Der schwächelnde Euro als willkommene Nebenwirkung

von Claudia Aebersold Szalay / 24.01.2015

Die von der Europäischen Zentralbank verfügte Lockerung der Geldpolitik hat eine Schwächung des Euro zur Folge. Dass sich andere Währungsräume auf einen Abwertungswettlauf einlassen werden, scheint derzeit nicht sehr wahrscheinlich, schreibt NZZ-Korrespondentin Claudia Aebersold Szalay aus Frankfurt.

Mario Draghi wird nicht müde zu betonen, dass der Euro-Wechselkurs kein Politik-Ziel der Notenbank sei. Die durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hervorgerufene Schwäche der Gemeinschaftswährung dürfte ihm aber trotzdem hochwillkommen sein. In der Tat hat der in Aussicht gestellte expansive Kurs der EZB den Außenwert des Euro in den vergangenen Monaten stark gedrückt, und dies passt den Währungshütern in Frankfurt aus zwei Gründen sehr gut in den Kram.

Erstens beflügelt die schwache Währung den Exportsektor in der Euro-Zone, was zusammen mit den tiefen Erdölnotierungen der schleppenden Konjunkturerholung Auftrieb geben dürfte. Zweitens bedeutet der nachlassende Außenwert der Einheitswährung, dass der importierte Deflationsdruck nachlässt. Ein starker Euro verbilligt die Importe, was die Preisentwicklung in der Währungsunion drückt.

So hat Draghi in der Vergangenheit aus Angst vor der nachlassenden Teuerung in der Währungsunion den Euro mehrmals verbal zu schwächen versucht. Der Euro, so der Präsident sinngemäß, sei zwar keine Zielvariable der Notenbank, doch ein starker Euro bleibe nicht ohne Auswirkung auf die Preisentwicklung in der Euro-Zone; der EZB-Rat behalte den Wechselkurs deshalb sehr genau im Auge.

Allein diese wiederholten verbalen Interventionen haben die Gemeinschaftswährung nachhaltig zu schwächen vermocht. Die Spekulationen darauf sowie schließlich am Donnerstag die Ankündigung der quantitativen Lockerung haben den Euro schließlich auf ein Mehr-Jahre-Tief gedrückt. Die durch die quantitative Lockerung sich abzeichnende Divergenz zwischen der Geldpolitik in der Euro-Zone und jener in den USA, wo die Notenbank bereits den Ausstieg aus der ultralockeren Politik vorbereitet, spiegelt sich lehrbuchhaft in der jüngsten Entwicklung des Euro-Dollar-Kurses.

Angesichts der willkommenen Nebenwirkung der EZB-Politik in Form eines schwachen Euro warnen einige Analysten bereits vor einem Abwertungswettlauf unter den großen Währungsräumen. Damit ist eine Situation gemeint, in der verschiedene Währungsräume zur Stützung der eigenen Exportbranche die Heimwährung schwächen mit der Konsequenz, dass alle immer stärker abwerten müssen, wenn dies auch die anderen tun. Analog zur EZB flutet heute auch die Bank of Japan die Märkte mit Liquidität, um die Konjunktur anzukurbeln – die Yen-Schwäche ist hierbei explizit eine gewollte Begleiterscheinung. Ähnliches gilt aber nicht für die beiden anderen großen Währungsräume, die USA und Großbritannien. In Amerika stehen die Zeichen klar auf Ausstieg aus der Krisenpolitik, die Bank of England hat hierfür zwar noch nicht den Startschuss gegeben, von einer Beschleunigung des lockeren Kurses ist dort aber auch nicht mehr die Rede.

„Währungskrieg“ kein Thema

So scheint das Schreckensgespenst eines „Währungskriegs“ derzeit keine reale Bedrohung darzustellen. Dagegen spricht erstens die Tatsache, dass der schwache Euro in den USA kein großes Thema zu sein scheint; zweitens entspricht die Divergenz zwischen der Geldpolitik der EZB und der US-Zentralbank Fed tatsächlich den realwirtschaftlichen Gegebenheiten in den beiden Währungsräumen. Während die amerikanische Wirtschaft Auftrieb hat, dümpelt jene der Euro-Zone vor sich hin. Der EZB kann zumindest nicht vorgeworfen werden, ihre Geldpolitik völlig losgelöst von der ökonomischen Realität eigens mit dem Ziel der Währungsabwertung zu betreiben. Obwohl in Zeiten hoher Volatilität an den Devisenmärkten das Szenario eines Abwertungswettlaufs immer gerne skizziert wird, scheint dies derzeit nicht realistisch: Ohne das Zutun der USA stellen „Währungskriege“ keine wirkliche Bedrohung dar – und die Amerikaner lassen sich derzeit von der Euro-Schwäche allem Anschein nach nicht aus der Ruhe bringen.