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Wirtschaftsgeschichte

Der Schweizer Franken: Ein „sicherer Hafen“ seit über 100 Jahren

von Thomas Fuster / 18.08.2016

Die Schweizer Wirtschaft hadert mit dem Ruf des Frankens als „sicherer Hafen“. Doch dieser Ruf existiert nicht erst seit Ausbruch der Euro-Krise. Eine neue Studie zeigt Bemerkenswertes.

Dem Schweizerfranken kommt in stürmischen Zeiten oft die Funktion eines „sicheren Hafens“ zu. Das haben die vergangenen Jahre und Monate – Stichworte sind die Euro-Krise oder das Brexit-Votum – erneut deutlich gezeigt. Anscheinend einem Naturgesetz folgend, verschieben verunsicherte Anleger ihr Geld in Frankenanlagen, sobald andernorts Wertzerfall, Enteignung oder andere Gefahren drohen. Diese Anziehungskraft wird kaum je in Frage gestellt. Noch seltener aber ist die Frage, wie und wann der Franken zu seinem Ruf als internationalem Hort der Stabilität gekommen ist. Mit Ernst Baltensperger und Peter Kugler haben sich diesen Monat zwei prominente Schweizer Ökonomen auf Spurensuche begeben. In einer Studie, erschienen in der Fachzeitschrift „Aussenwirtschaft“, gehen sie dem historischen Ursprung des „safe haven“-Status nach.

Die Schweiz als Zinsinsel

Die Aufgabenstellung mag einfach tönen. Letztlich handelt es sich aber um eine vertrackte Angelegenheit. Denn exakt messen lässt sich der Status nicht. Als Indikator dient zwar oft die Stärke einer Währung. Doch dies allein reicht nicht aus. Es braucht auch einen Finanzsektor, der Anlegern, die Sicherheit suchen, die gewünschten Vermögenswerte anbieten kann. Um vor diesem Hintergrund den „safe haven“-Status zu analysieren, läge es nahe, die Dynamik einer Währung je getrennt für Krisen- und Nichtkrisenzeiten zu beobachten. Wenn die Währung in Krisenzeiten erstarkt, würde dies für den Status eines sicheren Hafens sprechen; wenn die Währung an Wert verliert, eher nicht. Hierzu müsste man aber auf Hochfrequenzdaten bis weit ins 19. Jahrhundert zurückgreifen können – doch diese existieren leider nicht.

Die zwei Autoren richten ihren Blick daher primär auf das Zinsniveau und das Phänomen der „Schweizer Zinsinsel“. Gemeint ist damit die Tatsache, dass die nominellen und realen Zinsen in der Schweiz traditionell tiefer liegen als im Ausland. Warum ist dies so? Investoren sind offenbar bereit, bei Anlagen in der Schweiz auf höhere Zinsen zu verzichten, da sie im Gegenzug ein Mehr an wirtschaftlicher Stabilität erhalten, also ein Mehr an Sicherheit. Die Existenz einer Zinsinsel (korrigiert um Inflations- und Wechselkursschwankungen) ist daher ein Indiz für den Status eines sicheren Hafens. Die methodisch handhabbare Frage lautet also, seit wann die Schweiz eine Zinsinsel ist.

Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass sich der Franken mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu einer starken Währung entwickelt hat und seither als sicherer Hafen fungiert. In den Jahrzehnten davor (1881 bis 1913) deutet der Blick auf die internationale Zinslandschaft eher auf einen schwachen Franken hin – ein Schicksal, das der Franken damals mit der Deutschen Mark teilte. Die Schwäche der beiden Währungen manifestiert sich dabei namentlich in Relation zum britischen Pfund, dem niederländischen Gulden und dem französischen Franc. Das Pfund war damals (und noch bis zum Zweiten Weltkrieg) die international führende Währung; erst danach übernahm der Dollar diese Rolle.

Den Ursprung des „safe haven“-Status orten die beiden Ökonomen somit in den Wirren des Ersten Weltkriegs. Nicht nur die Weimarer Republik versank danach im wirtschaftlichen Chaos. Auch das Vertrauen in die Solidität der französischen Institutionen wurde stark strapaziert, da Paris seinen Staatshaushalt durch die Notenbank finanzieren liess, was den Franc entsprechend schwächte. Verängstigte Anleger verschoben ihre Gelder in neutrale Kleinstaaten wie die Schweiz und die Niederlande. Das spiegelt sich auch in der Währungsentwicklung. So kam es in den Jahren nach dem Krieg zu einer dauerhaften Erstarkung des Frankens gegenüber dem Dollar und dem Pfund. Seit 1930 verzeichnet die Schweiz zudem ununterbrochen das tiefste Zinsniveau aller untersuchten Länder.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholte und akzentuierte sich diese Entwicklung. Vor dem Hintergrund der 1944 in Bretton Woods etablierten Währungsordnung fester Wechselkurse zeigte sich das Phänomen einer Schweizer Zinsinsel besonders deutlich. Aber auch der Kollaps dieser Ordnung im Jahr 1973 und der Übergang zu flexiblen Wechselkursen haben daran wenig geändert – und zwar bis heute, wenngleich die derzeit global extrem tiefen Zinsen naturgemäss wenig Raum lassen für nationale Zinsvorteile.

Nicht nur ein Nachteil

Zu erklären ist die Schweizer Zinsinsel laut den Forschern in erster Linie mit der politischen, wirtschaftlichen und monetären Stabilität der Schweiz im 20. Jahrhundert. Dies nur auf die Nichtbeteiligung an zwei Weltkriegen zurückzuführen, greife zu kurz. Denn von diesen Kriegen weitgehend verschont blieben etwa auch Schweden und Argentinien, die beide neutral waren, jedoch im vergangenen Jahrhundert mit hohen ökonomischen Instabilitäten und einem relativ hohen Zinsniveau kämpften.

Es mag ein schwacher Trost sein für die Schweizer Wirtschaft, die seit Jahren hadert mit dem „safe haven“-Status des Frankens und dem damit verbundenen Aufwertungsdruck. Doch der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dieser Status seit bald hundert Jahren schon existiert. Allein negativ ist er nicht: Erstens spiegelt er viel internationales Vertrauen in die Stabilität der hiesigen Institutionen. Zweitens zwingt er die auslandorientierten Sektoren der Wirtschaft seit Jahrzehnten zu steten Anstrengungen, um die Wettbewerbskraft zu stärken. Dieser Druck ist zugegebenermassen sehr unbequem; er begründet aber einen nicht zu knappen Teil des wirtschaftlichen Erfolgs der Schweiz.