FilmFrame/Disney/Lucasfilm via AP

Kolumne: Error 101

Der große Unsinn bei Star Wars – und was das mit der EZB zu tun hat

von Lukas Sustala / 13.01.2016

Rekorde werden nur scheinbar immer öfter gebrochen. Der erfolgreichste Film aller Zeiten, der teuerste Fußballer aller Zeiten, die meisten Exportumsätze aller Zeiten. Aber die alten Rekorde werden gerade dank der Inflation gebrochen. Alles wird teurer und so verblassen alte Erfolge wie „Vom Winde verweht“, und vielen Sparern wird die Sicht vernebelt.

Die Inflation ist eine große Macht. Das stete Steigen des Preisniveaus verführt zur oft wiederholten Rekord-Lobhudelei, zur Vernichtung von Sparvermögen und zu falschen Renditeerwartung bei Investitionen.

Star Wars: Das Erwachen des Unsinns

Aktuell sorgt gerade der Film „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ für laufend neue Rekorde, die bei genauerer Betrachtung eigentlich keine sind. 1,7 Milliarden Dollar eingespielte Ticketerlöse in den vergangenen Wochen sind keine Kleinigkeit, keine Frage. Aber ein verdienter Dollar heute und ein verdienter Dollar vor vierzig Jahren bei der Premiere von „Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung“ sind einfach nicht zu vergleichen. Ein Beispiel: George Lucas hätte mit einem Dollar 1977 knapp 6,5 Liter Benzin tanken können. 2016 können mit einem Dollar weniger als zwei Liter getankt werden, auch nach dem jüngsten Preisverfall.

Wer also wirtschaftliche Erfolge aus 1977 mit jenen aus 2015 vergleichen will, darf das nicht „nominal“ machen, also gerechnet in einfachen Dollars oder Euros. Sonst unterliegt man der „Geldillusion“ und vernachlässigt die Tatsache, dass man sich effektiv bei einem Anstieg des Preisniveaus aller Waren und Dienstleistungen weniger mit dem gleichen Geld leisten kann.

Bereinigt man nun die 1977 verdienten Dollar mit dem ersten Star-Wars-Film um den allgemeinen Anstieg des Preisniveaus seit 1977, sehen die mutmaßlichen „Rekorde“ plötzlich ganz anders aus. Demnach sind wir noch 1,4 Milliarden Dollar von einem neuen Star-Wars-Rekord entfernt – ob damit schon der Altklassiker „Gone with the Wind“ überholt wurde, ist außerdem auch fraglich (historische, inflationsbereinigte US-Einspielergebnisse finden Sie hier).

Die Geldillusion ist eine Tochter der Zeit

Je länger Ereignisse zurückreichen, desto schwerer wiegt die Inflation, und Vergleiche werden mehr als nur schwierig. Ein Blick in die Verbraucherpreise der Statistik Austria auf Basis des Index von 1966, vor genau 50 Jahren, zeigt fast jede Dekade eine Steigerung um 100 Punkte – des Preisniveaus von 1966. Wer heute also etwa ein Vermögen oder ein Einkommen aus 1966 mit einem heutigen vergleichen möchte, sollte es um den Faktor fünf anpassen. Erst dann sieht man, was man sich real mit einem solchen Vermögen vor 50 Jahren kaufen konnte.

Ein Blick auf die Grafik zeigt, dass die Teuerung nicht immer gleich schnell zuschlägt. Die erste Verdoppelung des Preisniveaus brauchte nur 13 Jahre – von 1966 bis 1979. Hier haben die Ölpreisschocks eine wichtige Rolle gespielt. Die zweite Verdoppelung des Preisniveaus brauchte dann schon 24 Jahre, also eine Dekade länger.

Angst und Stolz mit aufgeblasenen Zahlen

Auch wenn einfache Bereinigungen mit dem allgemeinen Konsumentenpreisindex nur einen groben Überblick liefern können, liegen sie jedoch deutlich näher an der Wahrheit, als die nominalen Rekorde es gerne suggerieren. Hierzulande sind es vor allem der Schuldenstand und das Exportergebnis, die gerne in absoluten Zahlen hervorgekramt werden. Der Schuldenstand zur Abschreckung vor einer drohenden Staatspleite und das Exportergebnis für die stolzgeschwellte Brust des Standorts Österreich.

