Selber machen

Der Kasnudel-Michi heißt Mattias

von Yvonne Widler / 21.10.2015

Ein junger Mann, der sich in der Gastronomie selbstständig machen möchte, war der Grund für eine aufbrausende Diskussion in der Elefantenrunde der Spitzenkandidaten vor der Wien-Wahl. „Schicken S’ ma den jungen Mann, des is das Leichteste, was ma machen können“, verkündete Michael Häupl spontan in der TV-Sendung. Was passierte dann?

Beginnen wir am Anfang der Geschichte. Mattias und seine Freundin leben in Wien, möchten sich ein zweites Standbein aufbauen. Sie wollen Kärntner Kasnudeln verkaufen. Seit vielen Monaten versuchen sie, einen Weg zu finden, der möglichst wenig privates finanzielles Investment erfordert. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellt. Mattias selbst ist seit zehn Jahren als selbstständiger Programmierer immer wieder mit den Hürden und Regulierungen Österreichs konfrontiert.

Der Plan lautet: klein beginnen, damit das Risiko auch klein bleibt. Das Durchschnittsgehalt, das die beiden verdienen, lässt nichts anderes zu. Also überlegen sie auf einem der vielen Märkte in Wien zu starten und dort tageweise Kasnudeln zu verkaufen. So wollen sie herausfinden, ob Nachfrage an ihrem Produkt besteht und Kapital anhäufen, um keinen Kredit aufnehmen zu müssen. In ein, zwei Jahren soll dann ein richtiges Geschäftslokal mit dem erwirtschafteten Kapital geführt werden. „Wir haben sicher 15 Märkte kontaktiert“, erzählt Mattias. Er schüttelt den Kopf. „Keine Chance.“

Warum das gar nicht so einfach ist

Auf den Wiener Märkten gibt es fixe Stände und freie Flächen. Mattias kontaktiert daher die jeweiligen Marktverantwortlichen, erkundigt sich nach den Preisen und erzählt von seinem Plan. Er erhält Auskunft über die entsprechende Pacht, die preislich in Ordnung wäre, wie er meint. „Aber jetzt müssen wir mit dem privaten Vermieter sprechen“, fügt ein Marktdirektor am Ende des Gespräches an. Zu zahlen wäre also Pacht plus Miete. „So komme ich monatlich auf eine Gesamtbelastung von knapp 1.000 Euro kalt. Da kann ich gleich ein Geschäft aufmachen“, ärgert sich Mattias. Zum Ausprobieren ist das zu viel Risiko.

Die meisten Fixplätze würden aber ohnehin nur verkauft. Auch eine freie Fläche zu mieten, wäre eine Option. Doch hier sehen sich die beiden mit anderen Problemen konfrontiert. Zu zahlen wäre zwar prinzipiell nur die Pacht, allerdings hat der Markt hygienische Auflagen. Wenn Mattias dort warme Speisen verkaufen möchte, braucht er fließendes Wasser, um sich die Hände und das Geschirr zu waschen. Auf dem Markt wird ihm aber kein Wasser zur Verfügung gestellt. Er bräuchte daher eine mobile Waschanlage. Infolge dessen müsste er einen Anhänger für sein Auto kaufen, weil die Anlage transportiert werden muss. Für den Anhänger wiederum benötigt Mattias einen Stellplatz. Zudem das volle Equipment wie Stehtische, Kühlvitrine oder Verkaufstheke. Insgesamt muss er auch hier wieder viel investieren und hat eine zu hohe finanzielle Belastung. „Nach monatelangem Herumtelefonieren muss ich leider sagen, es ist wohl nicht möglich, klein anzufangen. Es geht offensichtlich nur, wenn man sofort volles Risiko eingeht, aber das kann es ja nicht sein.“

Auch auf dem Papier gibt es Probleme

Im Rahmen des freien Gewerbes – „Gastro-Klein“ wie es umgangssprachlich genannt wird – darf Mattias einfach zubereitete Speisen an maximal acht Steh- oder Sitzplätzen verkaufen. Diese Regelung gilt beispielweise für jeden Würstelstand. Was allerdings nicht erlaubt ist: die Zubereitung des Teiges, den er für die Kasnudeln benötigt. „Die Rechtsabteilung der Wirtschaftskammer meinte, sie seien sich da nicht ganz sicher, das dürfte eine Grauzone sein.“ Sie würden das Risiko aber lieber nicht eingehen. Dies fiele nämlich unter Lebensmittelerzeugung. Das Telefonat mit der Dame aus der Rechtsabteilung der Wirtschaftskammer ist an diesem Punkt beendet. Mattias recherchiert weiter und stößt auf ein anderes – ebenfalls freies – Gewerbe, das eine eingeschränkte Lebensmittelerzeugung erlaubt. Ihm fällt also eine Lösung ein. „Damit ich rechtlich abgesichert bin, müsste ich mit diesem zweiten freien Gewerbe den Teig also herstellen, vakuumieren und verkaufen und über dieses mein anderes, also Gastro-Klein, bedienen. Damit dürfte ich die Kasnudeln schließlich aufwärmen und als warme Speise verkaufen“. Er konfrontiert die Wirtschaftskammer mit dem Plan. „Ja, da haben Sie recht, das könnten Sie so machen. Das ist juristisch einwandfrei.“

