Luxemburg kennen keine zeitliche Begrenzung, andere wie Deutschland haben betragliche Obergrenzen.

Umstrittene Fristen

Die Schweizer Gesetzeslage unterscheidet sich aber noch in einem anderen Punkt von derjenigen in den USA. Laut Nathanael Frischkopf von PwC kann ein Unternehmer Verluste seiner juristischen Gesellschaft nicht mit anderen Einkünften verrechnen. In den USA besteht für gewisse Gesellschaftsformen ein Wahlrecht, wonach die anteiligen Verluste und Gewinne der Gesellschaft direkt dem Teilhaber zugerechnet und seinerseits mit weiteren Einkünften verrechnet werden können. „Dies kann Spielraum für Steueroptimierung bieten“, sagt der Steuerexperte. Und wer in der Schweiz dank Verlustvorträgen keine Einkommensteuern zahlt, hat im Gegensatz zu den USA immerhin Vermögenssteuern zu entrichten.

Eine Motion von Fathi Derder (fdp., Waadt) fordert eine Verlängerung oder gar Aufhebung der Frist für Verlustvorträge für gewisse Firmen. Begründet wird der Vorstoss unter anderem damit, dass Forschungsunternehmen im Gesundheitssektor in den ersten Jahren Verluste schreiben. Für eine Verkürzung der Periode setzt sich dagegen Susanne Leutenegger Oberholzer (sp., Baselland) ein: Der Fiskus soll die Möglichkeit haben, in guten wirtschaftlichen Zeiten die nötigen Reserven für Krisenzeiten aufzubauen.