„Der Schritt der SNB ist mutig und gerechtfertigt“

von Michael Ferber / 16.01.2015

Der ehemalige Chefökonom der Europäischen Zentralbank, Jürgen Stark, hält das Ende des Mindestkurses für überraschend, aber richtig. Das Interview führte NZZ-Wirtschaftsredakteur Michael Ferber.

Herr Stark, hat Sie der Schritt der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die Mindestgrenze des Frankens zum Euro aufzuheben, überrascht?

Jürgen Stark: Dieser Schritt hat mich sehr überrascht, denn bis vor wenigen Tagen hat die SNB noch kommuniziert, dass sie an der Mindestgrenze des Frankens zum Euro festhalten würde. Ich habe aber durchaus Verständnis dafür. Die Einführung der Mindestgrenze wurde ja als außergewöhnliche Maßnahme gesehen, und wenn außergewöhnliche Umstände nicht mehr bestehen, ist es gerechtfertigt, diese zurückzunehmen.

Halten Sie den Schritt für richtig?

Wir haben es mit einer klaren Divergenz der Geldpolitiken der großen Zentralbanken zu tun und haben dabei eine Abwertung des Euro und auch des Frankens gegenüber dem Dollar gesehen. Folglich hat sich die Überbewertung des Frankens, die von der SNB gesehen wurde, zurückgebildet.

Warum, glauben Sie, hat sich die SNB für eine Aufhebung der Mindestgrenze und noch höhere Negativzinsen entschieden und nicht beispielsweise für ein Ersetzen der Grenze durch einen Währungskorb?

Der erste Schritt hin zu einer „normaleren“ Geldpolitik besteht darin, die Maßnahmen zurückzunehmen, die man vorher als außergewöhnlich beschlossen hatte – und nicht, sich in neues Fahrwasser zu begeben und neue Instrumente zu entwickeln.

Hat die am Mittwoch bekannt gewordene Rückendeckung des Generalanwalts des Europäischen Gerichtshofs für das umstrittene Staatsanleiheprogramm OMT der EZB Auswirkungen auf den SNB-Entscheid gehabt?

Das kann ich nicht sagen. Das war ja noch keine endgültige Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, diese wird erst im Laufe dieses Jahres zu erwarten sein. Man kann das aber zumindest für die EZB als ein Signal betrachten, dass es wohl keine rechtlichen Hürden geben dürfte, wenn die EZB über das OMT-Programm hinaus im Rahmen einer „quantitativen Lockerung“ Staatspapiere kaufen würde.

Muss die SNB mit Milliardenverlusten rechnen?

Geldpolitik, wie sie in der Krise betrieben worden ist, bringt erhebliche Risiken mit sich. Man muss wissen, wie man mit diesen Risiken umgeht. Ich halte den jetzigen Schritt der SNB, nicht mehr zu intervenieren, auch gerechtfertigt vor dem Hintergrund, dass sich zu viele Risiken auf der Bilanz angesammelt haben. Zwar hat die SNB 2014 nach provisorischen Zahlen einen erheblichen Gewinn erzielt. Mit den Risiken, die die SNB in der Bilanz hat, werden die Gewinne und Verluste derzeit und in der Zukunft aber sehr volatil sein.

Nach dem Schritt der SNB gab es starke Turbulenzen an den Märkten. Wird das so weitergehen?

Ich sehe den Entscheid als einen Schritt in Richtung einer Normalisierung der Geldpolitik. Die Märkte haben sich zu sehr an das Handeln der Zentralbanken im Krisenmanagement seit 2008 gewöhnt. Dass dann irgendwann der Geldhahn etwas zugedreht wird – wir sehen das in den USA und jetzt in der Schweiz –, führt zu Verwerfungen an den Märkten. Ich glaube nicht, dass das so weitergeht. Die Märkte sind überrascht worden. Vielleicht wäre, wenn man die Märkte hätte beruhigen wollen, ein Kommunikationsversuch angemessener gewesen, als den Schritt direkt zu tun. Ich finde ihn aber mutig und gerechtfertigt.