Der Schweizer Franken, Opfer seines Erfolgs

von Thomas Fuster / 19.12.2014

Die Schweizerische Nationalbank will den Franken mit einem negativen Zinssatz unattraktiv machen, denn die begehrte Währung erweist sich zusehends als Handicap, schreibt NZZ-Wirtschafts- und Börsenredakteur Thomas Fuster.

 

Wenn das Klima auf den Finanzmärkten rau wird, fliehen die Anleger in den Franken. Diese Beobachtung hat sich in den vergangenen Tagen einmal mehr bestätigt. Aufgrund der Rubel-Krise, der politischen Wirren in Griechenland und der anhaltenden Strukturprobleme der Euro-Zone hat sich der Aufwertungsdruck auf den Franken weiter verstärkt. Um dem Trend entgegenzuwirken, greift die Schweizerische Nationalbank (SNB) zu unkonventionellen Mitteln: So gelten ab dem 22. Januar 2015 negative Zinsen auf Girokonten, welche die Geschäftsbanken bei der SNB halten. Zentrales Ziel der Maßnahme ist es, das Halten von Frankenanlagen weniger attraktiv zu gestalten.

Parkgebühr für Banken

Zuvor hatte bereits die Europäische Zentralbank (EZB) negative Sätze eingeführt. Während es der EZB mit dieser Maßnahme primär darum geht, die Kreditvergabe und Investitionen in der Währungsunion anzukurbeln, steht bei der SNB die Verteidigung des Mindestkurses von 1,2 Franken pro Euro im Fokus. Die Negativzinsen der EZB haben indes dazu beigetragen, dass die traditionelle Zinsdifferenz zwischen Anlagen in Euro und solchen in Franken erodiert ist. Das erhöhte den Druck auf den Franken zusätzlich, zusammen mit der Erwartung umfassender Staatsanleihekäufe durch die EZB.

Bleibt der Negativzins auf dem angekündigten Niveau von –0,25 Prozent, dürfte sich die Belastung der inländischen Geschäftsbanken in Grenzen halten. Wichtigster Grund dafür ist der hohe Freibetrag, ab dem der Negativzins erst erhoben wird. Diese Schwelle liegt bei Banken, die der Mindestreservepflicht unterliegen, beim Zwanzigfachen der gesetzlichen Mindestreserven. Von den bedeutenden Universal-Banken scheint nur die Zürcher Kantonalbank die Schwelle zu übertreffen; UBS, Credit Suisse und die Raiffeisen-Gruppe sind nicht betroffen.

Weitere Pfeile im Köcher

Die Negativzinsen zielen vor allem auf Großkunden, die hohe Frankenbeträge parken und nun mit steigenden Kosten für das Halten von Liquidität rechnen müssen. Die SNB erwartet nicht, dass die Banken die Negativzinsen auch an durchschnittliche Sparer weiterreichen werden. In Umfragen wird diese Einschätzung von den heimischen Finanzhäusern bestätigt. Wenngleich Negativzinsen auf Sparkonten kurzfristig eher unwahrscheinlich sind: Dass die Sparzinsen weiter gegen null tendieren und die Sparer verstärkt über höhere Gebühren zur Kasse gebeten werden, erscheint als realistisches Szenario.

Hat die SNB mit dem Einsatz von Negativzinsen ihr Pulver zur Verteidigung des Mindestkurses praktisch verschossen? Bei der SNB wehrt man sich erwartungsgemäß gegen eine solche Lesart. Als mögliche weitere Maßnahme wird auf eine Reduktion der Zinsen in einen noch tieferen Negativbereich verwiesen – eine Maßnahme, welche die Margen jener Banken, die ihr Geld primär mit dem Zinsdifferenzgeschäft verdienen, weiterschmelzen ließe. Zudem verweist die SNB auf eine mögliche Reduktion des Freibetrages für Negativzinsen oder weitere Interventionen am Devisenmarkt.

So schwierig die währungs- und geldpolitischen Folgen der Negativzinsen derzeit quantifizierbar sind: Eine naheliegende Folge ist, dass Investitionen in Realwerte wie Aktien oder Immobilien zusätzlich stimuliert werden. Nicht von der Hand zu weisen ist ferner die Gefahr, dass Banken zur Vermeidung von Negativzinsen künftig auch Kredite gewähren, die in Zeiten „normaler“ geldpolitischer Rahmendaten als zu riskant beurteilt würden. Verstärkt würden dadurch sowohl die finanzielle Repression als auch die seit Jahren anhaltende Umverteilung von Sparern zu Schuldnern.