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Eine bulgarische Erfolgsgeschichte

Der ökonomische Reiz des Rosenöls

von Marco Kauffmann Bossart / 28.09.2016

Im Osten des ärmsten EU-Landes blüht das Geschäft mit hochwertigem Rosenöl. Grenzen setzt der Mangel an Arbeitskräften.

Es ist kein angenehmer Duft. Eher mit Industrie als mit Rosen assoziiert man den Geruch, der aus dem Kännchen emporsteigt. Hristo Stojanow von der Rosenöl-Destillerie Damascena, bemerkt die Irritation des Besuchers und erläutert, dass ein hoher Konzentrationsgrad von Rosenöl eine ungewöhnliche Duftnote hinterlässt. Zuvor haben Arbeiter die handgepflückten Rosenblätter in einen mit Holz umkleideten Kessel geschüttet und mit Quellwasser vermischt. Mehrere Stunden wird die rosarote Brühe in der überdachten, aber gegen aussen offenen Werkhalle gekocht. Bis sich die ätherischen Moleküle von den Blüten trennen. Der Destillationsprozess, den Stojanow mit der Schnapsherstellung vergleicht, wird wiederholt, um möglichst viel Öl herauszufiltern. Während der Erntezeit laden Pflückerinnen hier ihre vollgepackten Säcke, die an Konfetti-Tüten erinnern, ab. Bezahlt wird nach Gewicht.

Seifen, Parfums, Weine

2015 löste der Unternehmer im ostbulgarischen Dorf Skobelewo 8500 € für ein Kilo Rosenöl. Wegen der schlechteren Ernte 2016 ist der Kilopreis auf 11 000 € gestiegen. In den 1970er Jahren überstieg der Preis für hochwertiges Rosenöl den von Gold. Um ein Kilo Rosenöl zu gewinnen, verarbeitet die Destillerie 3000 kg Rosenblüten. Zu Stojanows Abnehmern gehören die Edelmarken der europäischen Kosmetikindustrie. Auch Schokoladen und Tabakwaren werden mit dem Duft der rosaroten Blume verfeinert. Kunden hat der Familienbetrieb in Amerika, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Japan und neuerdings auch China.

Das Unternehmen verwendet derzeit rund 20% des Öls für eigene Endprodukte: von Seife, Konfitüre, Parfum über Nachtcrème, Tinkturen gegen Haarausfall bis zu Rosé-Wein. Alles nur mit natürlichem Rosenöl, wie Stojanow versichert. Produkte mit synthetischen Nachbildungen sind nicht sein Ding. «Der Markt ist mit Billigprodukten überschwemmt.» Als kleiner, aber exklusiver Nischenanbieter sieht sich Stojanow. Ihm schwebt vor, dass er 30 bis 40% des produzierten Rosenöls zu eigenen Erzeugnissen verarbeiten und damit die Wertschöpfung erhöhen kann. An Ideen scheint es dem Unternehmer, dessen Vater nach dem Kollaps des Kommunismus die erste private Rosenöl-Fabrik eröffnete, nicht zu fehlen. Der beleibte Firmenbesitzer mit dem karierten Hemd schenkt ein Glas Mineralwasser ein, natürlich mit Rosenöl angereichert. Viele Erzeugnisse verkauft er auch in einer organischen Version, was einen Preiszuschlag von 20% erlaubt. Zudem vermarktet er seinen Betrieb mit 55 permanent Angestellten als Tourismusdestination – ohne EU-Fördergelder, wie Stojanow beiläufig, aber stolz anmerkt. 40 000 Besucher interessierten sich im vergangenen Jahr für die Destillerie, die meisten reisen aus dem Ausland an. Die Besucher flanieren durch eine sorgsam gepflegte Gartenlandschaft mit Rosenstöcken, Bächlein und Natursteinen, bevor sie im Laden haltmachen oder im Restaurant einkehren. Würde man nicht auf Rosenstöcke blicken, man wähnte sich auf einem Weingut in Frankreich.

Von Damaskus nach Bulgarien

Mit einer Jahresproduktion von mehreren tausend Kilo Rosenöl gilt Bulgarien als einer der führenden Produzenten. Im Osmanischen Reich fand die Damaszener-Rose – eine von 150 Sorten, aus denen sich Öl destillieren lässt – ihren Weg von Damaskus nach Bulgarien. Noch immer wird das «Original» im Umland der syrischen Hauptstadt angebaut; doch sind die Ernteerträge wegen des Bürgerkrieges dramatisch eingebrochen. Die Türkei hat wegen der rasanten Urbanisierung und der damit einhergehenden Schrumpfung der Bevölkerung in ländlichen Gebieten als Anbauland an Bedeutung verloren. Das Schwellenland verfügt laut Branchenangaben aber immer noch über einen Marktanteil von knapp 60%. Danach folgt Bulgarien. Kleinere Anbieter gibt es in Marokko, Tunesien und Iran.

Im «Rozova Dolina», dem vom Balkangebirge flankierten Tal der Rosen, herrscht ein ideales Klima für die Pflanze. Mässig viel Sonne und Niederschlagsperioden wechseln sich ab. Die edle Blume blüht nur einen Monat im Jahr und wird zwischen Mai und Juni in den kühlen Morgenstunden gepflückt. In der Nacht bilden sich Alkohole, sie erhöhen den Ölgehalt.

Im drei Fahrstunden von Sofia entfernten Tal haben sich auch französische Firmen niedergelassen, die nur für den Export produzieren. Als die Produktion nach dem Kollaps des Sozialismus Anfang der neunziger Jahren stockte, soll die französische Kosmetikindustrie in die Bredouille gekommen sein.

Stojanow beobachtet eine stark wachsende Nachfrage für Rosenöl und würde gerne sein Anbaugebiet von 70 ha auf 200 ha vergrössern. Sorgen bereitet ihm und anderen Produzenten der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Stojanow braucht Techniker, Marketingleute, Finanzspezialisten. «Viele talentierte Jugendliche haben Bulgarien verlassen.» Doch Klagelieder gehören nicht zu Stojanows Repertoire. Er hat ein eigenes Stipendienprogramm lanciert. Damit sollen angehende Fachkräfte frühzeitig den Reiz des Rosenöls entdecken und als potenzielle Mitarbeiter herangezogen werden.