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Ökonomische Beurteilungen des Brexit

Der Sprung ins Ungewisse

von Gerald Hosp / 04.06.2016

Die Mehrzahl wirtschaftlicher Studien verweist auf hohe Kosten im Falle eines Brexit. Eine Gruppe von Ökonomen fordert den Konsens heraus.

Jagjit Chadha, der Direktor des renommierten Forschungsinstituts Niesr in London, fühlt sich als Gesprächsleiter zunehmend unwohler. Was eine nüchterne Diskussion über die Aussagekraft ökonomischer Modelle hätte sein sollen, artet zu einer – mit britischem Understatement würde man sagen – lebhaften Diskussion aus. Die beiden Ökonomen Patrick Minford und John Van Reenen werfen sich gegenseitig vor, Tiraden abzulassen. Das Thema ist die derzeitige Mutter aller politischen Diskussionen im Vereinigten Königreich: das EU-Referendum. Am 23. Juni stimmt die britische Bevölkerung über den Verbleib Großbritanniens in der EU ab.

Gespaltene Euro-Skeptiker

Scharfzüngig verteidigt Minford von der Universität Cardiff seine Ansicht, dass ein Brexit eine ökonomische Wohltat für die Insel wäre, während Van Reenen von der London School of Economics (LSE) vehement für ein Großbritannien in der EU eintritt. Beide stützen sich auf ihre Modelle. Van Reenen kann sich zudem an den Konsens in der ökonomischen Zunft lehnen. Nationale und internationale Institutionen wie die Bank of England, die meisten großen britischen Wirtschaftsverbände, der Internationale Währungsfonds oder die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehen bei einem EU-Austritt von wirtschaftlichen Einbußen aus.

Mehrere Studien verweisen auf erhebliche kurz- und langfristige Kosten im Falle eines EU-Austritts. Dabei sind weniger die scheingenauen Zahlen von Bedeutung, die je nach Annahmen und verwendetem Modell unterschiedlich sind, als das Gesamtbild. Dies ging sogar schon so weit, dass Kommentatoren meinten, die Euro-Skeptiker hätten im Bereich Wirtschaft die Diskussion verloren. Die Brexit-Kampagne „Vote Leave“ stellt deshalb das Thema Einwanderung verstärkt in den Vordergrund des Abstimmungskampfes.

Ökonomen wird üblicherweise der Vorwurf gemacht, sich nicht einig zu sein. Zu viel Konsens ist aber auch verdächtig. Eine Gruppe von Ökonomen namens „Economists for Brexit“, zu der unter anderen Minford und Gerard Lyons, der Wirtschaftsberater des früheren Londoner Bürgermeisters Boris Johnson, gehören, geht gegen das Gruppendenken vor. Sie betont, dass viele Exponenten des Establishments bereits in der Debatte falschlagen, ob Großbritannien der Euro-Zone beitreten solle.

Bei der Volksabstimmung im Jahr 1975 zu einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gaben protektionistische Stimmen den Ton an. Die heutigen Euro-Skeptiker trennen sich in zwei Strömungen: Die einen wollen aus Großbritannien eine Art Super-Singapur mit einer offenen und deregulierten Wirtschaft machen. Die anderen wollen sich einkapseln und hängen früheren Zeiten nach. Die Beurteilung der wirtschaftlichen Auswirkungen eines Brexit sind naturgemäß spekulativ. Die Effekte hängen vor allem von zwei Dingen ab: Wie stellt sich die neue Handelsbeziehung zwischen der EU und Großbritannien dar? Und: Wie sähe die britische Wirtschaftspolitik nach einem Brexit aus? Diese Aspekte werden mehr oder weniger in die Modellübungen aufgenommen. Was nicht beachtet wird, ist die zukünftige Entwicklung – positiv oder negativ – innerhalb der EU. Zudem gilt es noch zu unterscheiden zwischen kurz- und langfristigen Auswirkungen.

Ungemütlicher Cocktail

Dass ein Brexit ein ökonomischer Schock wäre, bezweifeln die wenigsten. Es kommt vielmehr darauf an, wie groß dieser Schock ausfällt. Die gängigsten Szenarien sind, dass sich die Unsicherheit im Nachgang der Abstimmung erhöht, sie dann aber schwindet, wenn klarer wird, wie die zukünftigen Beziehungen zur EU aussehen. Dies könnte dazu führen, dass Investitionen verschoben oder aufgehoben werden, Konsumenten könnten vorsichtiger werden.

Allgemein wird mit höheren Kapitalkosten für den Staat und die Unternehmen und mit einer starken Schwächung des Pfunds gerechnet. Dadurch dürften zwar die Exporte angeregt werden, aber auch die Importe würden teurer. Die Inflation dürfte steigen. Die britische Wirtschaft könnte, alle Effekte zusammengenommen, in eine Rezession kippen. Es bliebe abzuwarten, wie die Bank of England und die Regierung auf diesen unbekömmlichen Cocktail reagierten. Die Brexit-Befürworter akzeptieren einen kurzfristigen Schock, da ein solcher als normaler Anpassungsprozess betrachtet wird.

