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Sprache und Digitalisierung

Der Siegeszug des „tech“-Anhängsels

von Jürg Müller / 23.06.2016

Die Bewirtschaftung digitaler Themen verspricht Aufmerksamkeit. Das schlägt sich in der Sprache nieder – beispielsweise in der Allgegenwärtigkeit des Suffixes „tech“.

Um gehört und gesehen zu werden, entwickeln gewiefte Verkäufer permanent neue Strategien. Schlau ist es, sein eigenes Thema huckepack auf eine große Geschichte zu schnallen. Was würde sich da gegenwärtig mehr anbieten als die Digitalisierung? In der Bevölkerung wird diese mit einer Mischung aus Neugier und Furcht verfolgt. Dessen sind sich auch PR- und Marketing-Experten durchaus bewusst: Bei jeder Gelegenheit wird versucht, auf den digitalen Zug aufzuspringen. Mit der Verbreitung des Suffixes „tech“ hat sich das auch in der Sprache niedergeschlagen.

Es ist wohl nicht zuletzt die Strahlkraft von US-Konzernen wie IBM, Microsoft und Google, die den sprachlichen Wandel gefördert hat. Diese Firmen werden oft als „tech companies“ bezeichnet. Sie prägten die von vielen als revolutionär wahrgenommenen Informationstechnologien, deren Kürzel IT mittlerweile aber etwas angestaubt ist. Der Macht des Sprachgebrauchs dürfte es zu verdanken sein, dass heute „tech“ immer häufiger als Synonym für IT verwendet wird. Im Gleichschritt mit der Digitalisierung haben die vier Buchstaben als Wortanhängsel im Wirtschaftsleben Einzug gehalten. In der Finanzindustrie spricht man nun von Fintech, in der Juristerei von Legaltech. Mit Regtech für den Regulator und Govtech für die Verwaltung hat der sprachliche Trend auch den Staat erreicht.

Jüngst wurden zudem verschiedene neue Verbände gegründet, die sich das „tech“-Kürzel auf die Fahnen geschrieben haben. Verkennen die traditionellen Interessengruppen gerade die Zeichen der Zeit und werden von dieser digitalen Avantgarde links liegen gelassen? Nicht unbedingt, die Digitalisierung ist eine Querschnittsfunktion, und Wirtschaftsverbände sind eigentlich nach Branchen aufgestellt. Die Initiativen mit dem „tech“-Suffix könnten daher auch als Modeerscheinung in die Geschichte eingehen. Die Neugründungen sollten den arrivierten Verbänden dennoch zu denken geben. Als Verkäufer von gesellschaftlichen Anliegen ihrer Mitglieder scheinen sie hier eine gute Gelegenheit verschlafen zu haben.