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Analyse

China will mit seiner Währung die Weltbühne betreten

von Martin Lanz / 28.10.2015

Die künstliche Reserveanlage des Währungsfonds, das Sonderziehungsrecht, ist von zweifelhafter Bedeutung. China möchte trotzdem dabei sein. Warum das so ist und welche Chancen das Land hat, analysiert NZZ-Wirtschaftskorrespondent Martin Lanz.

Im November ist es nach fünf Jahren wieder einmal so weit: Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird über Zusammensetzung und Gewichtung des Devisenkorbs für das Sonderziehungsrecht (SZR) befinden. Im Vordergrund steht die Frage, ob neben Dollar, Euro, Yen und Pfund künftig auch der chinesische Renminbi zur Berechnung des SZR herangezogen werden soll.

Wenn Dinosaurier überleben

Hauptziel der Übung ist aus Sicht des IWF, die Attraktivität des SZR als internationale Reserveanlage zu erhöhen. Das SZR wurde 1969 geschaffen zur Stützung des Systems fixer Wechselkurse (Bretton-Woods-System). Länder, die an diesem System teilnahmen, mussten über Währungsreserven in Form von Gold oder Devisen verfügen, die zur Verteidigung ihrer fixierten Wechselkurse eingesetzt werden konnten. Die Idee des SZR war, das damals als für ungenügend befundene Angebot der zwei wichtigsten Reserveanlagen – Gold und Dollar – zu ergänzen.

Entwicklung der Währungsgewichte
Entwicklung der Währungsgewichte
Anteile am Währungskorb der Sonderziehungsrechte, in %
Credits: IWF

Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und das Wachstum der internationalen Kapitalmärkte machten das SZR eigentlich schon bald überflüssig. Dann kam die Finanzkrise, und Ende August 2009 teilte der IWF seinen Mitgliedern SZR im Gegenwert von 250 Milliarden Dollar zu, um die Liquidität im Finanzsystem zu erhöhen. Das SZR selber ist keine Währung, sondern verleiht Inhabern den Anspruch auf frei verwendbare Währungen von IWF-Mitgliedstaaten wie Dollar, Euro, Yen oder Pfund. SZR-Guthaben können also, wenn sie gegen Dollar oder Euro eingetauscht werden, etwa zur Finanzierung von Importen oder Schuldenrückzahlungen eingesetzt werden. Diese Tauschgeschäfte erfolgen auf freiwilliger Basis direkt zwischen IWF-Mitgliedstaaten oder via den IWF. Neben seiner Rolle als Reserveanlage dient das SZR dem IWF und anderen internationalen Organisationen auch als Rechnungseinheit.

Faktisch spielen SZR-Guthaben als Reserveanlage aber kaum eine Rolle, und die als Liquiditätsspritze verkaufte SZR-Zuteilung von 2009 im Zuge der Finanzkrise hatte vor allem symbolischen Charakter. Laut einem IWF-Bericht waren nach dieser Maßnahme gerade einmal 204 Milliarden SZR (gegenwärtig 287 Milliarden Dollar) ausstehend, weniger als vier Prozent der globalen Reserven (ohne Gold).

Das hindert den IWF freilich nicht daran, Werbung für sein Geschöpf, das SZR, zu machen. Denn halbwegs relevant bzw. attraktiv bleibt dieses nur, wenn es für die wichtigsten Währungen steht und Gewichtsverschiebungen in der globalen Wirtschaft nachzeichnet.

Bei der letzten Überprüfung des SZR-Devisenkorbs 2010 wurden die Gewichte von Dollar, Euro, Pfund und Yen entsprechend leicht angepasst, aber auch neue Kandidaten wie der chinesische Renminbi geprüft. Der Korb besteht seit 2000 aus den vier Währungen, die von den wichtigsten Exporteuren ausgegeben werden und die vom IWF als „frei verwendbar“ qualifiziert sind.

Eine politische Frage

China erfüllte 2010 das Export-Kriterium, dessen Währung aber nicht jenes der „freien Verwendbarkeit“. In einem Bericht vom 16. Juli hat der IWF nun eine Auslegeordnung für die 2015er Überprüfung gemacht. Bezüglich des Export-Kriteriums kommt er zum Schluss, dass China im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre einen Anteil von elf Prozent an den globalen Güter- und Dienstleistungsexporten aufweist und den Abstand zur Euro-Zone und zu den USA weiter verringert hat. Japan und Großbritannien haben Anteile verloren, bleiben aber deutlich vor Südkorea (3,2 Prozent), Singapur (2,8 Prozent) sowie Kanada, Russland und der Schweiz (je 2,7 Prozent).

Güter- und Dienstleistungsexporte
Güter- und Dienstleistungsexporte
Fünf-Jahres-Durchschnitte in % des globalen Totals
Credits: IWF

Was die „freie Verwendbarkeit“ betrifft, so stellt der IWF fest, dass der Renminbi seit 2010 zunehmend international genutzt wird – wenn auch von einem tiefen Niveau aus. Maßgebende Indikatoren sind die Anteile der chinesischen Währung an den globalen Devisenreserven, an den internationalen Verpflichtungen von Banken, an den ausstehenden internationalen Schuldverschreibungen, an den grenzüberschreitenden Zahlungen (Swift) oder am Devisenhandel. Zwar bleibt das so gemessene Gewicht des Renminbi gering. Der IWF kommt aber zum Schluss, dass die seit 2010 beobachtete Entwicklung einen dauerhaften Trend darstelle, der durch die laufenden Währungsreformen in China noch verstärkt werde.

Eine Empfehlung enthielt der Juli-Bericht nicht. Es wurde aber festgehalten, dass, falls der Renminbi Einzug in den SZR-Korb hielte, dieser keine der bestehenden vier Reservewährungen verdrängen sollte und ein Gewicht von etwa 15 Prozent einnehmen könnte. Mit einem solchen Kompromiss liessen sich chinesische Forderungen nach internationaler Anerkennung erfüllen, ohne die alte Ordnung zu stark auf den Kopf zu stellen. So teilt auch die Schweiz die Ansicht, dass die Aufnahme des Renminbi in den SZR-Korb den folgerichtigen Abschluss der Integration Chinas ins globale Finanzsystem bilden und die Bedeutung Chinas im IWF spiegeln würde.