Wer es genauer wissen will, muss einen Blick auf den Kontext werfen. Für die Exporte betrifft das Marktanteile und natürlich die Importe. Für den Schuldenstand sind das die Staatseinnahmen, die laufenden Zinskosten – und besonders weit verbreitet: das Bruttoinlandsprodukt. Ohne diese Nenner sagt der Zähler nicht wirklich etwas aus.

Doch das ist „nur“ die Krux mit den Vergleichen absoluter Zahlen im Zeitverlauf, etwa der SchuldenstandQuelle: AMECO-Datenbank der EU-Kommission. 1995, umgerechnet „nur“ 119,8 Milliarden Euro, mit dem Schuldenberg 2015 (291 Milliarden Euro). Der Anstieg um 142 Prozent relativiert sich, wenn man ihn mit einer realen Kennzahl wie dem BIP vergleicht: Dann ist es „nur“ noch ein Plus von 27 Prozent. Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass Österreich mit fast 90 Prozent Staatsverschuldung nicht viel finanziellen Spielraum hat.

Sparer verblendet

Für Sparer besonders verführerisch ist die Verblendung mit absoluten Renditen – der wir uns auch in einer Podcast-Episode gewidmet haben. Wer sich überlegt, Geld zu sparen, macht das meistens auf Basis von Rendite und Risiko. Doch die Renditen werden gerne nominal betrachtet („Auf dem Sparbuch ‚stehen‘ x Prozent Zinsen“). Das ist wenig hilfreich. Erstens muss davon noch die Steuer abgezogen werden, zweitens muss man auch wissen, wie hoch die Teuerungsrate wohl ist.

Sieben Prozent Zinsen in einem Umfeld hoher Inflation sind NICHT attraktiv, auch wenn sie sich besser anfühlen als zwei Prozent in einem Umfeld ohne nennenswerte Teuerung.

Eine internationale Umfrage, durchgeführt von dem Bildungskonzern McGraw-Hill, zeigt selbst bei einfachen Fragen bereits große Defizite in der Finanzbildung auf. Vier Fragen wurden weltweit gestellt, eine davon beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Inflation. „Stellen Sie sich vor, die Preise der Güter, die Sie sich kaufen, verdoppeln sich in den kommenden zehn Jahren. Wenn sich ihr Einkommen in demselben Zeitraum auch verdoppelt, können Sie sich dann a) weniger, b) genauso viel oder c) mehr leisten als heute.“

In Österreich konnten diese einfache Frage nur 64 Prozent beantworten, der Schnitt bei den 143 befragten Nationen lag bei 52 Prozent. Etwas komplexere AbwandlungenKomplexere Fragestellungen für Finanzbildungschecks fragen nach konkreten Prozentzahlen statt einer „Verdoppelung“ des Preisniveaus. Eine Befragung der OeNB hatte etwa folgende Fragestellung: „Wenn Sie für Ihr Sparguthaben Zinsen in Höhe von 1 Prozent pro Jahr bekommen und die Inflation 2 Prozent beträgt: Wie viel können Sie sich mit dem Geld auf Ihrem Konto nach einem Jahr kaufen?“ dieser Frage nach realen Renditen stellen deutlich mehrere Sparer vor Probleme.

Diese Geldillusion (Fokus auf nominale Geldwerte statt reale Preise) führt in Österreich etwa zu einem langfristig schädlichen Sparverhalten. Denn Anleger haben sich in der Vergangenheit durch relativ hohe nominale Zinsen an Sparbücher gewöhnt, obwohl sie schon vor der aktuellen Kreditkrise regelmäßig negative Renditen abgeworfen haben. Spareinlagen sind nach wie vor die beliebteste Sparform in Österreich, wie OeNB-Daten zeigen.

Die anvisierte Inflationsrate der Europäischen Zentralbank (knapp unter zwei Prozent) wird wohl dazu führen, dass sich das aktuelle Preisniveau erst im Jahr 2052 wieder verdoppelt haben wird – wenn denn das anvisierte Ziel der EZB hält.

Kontext, Kontext, Kontext

Doch wirtschaftliche Vergleiche mit den 1960er, 70er oder 80er Jahren bleiben weitgehend sinnlos, wenn sie nicht mit realen Zahlen in einen Kontext gesetzt werden. Dann sind es wirklich nur Zahlenspiele, die nichts über Erfolge eines Filmes, Exportergebnisse auf dem Weltmarkt oder eben den Anlageerfolg eines Sparers verraten.