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Finanzkrise

Der Herr der Buchstabensuppe

von Martin Lanz / 20.10.2015

Ben Bernankes Weg an die Spitze der US-Notenbank Fed war nicht unbedingt vorgegeben. Für die jüngste Krisenzeit scheint er aber nach heutigem Wissensstand eine Idealbesetzung gewesen zu sein.

Ben Bernanke, von Februar 2006 bis Januar 2014 Vorsitzender der US-Notenbank Fed, schreibt es selber: Es lässt sich nur mutmassen, was geschehen wäre, wenn das Fed nicht alle Register gezogen hätte zur Bekämpfung der Finanzkrise in den USA von 2007 bis 2009.


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In seinen mit „The Courage to Act“ (Der Mut zum Handeln) betitelten Krisen-Memoiren meint er aber, dass viel darauf hindeute, dass die unkonventionelle Geldpolitik – inklusive der Käufe von Wertpapieren („QE“) und der Orientierung über die künftige Ausrichtung der Geldpolitik – Wachstum und Beschäftigung in den USA förderten und das Deflationsrisiko reduzierten.

Der internationale Vergleich, mindestens zum heutigen Zeitpunkt, gibt ihm recht: Die wirtschaftliche Erholung ist in den USA rascher eingetreten als in Großbritannien, Japan und der Euro-Zone, obwohl das Epizentrum der Krise in Amerika lag. Bernanke, in wohltuender Bescheidenheit, schreibt aber nirgends, dass dies ihm zu verdanken sei.

Über die Frage, ob die US-Notenbank dieselbe Politik verfolgt hätte, wenn nicht Bernanke – zuerst als Mitglied des Gouverneurrats 2002–2005 und später als Vorsitzender – die Geschicke der Zentralbank geleitet hätte, lässt sich letztlich auch nur mutmassen. Niemand ahnte, dass ab 2007 Bernankes Vertrautheit mit den Vorgängen der Großen Depression dermaßen relevant würde. Aufgrund seiner wirtschaftshistorischen Studien erwies sich der aus South Carolina stammende Ökonom aber als prädestiniert, die geldpolitischen Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Auf dem Bau für das Studium

In seinem Buch schreibt der bald 62-Jährige, dass er sich schon als Kind für die Große Depression interessiert habe, weil ihm seine Grossmutter von der schweren Zeit erzählte. Dass er dann aber an der Uni Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach studierte, war nicht vorgegeben. Bernanke, jüdischer Sohn eines Apothekers und einer Grundschullehrerin, war vielseitig begabt.

Geprägt von der Großen Depression. Ben Bernanke erforschte Ursachen und Folgen des „Großen Crash“ von 1929 und der Massenarbeitslosigkeit in der Zeit danach.
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Er übersprang die erste Klasse, gewann als Elfjähriger den Buchstabierwettbewerb („Spelling Bee“) in South Carolina und qualifizierte sich für das Finale in Washington DC. Dort scheiterte er am Wort „Edelweiss“. Der Grund: In seinem Wohnort Dillon musste das einzige Kino schliessen, so dass er den Film „The Sound of Music“, der die Alpenblume damals auch in den USA bekannt machte, nicht gesehen hatte.

Diese Episode illustriert die komplexen Verhältnisse, aus denen Bernanke stammt. Jüdische Familien waren zwar eine kleine Minderheit in dem im Nordwesten South Carolinas gelegenen Dillon. Die dominierende weiße christliche Gemeinde habe sich ihre Vorurteile aber für die Schwarzen vorbehalten, schreibt Bernanke. Die Schulen, welche Bernanke bis zur elften Klasse besuchte, waren getrennt. 1970 öffnete in Dillon eine neue integrierte Schule, wo er sein letztes Grundschuljahr verbrachte und erstmals gleichaltrige schwarze Freunde hatte. In der familieneigenen Drogerie, in der Ben regelmäßig aushalf, wurde dagegen seit je Gleichbehandlung vorgelebt. Bezeichnenderweise war es eine schwarze Bekanntschaft der Familie, die Bernanke davon überzeugte, in Harvard zu studieren. Seine der Mittelklasse angehörenden Eltern waren besorgt über das stolze Schulgeld von 4600 Dollar für Bens „Frischlingsjahr“, so dass dieser vor Studienbeginn den Sommer 1971 zu einem Stundenlohn von 1.75 Dollar auf dem Bau verbrachte, um einen Beitrag zu leisten.

