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Der Ruf nach dem Staat im Energiesektor

von Giorgio V. Müller / 13.10.2016

Im Energiesektor sind liberalisierte Märkte auf dem Rückzug. Die Förderpolitik zugunsten erneuerbarer Energie führt zu einer Angebotsschwemme. Das Risiko der an Wert verlierenden fossilen Reserven trägt zunehmend der Staat.

Im weltweiten Energiesektor sind in den vergangenen Jahren erfreuliche Trends zu beobachten. Die Energieproduktion ist nicht nur diversifizierter und umweltverträglicher geworden, sondern auch erschwinglicher. Das hat dazu geführt, dass die bisherige enge Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch (und auch dem Ausstoss von Klimagasen) durchbrochen werden konnte. Das ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Der am Mittwoch vom Weltenergierat publizierte Bericht (World Energy Resources 2016) zeigt auch die Nebenwirkungen dieser meist politisch initiierten Veränderungen in der Energieerzeugung und im Energieverbrauch.

Entkoppelung vom Wirtschaftswachstum

Die Produktionskapazitäten der erneuerbaren Energien (Wasser, Wind, Solar, Photovoltaik, Biomasse, Geothermie) haben sich in den vergangenen zehn Jahren auf 1985 GW fast verdoppelt. Besonders stark zugenommen haben die Kapazitäten der Windenergie (von 74 auf 432 GW) sowie von Solar (von 6 auf 227 GW). Im Strombereich allein decken die erneuerbaren Energien rund 30% der Kapazitäten ab. An der erzeugten Strommenge haben sie jedoch nur einen Anteil von 23%, zudem fällt die Produktion witterungsbedingt unberechenbarer an als kontinuierlich Bandenergie liefernde Atom-, Laufwasser- und Erdgaskraftwerke.

Den vor allem in den Industrieländern zu verzeichnenden starken Zubau von Kapazitäten aus erneuerbaren Quellen bezeichnen die Autoren des Übersichtswerks als „unerwartet“, politisch war dies jedoch gewollt. Das hatte jedoch auch zur Folge, dass sich daraus eine Angebotsschwemme entwickelte, die die Preise der Energieträger, ob Erdöl, Erdgas oder Strom, stark unter Druck setzte.

Risiko trägt die Öffentlichkeit

Die Favorisierung der Erneuerbaren geht zulasten der bisher dominierenden fossilen Energieträger, vor allem der Kohle. Wenn sich dieser Trend fortsetzt – höhere CO2-Preise würden dies beschleunigen –, würden die entsprechend vorhandenen Reserven entwertet, würden also zu sogenannten „stranded assets“. Wurden diese bisher jedoch mehrheitlich von privaten Firmen kontrolliert, in erster Linie durch Erdölkonzerne, hängen diese potenziellen Hypotheken zunehmend an staatlich kontrollierten Organisationen. Das Endrisiko trägt also die Öffentlichkeit, die ja mit ihren Steuergeldern bereits die Subventionen finanziert hat.

Mehr als nur ein Lebenszeichen wird in der globalen Betrachtung auch der Kernenergie zugeschrieben. Ende 2015 befanden sich 65 nukleare Reaktoren im Bau, zwei Drittel davon in China, Indien und Russland. Aber sogar in den USA (5) und in Europa (4) werden neue Atomkraftwerke gebaut. Neu ans Netz gingen im vergangenen Jahr 10 GW, was dem Doppelten der letzten Jahre entsprach. Zu den heutigen Preisen würden die Uranium-Vorräte noch mindestens 100 Jahre ausreichen, hiess es. Grösster Produzent ist Kasachstan, vor Kanada und Australien, wo sich die grössten Reserven befinden.

Ruf nach dem Staat

Trotz dem Durchbruch der Erneuerbaren reicht es gemäss dem Bericht „bei weitem“ nicht aus, die Ende 2015 in Paris formulierten Klimaziele zu erreichen, um die Klimaerwärmung nicht über das 2-Grad-Ziel steigen zu lassen. Tiefere Energiepreise bedeuten jedoch auch weniger finanziellen Spielraum für die Versorger, was sich in einem zurückhaltenden Investitionsverhalten niederschlägt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Abscheidung und Speicherung von CO2 (carbon capture and storage, CCS), mit der vor allem die hohen Emissionen der Kohlekraftwerke begrenzt werden könnten. Die Technologie wäre bereit, seit Herbst 2014 befindet sich in Kanada die erste kommerzielle Anlage. Doch die rechtlichen Rahmenbedingungen und der Widerstand der Bevölkerung, die in der Nähe der Lagerstätten wohnt, stehen einem umfassenderen Einsatz im Weg.

„Der Staat muss die Infrastruktur bereitstellen“, sagte Hans-Wilhelm Schiffer vom Weltenergierat. Damit würde dem Trend zur Verstaatlichung des Energiesektors Vorschub geleistet. Schon beim Bau von neuen Kraftwerken geben private Firmen und externe Kapitalgeber wie Pensionskassen nur noch dann Geld aus, wenn der Staat langfristige Abnahmeverpflichtungen zu festen Tarifen garantiert. Damit verlagert sich das Risiko immer stärker zum Staat. Die Autoren vom Weltenergierat gehen nicht davon aus, dass sich dies bald ändert: „Liberalisierte Märkte könnten ihre Grenzen erreicht haben.“