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Eigenkapital

Der Stresstest zeigt offene Hausaufgaben

von Michael Rasch / 02.08.2016

Europas Banken sind besser aufgestellt als 2014. Italienische Institute waren etwas besser als erwartet, deutsche etwas schlechter. Alle zusammen haben aber noch sehr viel zu tun.

Nach dem Stresstest ist vor dem Stresstest. Zwar ging die Prüfung der 51 grössten Banken in der EU und Norwegen glimpflich aus, doch viele Geldhäuser haben keinen Grund, sich auszuruhen. Für den nötigen Druck dürften schon allein die Finanzmärkte sorgen. Der Aktienkurs von einigen Banken, die beim Stresstest mässig abgeschnitten haben, reagierte bereits am Montag entsprechend. So notierten die Titel von Société Générale, Commerzbank, Deutsche Bank, ING Groep und BNP Paribas mit Abschlägen von 15 bis rund 4%, womit sie zu den grössten Verlierern der jeweiligen Aktienindizes gehörten. Der Kurs der italienischen UniCredit, die beim Test überraschend schwach abgeschnitten hatte, sank phasenweise sogar um rund 10%.

Bedeutender Kapitalbedarf

Die Regulierungsbehörden haben den Banken insgesamt zwar attestiert, deutlich besser gerüstet zu sein als vor zwei Jahren, doch es gibt noch einiges zu tun. Die Finanzinstitute hätten ihr Kapital in den letzten Jahren gestärkt, seien aber noch nicht völlig gesund, sagte Andrea Enria, Chef der europäischen Bankenaufsicht EBA. Etwas freundlicher formulierte es Daniele Nouy, Chefin der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB): Der Bankensektor sei widerstandsfähiger und könne wirtschaftliche Schocks viel besser absorbieren als vor zwei Jahren.

Im Anschluss an die Veröffentlichung der Stresstest-Resultate am späten Freitagabend drehte sich die Diskussion in den folgenden Tagen darum, dass manche Banken ihr Geschäftsmodell anpassen und ihr Eigenkapital stärken müssen. Die Institute müssten sich dringend Gedanken machen, wie sie ihre Geschäftsmodelle in Anbetracht der Herausforderungen durch niedrige Zinsen, Digitalisierung und strenge Regulierung anpassen, sagte etwa Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret gegenüber der „Bild“-Zeitung.

Sascha Steffen, Bankenexperte beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), erklärte im Gespräch mit dem „Handelsblatt“, das ZEW habe für Europas Banken einen Stresstest nach dem Muster der USA durchgerechnet, wodurch sich ein Kapitalbedarf von 123 Mrd. € ergeben habe. Die Schätzung mag hoch erscheinen, doch dass Europas Banken mehr Kapital benötigen, ist unter Experten wohl ziemlich unumstritten.

Besser als im Jahr 2014

Die Ergebnisse des Stresstests von EBA und EZB hatten gezeigt, dass die 51 getesteten Banken per Ende 2015 eine robuste harte Kernkapitalquote von durchschnittlich 13,2% (die 37 Institute der Euro-Zone: 13%) aufgewiesen haben. Die 51 Institute stehen für 70% der Aktiva von Banken in Europa sowie im Euro-Raum. Beim letzten grossen Stresstest im Jahr 2014 hatte die Quote noch 11,2% betragen, und 2011 sind es 9,2% gewesen. Schweizer Banken nahmen am Test nicht teil.

Durch das Stress-Szenario, bei dem im Kern eine kräftige Rezession über drei Jahre hinweg durchgespielt wurde, reduzierte sich die harte Kernkapitalquote auf durchschnittlich 9,4% (Euro-Zone: 9,1%) per Ende des Jahres 2018. Dies ist noch immer ein akzeptabler Wert. Im Jahr 2014 hatte der Rückgang des Eigenkapitals bei den Banken der Euro-Zone lediglich 2,6 Prozentpunkte betragen, gegenüber 3,9 Punkten in diesem Jahr. Die EZB sieht den Grund dafür in der strengeren Stress-Methodik und im härteren Stress-Szenario gegenüber 2014. Beim diesjährigen Stresstest gab es keine Bewertungen im Sinne von „Bestanden“ oder „Durchgefallen“. Die Ergebnisse fliessen in den „nicht mechanistischen“ kontinuierlichen Aufsichts- und Bewertungsprozess der zuständigen Behörden ein.

Den grössten Einfluss auf den Rückgang des harten Kernkapitals hatte das Kreditrisiko, welches für alle Banken im Durchschnitt für einen Rückgang des harten Eigenkapitals um 3,7 Prozentpunkte verantwortlich war. Danach folgten etwa gleichauf die Marktrisiken und operationellen Risiken. Mit Ausnahme des Monte dei Paschi di Siena (MPS) lag die Eigenkapitalquote bei allen Banken über der geforderten Marke.

Die Durchschnittswerte verbergen allerdings die kritischen Fälle. Der Blick auf einzelne Banken zeigt, wo die Probleme liegen. Zuvor befragte Analytiker hatten angegeben, eine harte Eigenkapitalquote von 7% sei für sie eine kritische Grenze. Diese reissen nur zwei Institute. Die italienische Krisenbank MPS kommt auf den sagenhaft schlechten Wert von –2,23%, und die österreichische Raiffeisen-Landesbanken-Holding erreicht nur 6,14%.

Bekannte Namen bei Verlierern

Weitere Banken liegen nur hauchdünn oder knapp über der 7%-Grenze, etwa der Banco Popular Español (7,01%), UniCredit (7,12%), Barclays (7,30%), Allied Irish Bank (7,39%), Commerzbank (7,42%), Bank of Irland (7,695) und die Deutsche Bank (7,80%). Am oberen Ende des Rankings dominieren skandinavische Institute wie die Swedbank, wenngleich der Spitzenplatz nach Deutschland geht. Die klar beste Kapitalisierung weist per Ende 2018 die staatliche NRW.Bank mit 35,40% auf. Sie ist eine Nachfolgerin der Westdeutschen Landesbank Girozentrale, die sich vollständig im Besitz des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen befindet.