Der Milliarden-Mann bei Apple

von Krim Delko / 02.04.2015

Der Chefdesigner von Apple, Jonathan Ive, hat großen Einfluss auf den Aktienkurs. An der Wall Street sorgte sein möglicher Rückzug für eine Kursachterbahn der Apple-Aktie. Warum die Börsianer Ive offenbar einen Milliardenwert beimessen, schreibt Krim Delko aus San Francisco.

Jonathan „Jony“ Ive ist seit den 1990er Jahren Leiter der Designabteilung bei Apple. Mit seinem Bauhaus-inspirierten Design hat er sich weltweit zum Vorbild für Industriedesigner entwickelt. Unter Steve Jobs und in Zusammenarbeit mit anderen Design-Größen wie iPod-Entwickler Tony Fadell hat Ive revolutionäre Produkte wie das iPhone und den iPad entworfen. Nach dem Tod von Steve Jobs ist er hinter CEO Tim Cook die Nummer zwei bei Apple geworden. Mit dem Anstieg der Marktkapitalisierung von Apple ist auch die Bedeutung von Ive inzwischen stark gewachsen.

Was ist ein Mann wert?

Diskussionen über seinen möglichen Rücktritt haben sich jüngst an der Wall Street intensiviert, was unter anderem zu einem Kursrückgang der Aktien geführt hat. Das kann angesichts der Marktkapitalisierung von Apple schnell Dutzende von Milliarden ausmachen. Ist ein Mann wirklich so viel wert? Und wie soll man sich als Anleger auf Aktien eines Unternehmens einstellen, in dem eine Person so viel Einfluss hat?

Ob Ive bei Apple wirklich so viel Einfluss hat, wird sich wohl erst dann zeigen, wenn der Brite tatsächlich das Handtuch wirft. Bis dahin bleibt alles Spekulation. Andere Beispiele von einflussreichen Designern gibt es zwar, doch diese waren in anderen Bereichen tätig. Tom Ford zum Beispiel galt als kreative Kraft von Gucci, als der Texaner dort das Design neu definierte. Als Tom Ford den Abgang von Gucci ankündigte, sahen viele Beobachter an der Wall Street das Ende des Umsatzwachstums von Gucci voraus. Doch Gucci geht es auch ohne Stardesigner Tom Ford sehr gut.

Andere Kreative wie Alexander McQueen oder John Galliano galten lange als zentrale Figuren des Modehauses LVMH. Doch auch hier zeigte sich, dass die Marken unter LVMH stärker sind als die Designer. Und auch in Hollywood wird das kreative Element laut Analytikern oft überschätzt. Als Tom Cruise die Abkehr von Paramount ankündigte, fragten sich viele Wall-Street-Analytiker, ob der Medienkonzern auch ohne Cruise Erfolg haben könnte. Auch hier zeigte sich, dass ein Mann alleine nicht alles ist.

Es gibt also genügend Beispiele, wo börsennotierte Unternehmen eine berühmte kreative Person verloren haben. In den meisten Fällen stiegen die Aktien trotzdem weiter. Ob das auch bei Apple so wäre, falls Ive geht, bleibt offen. Konzernchef Tim Cook hat in den letzten Jahren einiges getan, um die kreative Abteilung bei Apple zu stärken. Er hat Marc Newson angeheuert, der sich ebenfalls einen Namen in Industriedesign gemacht hat.

Mit der Akquisition von Beats kam unter anderem Jimmy Iovine an Bord. Iovine ist zwar kein Designer, doch als namhafter Musikproduzent hat er genügend Erfahrung im Umgang mit kreativem Personal. Seine Präsenz hat auch das Profil von Apple als Nährboden für kreative Produkte gestärkt. Schließlich hat Cook mit dem Engagement von Angela Ahrendts, der ehemaligen Chefin von Burberry, einen klingenden Namen aus der Modebranche an den Firmensitz in Cupertino im US-Gliedstaat Kalifornien geholt.

Stärkung der Kreativen

Cook hat also genau das gemacht, was Anleger von ihm erwarten. Er stärkte die Kreativ-Abteilung von Apple, so dass die Zukunft nicht von einem einzigen Namen abhängt. Aus Sicht der Wall Street dürfte daher das Thema Ive wohl nicht so dramatisch sein. Falls sich der Brite also entschließen sollte, seinen Apple-Job aufzugeben und mehr Zeit in seinem prunkvollen Haus in San Francisco zu verbringen, dürfte das den Apple-Aktien langfristig wohl kaum schaden.