Zu beachten sei aber dennoch, dass die Einnahmen durch das portionsweise abgepackte Essen nicht das Hauptgeschäft sein dürfe. Dann würde er erneut ein Problem bekommen. Zudem hieße das doppelte Buchhaltung, doppelte Kammerumlage. „Das ist doch lächerlich, beide Gewerbe sind frei.“

All das beschreibt Mattias der NEOS-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger, als er sie bei einer Wahlkampfveranstaltung auf der Mariahilfer Straße trifft. Die Hürden und Regulierungen sowie der finanzielle Aufwand würden es unmöglich machen, so ein Geschäft zu führen. Ihr bleibt die Geschichte in Erinnerung, und die beiden vernetzen sich über Facebook. So ist übrigens auch die Namensverwechslung geschehen, weil Mattias nicht unter seinem echten Namen registriert ist. (Der Rest ist geheim)

Sie erzählt in der Elefantenrunde vor der Wahl vom Kasnudel-Michi und seiner Odyssee durch den heimischen Gewerbedschungel.

Die Reaktionen nach der Sendung

Vonseiten der NEOS erhält Mattias einen, wie er sagt, „vielversprechenden“ Kontakt. Ein Wiener Gastronomie-Projekt, „das gerade in Planung ist“. Zur Besichtigung war Mattias bereits eingeladen. „Der Mann weiß, was er tut. Da müssen wir jetzt sehen, was sich da weiter ergibt.“

Nachdem Michael Häupl den Kasnudel-Michi in der TV-Sendung mit den Worten „Schicken S’ ma den jungen Mann, des is das Leichteste, was ma machen können“ zu einem Gespräch eingeladen hat, schreibt Mattias an die SPÖ, mit der Bitte der Einladung auch Folge zu leisten. „Wenn meine Geschichte medial ausgeschlachtet wird, dann bitte richtig und vollständig.“ In der Nachricht erklärt er ausführlich seine Situation und spricht die konkreten Probleme an. Kurz darauf erhält er eine Antwort von der SPÖ Wien:

(…)Wir haben volles Verständnis für Deine Situation. Allerdings möchten wir zu bedenken geben, dass der Großteil der von Dir angesprochenen Regelungen Bundesgesetzgebung ist und die Stadt Wien hier keine Handhabe hat. Klar ist auch, dass Hygienevorschriften einzuhalten sind – so muss etwa die Kühlkette durchgängig gewährleistet sein. Kein Marktamt kann riskieren, dass die Gesundheit der Bevölkerung beim Verkauf von Frischwaren gefährdet wird – da kann es keine Kompromisse geben. Bei der Gründung Deines Unternehmens sollte es aber ausreichend Unterstützung geben. Wir empfehlen Dir, Dich an die Wirtschaftsagentur Wien – ein Fonds der Stadt Wien – zu wenden. Dort gibt es eine breite Palette an Unterstützungsangeboten. Von monetären Förderungen über kostenlose Service- und Beratungsangebote bis zu Raumangeboten steht vieles zur Verfügung. Mit einem konkreten Projekt ist es am besten, sich für ein Beratungsgespräch direkt an die Förderabteilung der Wirtschaftsagentur Wien zu wenden.

Mattias ärgert sich über die Worthülsen in der Nachricht. „Außerdem habe ich nie gesagt, dass ich ein Problem mit den Hygienevorschriften habe, ich verstehe das natürlich. Ich habe lediglich die generellen Regulierungen kritisiert.“ Am folgenden Tag erscheint diese Meldung in der Tageszeitung „Heute“:

Beate Meinl-Reisinger zeigt sich auf Facebook mit dem Kasnudel-Michi (Screenshot)

„Das ist ja geschäftsschädigend. Das klingt, als hätte ich ein Reinheitsproblem, und es war nie meine Bitte am Naschmarkt zu eröffnen, das hat Herr Häupl von sich aus in der TV-Sendung vorgeschlagen.“

Mattias zeigt vor, wie man Kasnudeln zubereitet und welchen Teig man dafür am besten nimmt. „Wenn ich ein Lokal eröffnen will, brauche ich nun mal mehr Geld als eine kleine Förderung oder einen kleinen Kredit. Da müsste ich dann immer noch privat beisteuern. Ich bräuchte also einen Investor.“ Es tue sich ja etwas in Österreich, aber schlichtweg zu wenig. „Es gibt ein paar Plattformen, um Gründer und Investoren zusammenzubringen“, aber das stecke hierzulande noch in Kinderschuhen. „So schafft ihr es nie, dass junge, motivierte Leute etwas auf die Beine stellen“, so seine Botschaft. Er wird die WirtschaftsagenturDie Wirtschaftsagentur Wien wurde 1982 als Wiener Wirtschaftsförderungsfonds von der Stadt Wien, der Wirtschaftskammer Wien (damals Wiener Handelskammer), der UniCredit Bank Austria AG (damals Zentralsparkasse) sowie der Erste Bank der Österreichischen Sparkassen AG (damals Erste Österreichische Sparkasse) gegründet. in den nächsten Tagen jedenfalls kontaktieren.

Und Michael Häupl? Den hat er bis heute nicht gesehen.