REUTERS/Alexei Nikolsky/RIA Novosti/Kremlin

Russlands Währungskrise

Der Rubel rollt, und rollt, und rollt

von Benjamin Triebe / 11.11.2015

Der russische Rubel ist seit einem Jahr sich selbst überlassen. Das neue, tiefe Gleichgewicht hilft dem Staat und der Erdölbranche. Die Menschen spüren aber als Konsumenten die Härten, berichtet NZZ-Wirtschaftskorrespondent Benjamin Triebe aus Moskau.

Es wäre interessant zu wissen, wie sicher sich Elwira Nabiullina ihrer Sache gewesen ist. Die Chefin der russischen Zentralbank hielt im November 2014 eisern an einem seit langer Zeit verfolgten Reformplan fest und trat damit eine Lawine los. Vor einem Jahr eliminierte die Zentralbank den Korridor, in dem sie die Landeswährung Rubel seit 1999 gehalten hatte. Trotz immer noch großen Reserven verteidigten die Währungshüter den Kurs nicht länger mit systematischen Interventionen. Den Verlauf bestimmt seither der Markt.

Im Sog des Erdölpreises

Das gibt der Geldpolitik zwar mehr Spielraum und erleichtert der Wirtschaft die Anpassung an Schocks. Aber zunächst war das Verdikt der Marktkräfte eindeutig: Der Rubel stürzte ab. Und obgleich eine schwache Währung einem Land in der Rezession auch helfen kann, sind die Aussichten verhalten.

Es waren nicht die wegen der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen, sondern primär der Zerfall des Erdölpreises, der Russlands Währung und seine Wirtschaft hinunter zog. Die Schwäche des Ölpreises wirkte sich schnell aus, weil Wirtschaft und Währung bereits angeschlagen waren – sei es durch ein über Jahre immer schwächeres Wirtschaftswachstum aufgrund struktureller Hemmnisse, sei es durch die vom Ukraine-Konflikt ausgelöste Unsicherheit unter Investoren. Ein Dollar ist heute 64 Rubel wert, auf dem Höhepunkt der Währungsturbulenzen waren es sogar 70 Rubel gewesen. Anfang 2014 stand der Dollar noch bei 33 Rubel.

Auch das russische Bruttoinlandprodukt (BIP) gibt nach: Es schrumpfte im ersten Halbjahr um 3,5 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Ende Woche wird das Statistikamt voraussichtlich für das dritte Quartal ein Minus von rund vier Prozent schätzen.

Mit dem Rubel ist seit dem „free float“ das geschehen, was Analysten erwarteten: Er ist sehr volatil geworden und hat erst in den vergangenen Wochen auf niedrigem Niveau ein stabil wirkendes Gleichgewicht gefunden. Das ist dem Erdölpreis angemessen, der für ein Fass der Nordseesorte Brent weiterhin bei unter 50 Dollar liegt.

Obwohl jüngst andere Treiber des BIP erstarkt sind, an erster Stelle der Inlandkonsum, ist die Korrelation zwischen Rubel und Öl stark wie selten zuvor. Der Erdölsektor ist für zwei Drittel der Exporte und die Hälfte des Staatsbudgets verantwortlich; die Abhängigkeit ist in den vergangenen Jahren sogar gewachsen. Deshalb hat die schwache Währung auch Vorteile: Sie dämpft die Ausfälle für die Erdölbranche und den Staatssäckel, denn niedrigere Dollar-Erlöse aus dem Ölverkauf sind in Rubel mehr wert. Abgesehen von Rohstoffen hat Russland jedoch kaum weltweit gefragte Exporte, denen der schwache Rubel hilft.

Hohe Teuerung

Der tiefe Rubel-Kurs belastet die Konsumenten.
Credits: AP Photo/Alexander Zemlianichenko

Die Wirtschaftskrise wiegt schwer auf dem Alltagsleben. Die Inflation lag im Oktober bei knapp 16 Prozent zum Vorjahresmonat, getrieben von den gestiegenen Importpreisen. Die hohe Preissteigerung hindert die Zentralbank daran, den Leitzins stark zu senken; er beträgt für eine Rezession unangenehme 11 Prozent. Zwar kann sich die Geldpolitik seit der Wechselkursfreigabe ganz auf die Bekämpfung der Inflation konzentrieren – und das war auch das Ziel der Reform, die Russland einen Schritt näher in den Kreis der reifen Volkswirtschaften bringen sollte. Aber die Zentralbank kämpft gegen Faktoren, die sie nicht beeinflussen kann: Ein Großteil der Preissteigerung geht auf das im Sommer 2014 vom Kreml als Reaktion verhängte Importverbot für viele westliche Lebensmittel und Agrargüter zurück.

Der hohe Leitzins verteuert Unternehmenskredite. Die Anlageinvestitionen liegen seit Januar um rund sieben Prozent unter dem Vorjahresniveau. Auch ließ die Teuerung die Reallöhne um neun Prozent sinken, weshalb die Detailhandelsverkäufe in ähnlichem Maße geschrumpft sind. Die Nominallöhne wachsen so langsam wie zuletzt 1998 (seither legten sie schneller zu als die Arbeitsproduktivität, was den Standort unattraktiver machte).

Stagnation voraus

Da für den Erdölpreis kein schneller Aufstieg in die alten Höhen um 100 Dollar je Fass in Sicht ist, rechnen Beobachter mit einer anhaltenden Stagnation. Die Talsohle mag durchschritten sein und die Inflation zurückgehen, aber im kommenden Jahr dürfte das BIP selbst im günstigsten Szenario nur ein kleines Plus verzeichnen. Darin liegt der Gegensatz zum Jahr 2009, als die globale Finanzkrise in Russland einen tieferen Einbruch auslöste, das Wachstum im Anschluss aber wieder sprunghaft stieg. Nun kommen zum Erdöl hausgemachte Probleme, an denen seit Jahren nicht hart genug gearbeitet wird – von versäumten Liberalisierungen über Korruption bis zur Bürokratie. Da sich keine Reformen abzeichnen und stattdessen der Protektionismus zunimmt, sind Unternehmer heute pessimistischer als in der Finanzkrise.