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Social Business

Der Staat setzt mit sozialen Start-ups auf den Markt

von Leopold Stefan / 12.08.2016

Ein neues Förderprogramm soll Innovationen im Social Business antreiben. Die innovative Kraft der Marktwirtschaft wird dadurch für soziale Zwecke aktiviert. Damit das Beispiel Schule macht, muss die regulative Trennung von sozialem Engagement und Profitorientierung überdacht werden.

Nicht alle Tage präsentiert das Sozialministerium gemeinsam mit der Industriellenvereinigung ein neues Projekt – bei der Förderung von Start-ups mit sozialem Mehrwert gibt es jedoch eine Schnittmenge. Die Regierung will Social Business aus Österreich mit drei Millionen Euro fördern, wie Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) zusammen mit dem stellvertretenden IV-Vizepräsident Günter Thumser am Mittwoch bekannt gab.

Ab ersten September 2016 können Social Entrepreneurs ihre Projekte beim Austria Wirtschaftsservice AWS, der Förderbank des Bundes, vorstellen. Die Mittel stellen neben dem Sozialministerium auch die Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung. Die aussichtsreichsten Ideen erhalten bis zu 100.000 Euro. Ziel ist die sogenannte „Social Innovation“, die in einer Begleitbroschüre der IV als Veränderungsprozesse in der Gesellschaft von neuen Produkten bis zu neuen Lebensentwürfen bezeichnet wird. Die Mittel des Sozialministeriums – circa der halbe Fördertopf – sollen speziell in Projekte fließen, die die Arbeitsmarktintegration unterstützen.

Was ist Social Business?

Hinter dem Schlagwortreigen aus Anglizismen steckt jedoch ein definierter Wirtschaftsbereich, der lange Zeit von öffentlicher Seite stiefmütterlich behandelt wurde: Unternehmen mit dem deklarierten Ziel positiver gesellschaftlicher Entwicklung, die auf Markteinkünfte ausgerichtet sind. Somit unterscheidet sich Social Business von klassischen Non-Profit-Organisationen (NPOs), die von staatlichen Geldern oder Spenden finanzierte Aufgaben erfüllen.

Im vergangenen Jahr gab es in Österreich zwischen 1.200 und 2.000 Unternehmen, die in die Kategorie Social Business fallen, gegenüber rund 12.000 klassischen NPOs, wie eine Studie des Social Entrepreneurship Center an der WU erhoben hat. In den nächsten zehn Jahren soll sich ihre Zahl zumindest verdoppeln, wie die Autoren aus einer Umfrage ableiten.

In der Praxis ist die Trennlinie zwischen Social Business und NPO nicht scharf: Um für die neue Förderung infrage zu kommen, muss sich ein Unternehmen über mindestens 50 Prozent aus Markteinkommen finanzieren und die Hälfte der Profite reinvestieren.

Soziales Handwerk

Auch Gabriele Gottwald-Nathaniel, Obfrau von Gabarage upcycling design, will ein Projekt um Mittel aus dem neuen Fördertopf ins Rennen schicken. Gabarage macht aus alten Materialen neue Designerobjekte, wie Taschen, Lampen oder Kleidung. Aus Handuhrwerken werden Ohrringe und aus Rolltreppenstufen Sitzbänke. Im Betrieb arbeiten (ehemals) suchtkranke Menschen, die auf den Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Die erfolgreiche Vermittlungsquote binnen eines Jahres beträgt 60 Prozent, sagt Gottwald-Nathaniel.

Allerdings übernimmt das AMS 66 Prozent der Entlohnung für die Transitarbeitsplätze. Zusätzliche Mittel zahlt die Sucht- und Drogenkoordination Wien. Von den insgesamt 1,3 Millionen Euro anfallenden Kosten muss Gabarage 500.000 Euro aus dem Verkauf der Designerstücke erwirtschaften, um keine roten Zahlen zu schreiben. Die Erfahrung aus der Arbeitsintegration und dem Verkauf ermöglichen dem Verein aber auch, Geschäftsideen im Social-Business-Bereich zu entwickeln, die sich rein über Marktprofite erhalten können.

Eine Rolltreppe zum Niedersetzen
Credits: gabarage design

Daher soll eine eigene Werkstatt entstehen, die statt Transitarbeitsplätzen suchtkranken Menschen mit handwerklichem Talent einen festen Arbeitsplatz gibt. Dort können österreichische Jungdesigner und Unternehmen, die sonst im Ausland produzieren lassen, auf heimisches Handwerk setzen, das zu fairen Löhnen produziert wurde. Die eingesetzten Materialen folgen wiederum dem Urban-Mining-Prinzip, das Sekundärrohstoffe der Gesellschaft wiederverwertet.

Synthesen schaffen

AWS-Geschäftsführerin Edeltraud Stiftinger hofft, dass die Fördermittel ähnlich wie bei traditionellen Start-ups einen Hebeleffekt haben. Für jeden Euro öffentlichen Geldes für Start-ups im Life-Science-Bereich würden fünf Euro wieder an die Allgemeinheit zurückfließen. So hoch dürfte der Multiplikator bei den Social Entrepreneurs allerdings nicht sein. Ziel ist jedenfalls, die Fördermittel gemäß Richtlinien des Social Return on Investment (SROI) wieder hereinzubekommen. Dabei wird der gesellschaftliche Mehrwert in vergleichbaren Werten festzuhalten versucht.

Für den Erfolg eines Social Business ist aber nicht nur die Finanzierungsmöglichkeit entscheidend. Wichtig ist, dass es eine geeignete Rechtsform für Social Businesses gibt. Hier steht Österreich noch am Anfang, wie aus dem Bericht der IV hervorgeht. Start-ups müssten sich dann nicht festlegen, ob sie vorrangig ein gesellschaftliches Ziel verfolgen oder profitorientiert sind. Schließlich sollte die innovative Kraft der Privatwirtschaft nicht als Antithese zum gesellschaftlichen Mehrwert verstanden werden.

Nur eine Starthilfe

Die Gelder aus dem Fördertopf werden als einmalige Anschubfinanzierung ausgezahlt. Damit wird verhindert, dass die staatliche Förderung zum eigentlichen Geschäftsmodell wird. Wer mit seiner Idee also nicht rentabel wirtschaftet, muss wieder zusperren. Darin liegt aber auch die Nachhaltigkeit der erfolgreichen Projekte.

Die Zivilgesellschaft ist beim Social Business gleich doppelt eingebunden, wie etwa bei der geplanten Werkstätte von Gabarage: Private Unternehmer müssen die Konsumenten überzeugen, dass sie der Gesellschaft helfen, indem sie einen Aufpreis für die speziellen Produktionsbedingungen zahlen. Das ist echte Social Marktwirtschaft.