Der neue Chef der Unicredit: Ein idealer Kompromisskandidat

von Andrea Spalinger / 01.07.2016

Der Franzose Jean-Pierre Mustier hatte bei der Société Général steile Karriere gemacht, bevor er wegen der Skandal-Geschäfte eines Untergebenen strauchelte. Nun soll er Italiens größte Bank retten.

Die Ernennung von Jean-Pierre Mustier zum neuen Chef der angeschlagenen italienischen Großbank Unicredit ist von Analytikern begrüßt worden. Der 55-jährige Franzose gilt als erfahrener Investmentbanker und idealer Kompromisskandidat. Einflussreiche Investoren waren in der Nachfolgefrage nämlich gespalten gewesen. Während die einen argumentierten, nur ein Italiener könne die größte Bank des Landes führen, forderten die anderen einen Bruch mit dieser Praxis. Ein Banker mit internationalem Profil, der sich dem einflussreichen politischen Klüngel nicht verpflichtet fühle, könne die Interessen des Konzerns besser wahren.

Mit Mustier hat man am Ende einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss gefunden. Ausschlaggebend bei der Wahl des in London sesshaften Franzosen soll gewesen sein, dass er internationale Erfahrung hat, die Unicredit-Gruppe als ehemaliger Chef des Investment Banking aber kennt. Am 12. Juli wird Mustier die Nachfolge von Federico Ghizzoni antreten, den Grossaktionäre Ende Mai zum Rücktritt gedrängt hatten, weil es ihm nicht gelungen war, die Kurserosion zu bremsen.

Nach der Ausbildung an einer französischen Eliteuniversität hatte Mustier 1987 bei der Société Générale begonnen, der er über zwanzig Jahre treu blieb. Er stieg bis zum Chef des Investment Banking auf und galt gar als Kandidat für den Chefposten der französischen Großbank. Dann setzte der Skandal um Jérôme Kerviel seiner vielversprechenden Karriere 2008 ein abruptes Ende. Der ihm unterstellte Börsenhändler hatte der Bank mit Spekulationen und Scheingeschäften Verluste von 5 Milliarden Euro beschert. Kerviel wurde zwar als Einzeltäter eingestuft, und Mustier will von den betrügerischen Geschäften nichts gewusst haben. Dennoch musste auch er bald danach gehen.

Ghizzoni holte den Franzosen 2011 als Chef des Investment Banking zu Unicredit. Nach einer großen Umstrukturierung verließ dieser das Institut drei Jahre später aber wieder. Danach war er Partner beim Londoner Investor Tikehau Capital. Seine Rückkehr an die Spitze einer Großbank bedeutet ein beeindruckendes Comeback.

Einfach wird die Aufgabe für Mustier allerdings nicht werden. Die Unicredit hat eine dünne Kapitaldecke und sitzt auf faulen Krediten von 80 Milliarden Euro. Ihre Aktien haben in Mailand seit Anfang Jahr über 60 Prozent eingebüßt und werden derzeit zu einem der niedrigsten Kurs-Buchwert-Verhältnisse in Europa gehandelt. An der Börse ist die nach Angestellten und Filialen grösste Bank Italiens nur noch 12 Milliarden Euro wert. Analytiker schätzen, dass sie eine Kapitalerhöhung von 5 Milliarden bis 10 Milliarden Euro nötig hätte. Der neue Chef wird es wie sein Vorgänger mit einem zerstrittenen Aktionärskreis und einem Verwaltungsrat zu tun haben, in dem neben großen internationalen Fonds auch lokalpolitisch orientierte Sparkassenstiftungen sitzen.