KEYSTONE/Martin Ruetschi

Stellenabbau in der Finanzindustrie

Der härteste Konkurrent arbeitet bei der gleichen Bank

von Daniel Imwinkelried / 11.08.2016

Banken stehen unter Margendruck. Sie verschieben deshalb Stellen in die Schwellenländer. Welche Leute benötigen sie noch im Heimmarkt?

Selbst bei privaten Finanzhäusern haben sich die Angestellten früher „Bankbeamte“ genannt. Das sagte viel aus über diesen Beruf und das Selbstverständnis der Mitarbeiter: Wer für eine Bank tätig war, brauchte sich keine Sorgen um seine Stelle zu machen; der Geschäftsalltag ging jahraus, jahrein seinen geordneten Gang.

Mittlerweile ist diese Gewissheit aber zerstört, vor allem seitdem die UBS und Credit Suisse in den vergangenen Jahren Tausende von Stellen gestrichen und Back-Office-Arbeitsplätze in Länder verschoben haben, wo die Löhne niedriger sind als im Heimmarkt. Unter anderem in Polen und in Indien betreiben sie sogenannte Shared-Service-Center mit Tausenden von Angestellten. Da die Erträge der Institute von Quartal zu Quartal stark schwanken und tendenziell sinken, ohne dass eine Wende absehbar ist, arbeiten die Manager verzweifelt daran, die Effizienz zu steigern. Weitere Stellen dürften daher in die Shared-Service-Center verschoben werden.

Zunehmende Spezialisierung

Ist in einem solchen Umfeld der Job auf einer Bank noch eine Tätigkeit, die Eltern ihren Kindern wie früher bedenkenlos empfehlen können? Verlagerungen sind keine neue Erscheinung. Vor allem die Grossbanken experimentieren seit einiger Zeit damit, welche Leistungen sie im teuren Heimmarkt erbringen wollen, wofür die Shared-Service-Center zuständig sind und welche Arbeit an Drittanbieter vergeben wird. Die UBS etwa hat die Abwicklung des beleggebundenen Zahlungsverkehrs schon 2005 an die Post ausgelagert. Währenddessen ist der Spezialisierungsgrad der in der Konzernzentrale angestellten Mitarbeiter laufend gestiegen. Die Funktion der Shared-Service-Center schliesslich wird sich weiter ändern. Deren Mitarbeiter gewinnen an Erfahrung, und die Konzern-Manager wissen immer besser, wie mit dem Problem der Schnittstellen zwischen Zentrale und Peripherie umgegangen werden muss. Banken kommen so in die Lage, den Wertschöpfungsanteil eines Shared-Service-Centers zu erhöhen. Bis vor kurzem galt etwa eine Arbeit in der Compliance-Abteilung als sichere Zürcher Stelle mit Perspektive; zwar suchen die Banken weiterhin auch hierzulande solche Spezialisten, viele Arbeiten werden mittlerweile aber auch in den Shared-Service-Centern erledigt. Checklisten abarbeiten könne man auch an einem günstigeren Ort als in Zürich, sagt dazu ein Arbeitnehmervertreter eines Finanzhauses.

Trotz solchen Umwälzungen beschäftigten die Banken laut der Statistik der SNB hierzulande Ende 2015 ungefähr gleich viele Leute wie vor zehn Jahren, nämlich 103 000 Personen (vgl. Grafik). Das ist umso erstaunlicher, als in den Bereichen Recht, IT und Abwicklung externe Dienstleister entstanden sind, die Tätigkeiten und Angestellte von den Instituten übernommen haben. Wiederholt ist der Sektor allerdings von starken Zyklen erschüttert worden. Als sich die Banken vor 16 Jahren zum ersten Mal von der Internetbegeisterung mitreissen liessen, stieg die Zahl der Beschäftigten auf 112 000; der Boom flachte ab, worauf deren Stand unter 100 000 fiel. Die Hochstimmung vor der Finanzkrise von 2008 führte wieder zu einem Anstieg auf 110 000.

Auffallend sind ferner die Verschiebungen zwischen den Firmengruppen. Raiffeisen ist im Hypothekargeschäft zum zweitgrössten Anbieter aufgestiegen, was nur mit einem starken Personalaufbau möglich war. Gleichzeitig haben die Grossbanken seit 2007 rund 20% der Stellen in der Schweiz gestrichen; trotzdem sind bei der UBS im Heimmarkt prozentual zum Gesamtunternehmen noch gleich viele Personen angestellt wie vor der Finanzkrise.

Das sind langfristige Trends, die Nachfrage der Bank nach Mitarbeitern hängt aber auch von kurzfristigen Strömungen ab. Vor zwei Jahren hätten die Institute sehr aktiv Personal für die Betreuung osteuropäischer Kunden gesucht, sagt der Headhunter Hannes Stettler von Schulthess Zimmermann Executive Search. Wahrscheinlich wichen die Banken vermehrt in diese Region aus, weil sie in den westeuropäischen Ländern Vermögensabflüsse infolge der Steueramnestien zu verkraften hatten. Inzwischen ist die Euphorie für Osteuropa wieder etwas abgeklungen. Die scharfe Regulierung hat vor allem Russland zu einem heissen Pflaster gemacht, was die Finanzinstitute vorsichtiger werden liess. Umso heftiger umgarnen die Institute nun in der Schweiz ansässige Anleger und Firmenbesitzer. Sie gelten als Kunden, deren Beratung kaum Risiken in Sachen Regulierung birgt.

Heiss begehrte „Jäger“

Unabhängig vom angepeilten Markt stellen die Banken an ihre Berater viel mehr Ansprüche als früher. Wer mit Kunden zu tun hat, durchläuft heute ein Zertifizierungsprozedere, und gerade altgediente Private-Banker tun sich angeblich damit manchmal schwer. Vielen von ihnen missfällt auch, dass der Anlageprozess heute weitgehend zentralisiert ist. Hoch sind die Ansprüche auch bei der Kundenakquisition. Da die Institute ein Ertragsproblem haben, sind Berater, die auf diesem Gebiet Stärken besitzen, bei den Banken sehr gefragt. Weniger Geduld als früher scheint man laut Aussagen von Arbeitnehmervertretern mit Angestellten zu haben, die bloss ihr Kundenportefeuille bewirtschaften, sonst aber zurückhaltend agieren. Gerade solche Berater trifft es auch besonders hart, wenn sie in reifem Alter Opfer der häufigen Restrukturierungen werden. Bei unabhängigen Vermögensverwaltern, die als Auffangbecken für gestandene Relationship-Manager gelten, kommen sie nicht unter. Denn das Zeitalter des „Bankbeamten“ ist bei diesen Anbietern schon länger vorbei als bei den grossen Häusern.