Im Fall der langfristigen Auswirkungen liegt die Sache anders. Die Euro-Skeptiker gehen davon aus, dass ein Austritt zu mehr Prosperität führt. In den meisten ökonomischen Studien sieht es jedoch anders aus. Die Mechanik der Untersuchungen lautet folgendermaßen: Ein Austritt Großbritanniens aus der EU würde das Zusammenleben mit dem größten Handelspartner der Insel erschweren. Dadurch nähmen insgesamt Handelsvolumen und Direktinvestitionen voraussichtlich ab. Dies drückte sich in einer vergleichsweise geringeren Produktivität und weniger Wohlstand aus. Dabei werden die Entwicklungspfade des Landes im Fall eines Verbleibs in der EU mit der Entwicklung nach einem Brexit verglichen. Es handelt sich nicht um eigentliche Wirtschaftsprognosen. Die Studien spiegeln meist den Stand der Wissenschaft, es kommt jedoch auf die Details an.

In der Regel gilt, dass die potenziell schlechtere Wirtschaftsentwicklung geringer ist, je mehr das Nach-Brexit-Szenario einer EU-Mitgliedschaft ähnelt. Die großen Unterschiede in den Untersuchungen hängen hauptsächlich davon ab, wie das Verhältnis zwischen Offenheit und Produktivität behandelt wird. So kommt die London School of Economics zum Schluss, dass die Wirtschaftsleistung bei einem Brexit im Jahr 2030 um knapp 8% geringer wäre als im Fall eines Verbleibens in der EU – selbst wenn Großbritannien weiterhin am Binnenmarkt teilnähme. Das Ergebnis wird vor allem dadurch getrieben, dass nichttarifäre Handelshemmnisse die Handelskosten erhöhen. Wertschöpfungsketten wie in der Automobilbranche würden durch Grenzzäune unterbrochen. Dadurch würden die Intensität des Wettbewerbs, der Technologietransfer und ausländische Direktinvestitionen eingeschränkt, was zu einer geringeren Produktivität führte.

Minford, einst Berater der früheren Premierministerin Margaret Thatcher, hingegen kommt mit seinen Schätzungen auf ein Plus der Wirtschaftsleistung von 4% nach einem Brexit – auch ohne direkten Zugang zum EU-Binnenmarkt. Der Ökonom beschreibt die EU als Zollunion, die sich gegen den Rest der Welt abschottet. Wenn Großbritannien nicht mehr EU-Mitglied wäre, könnten die Importzölle abgeschafft werden. Dadurch sänken die Konsumentenpreise und die Wettbewerbsfähigkeit nähme zu. Minford räumt ein, dass das verarbeitende Gewerbe und die Landwirtschaft Probleme hätten, wenn die Grenzen für den Warenverkehr unilateral aufgemacht würden. Die Wirtschaft würde aber produktiver. Van Reenen von der LSE kritisiert daran, dass der Spielraum für Zollsenkungen geringer geworden sei und nichttarifäre Handelshemmnisse, vor allem im für Großbritannien wichtigen Dienstleistungssektor, von Bedeutung seien.

Hausgemachte Probleme

Die Euro-Skeptiker setzen auch große Hoffnungen in die Deregulierung, wenn einmal die Brüsseler Fesseln abgelegt sind. Großbritannien hat jedoch schon überdurchschnittlich liberale Arbeits- und Gütermärkte, sodass der Nutzen aus einem Alleingang gar nicht so groß wie vermutet sein könnte. Die britischen Zahlungen an die EU sind zwar im Abstimmungskampf äußerst präsent, größenmäßig werden sie aber von den Handelsvorteilen überschattet. Ein weiterer Punkt, der die Rechnung verändern kann, ist die Frage nach der Zuwanderung. Die Euro-Skeptiker plädieren für ein Punktesystem, das zuzugswillige EU- und Nicht-EU-Bürger gleich behandeln und Leute mit den erforderten beruflichen Qualifikationen ins Land holen soll. Ein Ziel vieler Brexit-Befürworter ist es aber, die Zahl an Zuwanderern zu beschränken, was das Wachstum belasten dürfte. Wenn die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrachtet wird, fällt dieser Aspekt weniger ins Gewicht.

Die ökonomischen Modelle zeigen trotz allen Schwächen, dass die Kosten eines Brexit leichter identifizierbar sind als der mögliche Nutzen. Deregulierung und handelspolitische Öffnung wären notwendig, um einen Alleingang zum Erfolg zu machen. Das Problem ist: Das Szenario „Thatcher 2.0“ schwebt nur einem Teil der Euro-Skeptiker vor. Auf der anderen Seite steht der Heimatschutz hoch im Kurs. Zudem muss sich London an der eigenen Nase nehmen: Die Erhöhung des Mindestlohns und eine untaugliche Raumplanung sind beispielsweise Eigengewächse. Nicht nur Brüssel, sondern auch London kennt wachstumsfeindliche Regulierungen. Zudem leidet das Land an großen Defiziten im Haushalt und in der Leistungsbilanz. Das größte wirtschaftspolitische Problem ist die schwache Produktivität. Diese gilt es zu erhöhen – innerhalb oder außerhalb der EU.