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Randnotiz

Der Ökonom und die Flüchtlingspropaganda

von Lukas Sustala / 29.12.2015

Die Politik liebt Volkswirte. Mit ihren Prognosen lässt sich gut Politik machen, denn Ökonomen erklären komplexe Probleme wie den Flüchtlingsstrom mit einfach zu begreifenden Daten und Fakten, die mit mehr oder weniger komplexen Modellen berechnet werden. Der quasiwissenschaftliche Ruf der Zunft gibt den politischen Anliegen damit eine Aura der „Alternativlosigkeit“. Die „90-Prozent- RegelRogoff und Reinhart stellten in empirischen Untersuchungen fest, dass bei einer Staatsschuldenquote von mehr als 90 Prozent das Wirtschaftswachstum niedriger ausfällt. “ der Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff ist dabei ein besonders prominentes Beispiel, das in der europäischen Schuldenkrise oft zitiert wurde.

In der aktuellen Flüchtlingskrise hat sich in Deutschland jüngst ein lautstarker Ökonomen-Streit darüber entzündet, ob die aufgenommenen Asylwerber ein Wirtschaftswunder auslösen oder einen Wohlstandsverlust verursachen werden. Das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW in Berlin, geleitet von dem Ökonomen Marcel Fratzscher, hat eine Studie herausgegeben, die weitgehend positive Effekte der Flüchtlingsbewegung zutage fördert. Der Volkswirt Ulrich van Suntum, Direktor am Centrum für angewandte Wirtschaftsforschung der Universität Münster und in der von der „Alternative für Deutschland“ abgesplitterten „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ aktiv, hat die Studie zerlegt. van Suntum drischt mit Sätzen wie „Fratzscher kann nicht einmal Excel“ auf die Ergebnisse ein. Seine Replik zeigt tatsächlich einige methodische Mängel auf, die die Vorteile überzeichnen.

Das Problem ist, dass viele „Fakten“, die 2015 präsentiert wurden, das nicht sind: belastbare Fakten. Es sind oft Schätzungen, „educated guesses“ würde man sie neudeutsch wohl nennen, oft gefärbt von den Personen, die sie präsentieren. Ähnliches gab es in Österreich von Wirtschaftsinstituten und der Oesterreichischen Nationalbank, deren oft sehr optimistische Prognosen großteils auf Annahmen, etwa über Ausbildungsgrad der Zuwanderer, Integrationsdauer etc. beruhen.

Wer sich als Ökonom mit wenig Daten und womöglich wackeligen Methoden überspitzt zu der Flüchtlingsbewegung äußert, verschlimmbessert die Situation, weil geifernde Warnungen vor „Lügenstudien“ analog zur „Lügenpresse“ laut werden. Dabei geht es wohl um eine realistische Perspektive, wie der Sozialstaat deutscher und österreichischer Prägung mit der Herausforderung umgehen kann. Eine Variante ist die sozialstaatliche Abschottung, wie Patrick Welter von der FAZ schreibt: „Es ist besser, eine Mauer um den Wohlfahrtsstaat zu bauen als um das ganze Land.“

Aber auch für die richtigen Reformen braucht es schlicht bessere Daten. Denn das einzige, was Ökonomen in der Flüchtlingskrise wirklich wissen, ist, dass sie zu wenig wissen. 2016 sollte nicht nur in Deutschland, sondern auch hierzulande viel genauer erfasst werden, welche Herausforderungen es in der Flüchtlingskrise zu meistern gilt, ehe neue Kosten- oder Nutzenschätzungen publiziert werden.

Denn die helfen recht wenig, egal wie positiv oder negativ sie ausfallen. Das Problem ist, dass die polemische Debatte über die vermeintlich harten Fakten den Blick auf die harte Arbeit verstellt, die nötig ist, um real existierende Probleme der Integration zu lösen. Denn ohne die bleiben die Wohlfahrtsgewinne durch die Zuwanderung sicherlich nur auf dem Papier bestehen.