In Harvard angekommen, tat er sich schwer mit der Wahl seines Hauptfachs – es habe ihn alles interessiert. Zu Beginn des zweiten Studienjahrs schrieb er sich in letzter Minute für die Wirtschafts-Einführungsvorlesung ein, die von dem prominenten konservativen Ökonomen Martin Feldstein gehalten wurde. Bernanke realisierte, dass ihm die Wirtschaftswissenschaften erlauben würden, seine Affinitäten zu Mathematik und Geschichte zu kombinieren.

Von da ging es relativ geradlinig weiter. Bernanke wurde Assistent von Dale Jorgenson, seine Diplomarbeit über den Einfluss der Energiepolitik auf die Gesamtwirtschaft wurde 1975 als beste des Jahrgangs ausgezeichnet, was ihm ein Stipendium der Nationalen Wissenschaftsstiftung für die Fortsetzung des Studiums am Massachusetts Institute of Technology (MIT) eintrug. Am MIT beeinflusste ihn Stan Fischer, der im Mai 2014 stellvertretender Vorsitzender des Fed werden sollte, als Bernanke die Zentralbank bereits verlassen hatte.

Milton Friedmans Vermächtnis

Fischer habe ihm die 1963 publizierte „Monetary History of the United States, 1867–1960“ von Milton Friedman und Anna Schwartz in die Hand gedrückt und gesagt, dass ihn das Buch entweder anregen oder schläfrig machen würde. Nun, Bernanke war fasziniert von dem Buch und dessen historischem Ansatz. Und die Herleitung, wie drei Episoden monetärer Kontraktion – eine vor dem Börsencrash von 1929 und zwei weitere in den Anfangsjahren der Depression – die 1930er Jahre zu einer Elendserfahrung machten, sollte ihn besonders prägen.

Angespannt. Finanzminister Henry Paulson (USA), Notenbankchef Ben Bernanke und Sheila Bair (Vorsitzende FDIC, von links nach rechts) sagen während der Finanzkrise vor dem House Financial Services Committee in Washington aus.
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In seiner Forschung, von 1979 bis 1985 in Stanford und von 1985 bis 2002 in Princeton, fand er die Schlussfolgerung von Friedman und Schwartz über die zentrale Rolle des Geldangebots bestätigt, realisierte aber zunehmend, wie Probleme im Finanzsystem wirtschaftliche Abschwünge zu verschärfen schienen. Zusammen mit Kollegen identifizierte Bernanke das Phänomen des «finanziellen Beschleunigers»: Banken üben Zurückhaltung, wenn in einer Rezession Verluste eintreten, und Kreditnehmer verlieren ihre Kreditwürdigkeit, wenn sich ihre finanzielle Lage eintrübt. Dadurch kommt der Kreditfluss ins Stocken, was den Konsum und Investitionen abwürgt; der resultierende Einbruch der Nachfrage verschlimmert die Rezession dann erst recht.

Genau das traf 2007/08 ein, als eine – möglicherweise „normale“ – Rezession und die Finanzkrise aufeinandertrafen und sich gegenseitig verstärkten. Bernanke behauptet im Buch nie, dass er den Ernst der Lage damals sofort erfasst habe. Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, dass sich das Fed zeitweise auf einem Blindflug befand. Aber als das Finanzsystem einfror, besann sich Bernanke der Lehren, die er aus der Erforschung der Grossen Depression gezogen hatte: erstens, dass in Perioden der Rezession, Deflation oder von beidem die Geldpolitik energisch einzusetzen sei, um Vollbeschäftigung und normale Preise wiederherzustellen, und zweitens, dass Entscheidungsträger entschieden vorgehen müssten, um die Finanzstabilität und den Kreditfluss zu erhalten.

Eine weitere, überspannende Erkenntnis Bernankes aus dem Studium der 1920er und 1930er Jahre – in einer Ausnahmesituation zum Querdenken bereit sein zu müssen – erwies sich aber wahrscheinlich als die wichtigste. Fieberhaft versuchte das Fed, 2007–2009 die komplexen Kreditmärkte (Stichwort: Schattenbanken) aufzutauen. Das Resultat war eine Vielzahl von innovativen Kreditfazilitäten, welche dem Fed letztlich erlaubten, das blockierte Finanzsystem zu entsperren. Deren Kürzel wie TAF, PDCF, TSLF, CPFF, AMLF, MMIFF, TALF sind längst vergessen, weil die Fazilitäten relativ rasch wieder eingestellt werden konnten. Nicht dass „QE“ nicht auch kreativ und mutig gewesen wäre. Aber seine möglichen Nachwirkungen müssen erst noch von Bernankes Nachfolgern bewältigt werden.